Das Lied, das den Lehm formt

Ein aus Lehm geformter Golem, der neben einem Fluss unter Weidenbäumen auftaucht.
Wo der Fluss zu singen lernt, beginnt der Stein zu lauschen.

Der Fluss sang seit dreihundert Jahren, ehe jemand daran dachte, dem Lied einen Leib zu geben.

Nicht jemand, genau genommen. Die Weiden taten es — sechs von ihnen, die sich über die Biegung des Wassers neigten, ihre Wurzeln im dunklen Schlamm miteinander verhandelnd, ihre Zweige Rhythmen leitend, die sie durchs Zuhören gelernt hatten. Sie formten den Lehm mit geduldigen Bewegungen von Strömung und Wirbel, und als die Gestalt bereit war — etwas zwischen Mensch und Stein, breitschultrig, hohläugig — gossen sie das älteste Lied des Flusses hinein wie Wasser in ein Gefäß.

Der Golem erwachte zur Musik. Nicht zur Erinnerung an Musik, sondern zu Musik als Substanz, Musik als Bauplan des Bewusstseins. Wo andere solcher Geschöpfe Wörter der Macht auf Stirn oder Handfläche eingeritzt trugen, trug dieser hier die Melodie in den Kammern seiner Brust, Harmonien, die durch den Lehm seiner Glieder gezogen waren. Er erhob sich aus dem Flussbett, Algen und Schlamm hinter sich herziehend, und er hatte keinen Namen, weil die Weiden nicht daran gedacht hatten, ihm einen zu geben, und der Fluss sich nicht mit Benennung abgab.

Für eine Jahreszeit stand er einfach nur da und lernte, was das Lied wollte. Das Lied wollte Bewegung — das rhythmische Setzen von Schritten, den ruhigen Kreislauf durch Waldpfade. Das Lied wollte Zeugen — Augen, die sehen konnten, was der Fluss nur hören konnte. Also ging der Golem, und das Gehen wurde eine Art Gebet, und das Gebet hielt das Lied lebendig, und das Lied hielt den Golem lebendig, und eine Zeit lang genügte das.

Der Wald wusste von ihm, wie man vom Wandel des Wetters weiß. Etwas Neues bewegte sich durch die alten Orte, etwas, das nach Flussgrund roch und schwach nach Wassermusik klang, wenn der Wind es richtig traf. Die Rehe gewöhnten sich daran. Die Füchse änderten ihre Wege. Die Bäume, die den Plan der Weiden von Anfang an gekannt hatten, warteten einfach.

Der Golem ging seit elf Jahren, als er die Eiche entdeckte.

Nicht entdeckte — die Eiche war länger da als der Fluss, länger als der Wald selbst, ein Überlebender aus der Zeit, da dieses Land einmal anders gewesen war. Der Golem war vielleicht tausendmal an ihr vorübergegangen. Doch an diesem Morgen, im perlgrauen Licht vor dem eigentlichen Sonnenaufgang, blieb der Golem stehen. Legte eine Lehmschale auf Rinde, die schon Sonnenlicht trank, ehe die Weiden lernten zu singen. Spürte, zum ersten Mal, etwas, worauf das Lied ihn nicht vorbereitet hatte.

Die Eiche träumte. Alle Bäume träumten, hatte der Golem gelernt, doch dieser Traum war anders — tiefer, langsamer, durchzogen von Farben, die keine Namen hatten, weil das menschliche Auge nie Worte für sie gebraucht hatte. Der Golem stand in diesem Traum-Schatten und begriff mit dem Teil seines Wesens, der noch Flusslehm war, noch an das geduldige Dunkel erinnerte, dass er etwas berührte, das älter war als das Lied selbst.

Von da an besuchte er die Eiche jeden Morgen in der Dämmerung.


Die Männer kamen im Frühling, als der Waldboden weich war.

Es waren fünf, mit Äxten und Sägen, und mit jener besonderen Zuversicht von Menschen, die dafür bezahlt worden sind, etwas zu tun, und deshalb glauben, das Tun sei gerechtfertigt. Sie trugen Segeltuchjacken. Es roch nach Tabak und Kohleöl an ihnen. Im Winter hatten sie die Eiche vermessen und waren nun mit Seilen und Keilen zurückgekehrt und mit einer tiefen Abwesenheit von Zögern.

Der Golem beobachtete sie aus dem Haselgebüsch, wie sie ihre Vorbereitungen trafen. Er verstand Äxte — hatte Bäume fallen sehen, die kleinen, die der Wald entbehren konnte. Der Wald war großzügig mit seinen Toten und Sterbenden. Aber die Eiche war weder tot noch sterbend. Die Eiche war eine Bibliothek von Jahrhunderten, ein Register aus Stürmen und Schweigen, und die Männer schärften ihre Äxte.

Das Lied des Golems geriet ins Stocken.

Etwas sammelte sich hinter seinen Augen — keine Tränen, dazu war er nicht fähig, sondern eine Dichte, ein Druck, als versuche der Fluss selbst, durch den Lehm emporzusteigen. Das Gefühl hatte keinen Namen im Vokabular des Liedes. Die Weiden hatten ihn für das Gehen und das Zeugnis geformt, nicht für dieses drängende Gewicht, dieses Empfinden von Unrecht, so tief, dass es die Melodie bedrohte, die den Golem zusammenhielt.

Einer der Männer schwang seine Axt. Das Geräusch, als sie in das Fleisch der Eiche eindrang, war ein Geräusch, das der Golem für immer mit sich tragen würde.

Er trat aus dem Haselgebüsch hervor.

Die Männer sahen ihn und hielten inne. Einer bekreuzigte sich. Ein anderer griff nach etwas in seiner Jacke — einer Flasche vielleicht, oder einem Amulett. Der Golem stand vor ihnen, altes Laub hinter sich herziehend, seine Augen hohl wie Brunnen, und das Lied in seiner Brust war zu etwas anderem geworden, zu etwas, das die Weiden nicht beabsichtigt hatten, etwas Weitem und Trauerndem und ganz und gar ohne Worte.

„Christus“, sagte einer der Männer. Nur das.

Der Golem stellte sich zwischen die Eiche und die Äxte. Er hatte keine Sprache, die sie erkennen würden, keine Geste in seinem Repertoire für bitte oder Erbarmen oder Das hier bedeutet mehr als alles, wofür ihr bezahlt worden seid. Er stand einfach da. Das Lied bebte durch ihn, nun hörbar, eine tiefe Schwingung, die die Männer in den Zähnen spüren konnten.

„Das ist doch irgendein — was ist das? Lehm? So ein Trick von jemandem?“

Aber der Älteste von ihnen, der mit dem Silber im Bart, hörte das Lied. Er hörte es wirklich. Sein Gesicht veränderte sich. Er trat drei Schritte zurück, und die anderen wichen ebenfalls zurück, als sie ihn zurückweichen sahen.

„Wir können nicht —“, begann einer.

„Wir finden einen anderen Baum“, sagte der Mann mit dem silbernen Bart. Seine Stimme war leise. Bestimmt. „Wir können zurückgehen und sagen, wir finden einen anderen Baum.“


Sie gingen fort. Der Golem hörte ihre Stimmen zwischen den Buchen verblassen, hörte, wie der Wald zu seinen Rhythmen zurückfand. Er stand vor der Eiche, als die Dämmerung sich zum Tag verdichtete, und der Druck hinter seinen Augen war zu einem Fließen geworden, und das Fließen war zu den ersten Tränen geworden, die irgendetwas aus Flusslehm je geweint hatte.

Die Tränen liefen über sein Gesicht und tropften auf Moos. Wo sie fielen, erschienen kleine Blüten — nicht sofort, sondern im Verlauf von Stunden, weiß und sternförmig, eine Art, die der Wald seit dreihundert Jahren nicht gesehen hatte, seit der Fluss das letzte Mal hoch genug angeschwollen war, um Lehm in den Wurzeln der Eiche zu hinterlassen.

Da begriff der Golem. Das Lied hatte sich verändert, weil es sich hatte verändern sollen. Die Weiden hatten ihn für das Gehen und das Zeugnis geformt, ja, aber auch für dies: den Augenblick, in dem Zeugnis zu Entscheidung wird, Entscheidung zu Trauer, Trauer zu jener besonderen Schönheit, die nur das Zerbrechen möglich macht.

Er löste sich auf. Langsam, aber unaufhaltsam. Das Lied, das ihn zusammenhielt, war durch das neue Lied gestört worden, das Trauerlied, und Lehm ohne Lied ist nur Lehm. Der Golem spürte, wie er weicher wurde, spürte, wie der Fluss begann, zurückzunehmen, was der Fluss geliehen hatte.

Das schien richtig. Es schien, in Wahrheit, wie das einzig richtige Ende.

Der Golem legte beide Hände an die verwundete Rinde der Eiche. Er blieb dort stehen, als die Sonne ganz aufstieg, als der Wald um ihn herum erwachte, und er goss das, was von seinem Lied übrig war, in den Baum — ein Geschenk, ein Dank, eine Wiedererkennung zwischen alten Dingen. Die Eiche nahm es auf. Zog die Melodie hinab in Wurzeln und Kernholz, wo Lieder jahrhundertelang leben konnten, wo die Musik des Flusses Teil des Träumens werden würde.

Bis zum Abend war der Golem wieder Lehm, eine grobe menschliche Gestalt, zusammengesunken am Fuß der Eiche.

Bis zum Morgen war auch das verschwunden — zurückgeholt vom Regen, von Käfern, von der geduldigen Entropie der Jahreszeiten.

Doch die Eiche erinnerte sich. Und der Fluss, der an der Biegung der Weiden vorbeifloss, begann — ganz leise, ganz langsam — ein etwas anderes Lied zu summen.

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