Das Geheimnis der Statue

Eine Person mit Fedora steht im Regen neben einer Statue und hält einen schwarzen Handschuh.
Ein Handschuh, eine Statue und ein Sturm über Paris.

Regen klatscht auf meinen Fedora. Das Grand Palais ragt vor mir auf, ein dunkler Riese, vom Sturm geweckt. Ich bin nicht wegen der Aussicht hier. Ich bin wegen des Handschuhs hier.

Es ist ein einzelner, schwarzer Lederhandschuh, vom Regen glatt, in der steinernen Hand der Statue fest umklammert. Die Statue ist eine Frau, in Marmorgewänder gehüllt, ihr Blick leer und starr. Gestern trug sie den Handschuh nicht. Das weiß ich, weil ich jeden Tag an ihr vorbeikomme auf dem Weg zum Café.

Ich trete näher, Regen tropft von meinem Mantel. Unter dem Handschuh steckt ein Zettel. Ein Theaterabschnitt, durchnässt, aber lesbar. Théâtre des Champs-Élysées. Das Stück der letzten Saison. Ich schiebe den Abschnitt in die Tasche, sehe mich um. Niemand beobachtet mich. Ich nehme auch den Handschuh.


Das Café ist warm, voller Dampf. Madame Leclair schaut auf, als ich eintrete, und ihre Augen verengen sich beim Anblick des Handschuhs in meiner Hand. Sie sagt nichts, gießt mir nur einen Kaffee ein. Stark, schwarz. Genau das brauche ich. Sie weiß etwas, aber sie ist noch nicht bereit zu reden. Noch nicht.

Ich setze mich an meinen gewohnten Tisch, den am Fenster. Der Handschuh liegt auf dem Tisch wie ein dunkles Fragezeichen. Der Theaterabschnitt trocknet unter der Wärme der Lampe. Les Liaisons Dangereuses. Das Datum ist verwischt, aber die Uhrzeit ist klar. 20 Uhr.

Ich ziehe mein Notizbuch heraus, schreibe die Details auf. Der Handschuh ist Größe 8, ungefüttert. Teuer, aber nicht protzig. So ein Handschuh, den man an einem kühlen Abend ins Theater trägt. So ein Handschuh, der nicht in die Hand einer Statue gehört.


»Mit wem triffst du dich, Devereaux?«

Ich sehe auf. Leclair lehnt an der Theke, ein Tuch in der Hand. Sie beobachtet mich, den Blick auf den Handschuh gerichtet.

»Mit niemandem«, sage ich. »Nur etwas, das ich gefunden habe.«

Sie hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts weiter. Sie weiß es besser, als Fragen zu stellen. Sie hat in dieser Stadt schon zu viel gesehen. Wie ich. Doch in ihren Schultern sitzt Spannung, in ihren Augen ein Hauch von Angst. Sie hält etwas zurück.


Der Regen lässt nach, als ich das Café verlasse. Ich gehe in Richtung Theater, den Handschuh und den Theaterabschnitt sicher in der Tasche. Die Straßen sind glatt und spiegeln den grauen Himmel. Ich schüttle den Kopf und gehe weiter.

Das Theater ist still, die Türen sind verschlossen. Ich gehe zur Seiteneingangstür, der, den die Schauspieler benutzen. Ein Mann lehnt an der Wand und raucht eine Zigarette. Er hebt den Kopf, als ich näher komme, sein Blick wachsam.

»Ich suche jemanden«, sage ich. »Vielleicht war die Person letzte Saison hier.«

Er zieht an seiner Zigarette und bläst den Rauch langsam aus. »Hier kommen viele Leute vorbei, Monsieur.«

Ich halte ihm den Theaterabschnitt hin. »Diese Person.«

Er wirft einen Blick darauf, dann wieder zu mir. »Sind Sie ein Cop?«

Ich schüttle den Kopf. »Nur jemand, der einen Handschuh gefunden hat.«

Er zuckt mit den Schultern, zieht noch einmal an der Zigarette. »Versuchen Sie’s bei der Kostümabteilung. Dort landet das Fundbüro.«


Die Kostümabteilung ist ein Chaos aus Stoffen und Federn. Eine Frau sitzt an einer Nähmaschine, der Fuß tippt auf das Pedal. Sie sieht auf, als ich eintrete, ihre Augen hinter dicken Gläsern vergrößert.

»Ich habe das hier gefunden«, sage ich und halte den Handschuh hin. »Dachte, vielleicht vermisst ihn jemand.«

Sie nimmt den Handschuh, dreht ihn in den Händen. »Größe 8«, murmelt sie. »Ungefüttert. Gute Qualität.« Sie sieht zu mir auf. »Wo haben Sie ihn gefunden?«

»In der Hand einer Statue«, sage ich.

Sie hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts. Dann wendet sie sich einer Kiste im Regal zu, wühlt darin. »Hier«, sagt sie und zieht den passenden zweiten Handschuh heraus. »Das Paar wurde zurückgelassen. Nach der letzten Vorstellung der Saison. Aber einer fehlte. Wir dachten, er sei gestohlen worden.«

Ich nehme den Handschuh und vergleiche ihn mit dem, den ich gefunden habe. Passt. »Wem gehörte es?« frage ich.

Sie zuckt mit den Schultern. »Vielleicht einer Schauspielerin. Oder einer Besucherin. So billige Handschuhe sind das nicht, Monsieur.«

»Nein«, stimme ich zu. »Das sind sie nicht.« Ich halte inne und frage dann: »War jemand Ungewöhnliches in der Nähe, als der Handschuh verschwand?«

Sie denkt einen Moment nach. »Da war ein Mann. Er kam vorbei und fragte nach der Schauspielerin, die diese Handschuhe trug. Marie. Er hatte einen seltsamen Blick. Als wäre er verzweifelt.«


Ich verlasse das Theater, das Paar Handschuhe in der Tasche. Der Regen hat aufgehört und die Stadt bleibt sauber und glänzend zurück. Ich gehe zurück in Richtung Grand Palais, der Kopf voller Gedanken. Wer lässt ein Paar teure Handschuhe zurück? Und warum wurde einer davon in der Hand einer Statue festgehalten? Und wer war der Mann, der nach Marie suchte?

Ich komme an der Statue vorbei, ihre steinernen Augen beobachten mich. Ich nicke ihr zu, berühre die Krempe meines Fedora. Sie weiß etwas. Aber sie sagt es nicht.


Das Café ist belebt, als ich zurückkomme. Leclair steht hinter der Theke, ihre Hände tanzen über die Kaffeemaschine. Sie sieht auf, als ich eintrete, fragend in den Augen. Ich schüttle leicht den Kopf. Noch nicht.

Ich setze mich an meinen Tisch, die Handschuhe vor mir ausgebreitet. Ich fahre mit den Fingern über das weiche Leder. Eine Erinnerung regt sich. Eine Frau, ihre Hände in schwarzes Leder gehüllt, die Augen glänzend vor nicht vergossenen Tränen. Ich schüttle den Kopf, die Erinnerung verblasst.

Ich ziehe mein Notizbuch heraus, blättere die Seiten durch. Namen, Daten, Orte. Ein Netz aus Informationen. Aber keine Antworten. Noch nicht.


»Sie sehen aus wie ein Mann mit einer Mission, Devereaux.«

Ich sehe auf. Leclair steht an meinem Tisch, einen Kaffee in der Hand. Sie stellt ihn ab, den Blick auf die Handschuhe gerichtet.

»Ich versuche nur, etwas zu seinem Besitzer zurückzubringen«, sage ich.

Sie schnaubt. »Seit wann sind Sie ein Fundbüro?«

Ich zucke mit den Schultern. »Seit ich etwas gefunden habe, das mir nicht gehört.«

Sie sieht mich an, ihr Blick wird weich. »Seien Sie vorsichtig, Devereaux. Manchmal geht etwas aus einem Grund verloren.« Sie hält inne und fügt hinzu: »Marie ... sie war zu tief drin. Mit den falschen Leuten.«

Ich nicke und sehe zu, wie sie weggeht. Sie hat mir ein Puzzleteil gegeben. Aber ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass da noch mehr ist. Mehr als nur ein verlorener Handschuh.


Den Rest des Tages verbringe ich mit Anrufen, mit Fragen. Das Theater, die Kostümabteilung, die Schauspieler. Niemand weiß etwas. Oder wenn doch, dann spricht niemand. Aber ich komme immer wieder auf den Mann zurück, der nach Marie gefragt hat. Wer war er? Und was wollte er von ihr?

Ich gehe zurück zum Grand Palais, als die Sonne untergeht und die Stadt um mich herum golden wird. Die Statue beobachtet, wie ich näher komme, ihre steinernen Augen wissend. Ich bleibe vor ihr stehen, die Handschuhe in der Hand.

»Wem gehörten sie?« frage ich sie. Sie sagt nichts, ihre steinernen Lippen versiegelt. Ich seufze und schiebe die Handschuhe in meine Tasche. Ich finde es heraus. Irgendwann.


Das Café ist still, als ich zurückkomme. Leclair wischt die Theke ab, die Augen auf mich gerichtet, als ich eintrete. Ich setze mich an meinen Tisch, die Handschuhe vor mir ausgebreitet. Ich fahre mit den Fingern über das weiche Leder, und die Erinnerung regt sich wieder. Die Frau, ihre Hände in schwarzes Leder gehüllt, die Augen glänzend vor nicht vergossenen Tränen.

Ich ziehe mein Notizbuch heraus, blättere die Seiten durch. Ein Name springt mir ins Auge. Marie. Ich halte inne, die Erinnerung wird schärfer. Marie, ihre Hände in schwarzen Lederhandschuhen, die Augen glänzend vor nicht vergossenen Tränen.

Ich sehe auf, das Herz pocht. Leclair beobachtet mich, in ihren Augen eine Traurigkeit, die ich noch nie gesehen habe. Sie weiß es. Sie weiß etwas.

»Leclair«, sage ich, meine Stimme ruhig. »Was wissen Sie über Marie?«

Sie sieht mich an, die Augen voller Angst. »Sie war eine Schauspielerin, Devereaux. Eine gute. Aber sie war zu tief drin. Mit den falschen Leuten. Sie kamen, um nach ihr zu suchen. Nach der letzten Vorstellung. Sie ließ die Handschuhe zurück. Sagte, sie seien verdorben. Sie hatte Angst, Devereaux. Wirklich Angst.«

Ich nicke, die Teile fügen sich zusammen. »Die Handschuhe gehören ihr, nicht wahr?«

Leclair nickt. »Sie hat sie nach der letzten Vorstellung der Saison zurückgelassen. Sie wollte sie nicht mehr. Sagte, sie seien verdorben.«

Ich sehe auf die Handschuhe hinab, das weiche Leder ist unter meinen Fingern plötzlich kalt. Verdorben. Wodurch?


Ich verlasse das Café, die Handschuhe sicher in meiner Tasche. Die Stadt liegt dunkel da, die Straßen vom Regen glatt. Ich gehe in Richtung Theater, der Kopf voller Gedanken. Marie. Eine Schauspielerin. Zu tief drin. Mit den falschen Leuten. Und ein Mann, der nach ihr sucht. Verzweifelt.

Ich bleibe vor dem Theater stehen, die Türen verschlossen, die Fenster dunkel. Ich sehe zu dem Plakat der letzten Vorstellung der Saison hinauf. Les Liaisons Dangereuses. Ein gefährliches Spiel aus Liebe und Verrat. Ein Spiel, das Marie zu gut gespielt hat.

Ich wende mich ab, die Handschuhe schwer in meiner Tasche. Ich werde sie finden. Ich werde Marie finden. Und ich werde ihre Handschuhe zurückbringen. Verdorben oder nicht.


Die Statue sieht mir nach, als ich vorbeigehe, ihre steinernen Augen wissend. Ich nicke ihr zu, berühre die Krempe meines Fedora. Sie weiß etwas. Aber sie sagt es nicht. Noch nicht.

Aber ich werde es wissen. Ich finde es heraus. Ich werde Marie finden. Und ich werde ihre Handschuhe zurückbringen. Was auch immer es kostet.

Denn das ist es, was ich tue. Ich finde Dinge. Ich bringe sie zurück. Ich mache die Dinge wieder gut.

Selbst wenn es das Letzte ist, was ich tue.

Diese Story teilen