Das Kalkül der Taube

Eine Parkbank im Winter neben einem Brunnen, mit einer Frau in einem scharlachroten Barett, die weggeht, und einer Taube am Rand des Brunnens.
Eine kleine Tat in der Kälte setzt den nächsten Schritt in Gang.

Kälte zwickt mir in die Nase, während ich auf der Parkbank sitze, den Kragen gegen die Berliner Kälte hochgeschlagen. Die Taube mit der fehlenden linken Kralle wartet immer am Rand des Brunnens, wenn die alte Frau mit dem scharlachroten Barett vorbeikommt. Ich habe sie schon früher gesehen, immer derselbe Ablauf, dieselbe Zeit, derselbe Ort.

Heute ist etwas anders. Sie lässt statt Brotkrumen etwas Kleines, Metallisches ins Wasser fallen. Die Taube gurrt, ein dringlicher Laut, nicht das übliche träge Murmeln. Ich stehe auf, strecke die Beine und schlendere hinüber. Die Frau geht bereits davon, ihr scharlachrotes Barett wippt durch die kahlen Bäume.

Ich beuge mich über den Brunnen. Der Metallgegenstand schimmert unter dem Wasser — ein Schlüssel. Ich blicke mich um, dann greife ich hinein und hole ihn heraus. Er ist kalt, aber auch die Stadt ist kalt, und es ist nicht nur das Wetter. Auf dem Schlüssel ist eine Nummer eingraviert: 317.

Die Taube gurrt wieder und hüpft am Rand entlang. Ich zucke die Schultern und folge ihrem Blick. Er führt mich am Brunnen vorbei in die Gasse hinter dem Park. Ein verblichenes Schild trägt die Aufschrift Pieter Straße. Die Häuser hier sind alt, abgenutzt, haben aber einen soliden Charme, wie ein alternder Boxer.

Auf halber Strecke bleibt die Taube vor einer Tür stehen — Nummer 317. Ich sehe den Schlüssel an, dann die Tür. Ein alberner Gedanke, aber ich probiere den Schlüssel trotzdem. Er dreht sich mit einem leisen Klicken. Die Tür geht knarrend auf und gibt eine düstere Treppe nach oben frei.

Ich trete ein und lasse die Tür einen Spalt offen. Die Taube hüpft mir nach, ihre eine Kralle klickt auf dem Steinboden. Wir steigen die Treppe hinauf, die Taube überraschend flink trotz ihrer fehlenden Kralle. Oben ist eine weitere Tür, leicht geöffnet. Ich drücke sie weiter auf.

Der Raum ist klein, zugestellt mit alten Möbeln und staubigen Büchern. Ein einzelnes Bett in der Ecke, ordentlich gemacht. Darüber ein verblasstes Poster von Marianne Faithfull. Das Zimmer einer alten Frau, aber sie ist nicht da. Stattdessen sitzt dort ein Mann zusammengesunken in einem Stuhl, das Gesicht bleich, die Augen geschlossen. Eine dünne Blutspur läuft von seiner Stirn.

Ich prüfe seinen Puls. Noch am Leben. Auf dem Tisch neben ihm stehen eine halb leere Flasche Jägermeister und ein Aschenbecher, der überquillt von Gauloises-Stummeln. Ich rüttele ihn sanft. Er stöhnt, die Augen flattern auf.

„Wer sind Sie?“, frage ich.

Er sieht mich verwirrt an. „Wo ist Martha?“

„Die alte Frau? Ich weiß es nicht. Ich habe ihren Schlüssel gefunden.“ Ich halte ihn hoch.

Er reibt sich die Stirn und verzieht das Gesicht. „Sie soll… nach mir sehen. Sichergehen, dass ich…“ Er bricht ab und blickt auf die Flasche.

„Sichergehen, dass Sie sich nicht zu Tode saufen?“, ergänze ich.

Er nickt. „So ungefähr.“

Ich sehe mich im Zimmer um, dann wieder ihn an. „Wie heißen Sie?“

„Klaus“, sagt er. „Klaus Schmidt.“

„Na gut, Klaus, ich glaube, Martha hat mich geschickt, um Ihnen zu helfen. Oder die Taube, jedenfalls.“

Er sieht die Taube an, die Stirn gerunzelt. „Das ist Marthas Taube. Sie liebt das Vieh.“

Ich zucke die Schultern. „Vielleicht liebt es sie auch. Vielleicht wollte es Hilfe holen, als sie selbst nicht darum bitten konnte.“

Klaus schaut mich an, dann die Taube. Er lacht, ein raues Geräusch. „Das ist doch lächerlich.“

Ich lächle. „Vielleicht. Aber hier sind wir.“


Ich helfe Klaus beim Aufräumen, ihn nüchtern zu kriegen. Wir reden, nicht viel, aber genug. Er ist ein pensionierter Polizist, Witwer. Sie ist seine Nachbarin, eine Freundin. Sie schaut nach ihm, er schaut nach ihr. Nur heute konnte sie nicht.

„Sie hatte heute einen Arzttermin“, sagt Klaus und sieht auf den Schlüssel. „Sie wusste, dass sie nicht rechtzeitig zurück wäre, um nach mir zu sehen. Sie muss den Schlüssel dagelassen haben, damit jemand ihn findet.“

Ich denke an die Taube, an das dringliche Gurren. „Vielleicht“, sage ich.

Klaus sieht mich an, dann die Taube. Sie sitzt auf der Fensterbank und beobachtet uns. „Sie glauben, das Tier hat das verstanden?“

Ich zucke mit den Schultern. „Spielt das eine Rolle? Es geht Ihnen doch gut, oder?“

Klaus grunzt und schaut weg. Aber später, als Martha zurückkommt, erzählt er ihr, die Taube habe ihm das Leben gerettet. Sie lächelt und tätschelt sanft ihren Kopf. Die Taube gurrt leise, ein zufriedener Laut.

Ich lasse sie so zurück: die alte Frau, den alten Mann und die einkrallige Taube. Ich gehe durch den Park zurück, den Kragen hoch gegen die Kälte. Über mir ist der Berliner Himmel grau, aber die Stadt fühlt sich ein wenig wärmer an.

Die Taube fliegt an mir vorbei, zurück in Richtung Brunnen. Als ich den Brunnen passiere, höre ich ein Gurren. Die Taube sitzt wieder am Rand, eine Kralle angezogen. Sie sieht mich an, legt den Kopf schief. Ich nicke und lächle.

„Gute Arbeit“, sage ich. Sie gurrt erneut, ein leiser Laut, fast wie ein Lachen.

Ich gehe weiter und lasse die Taube, den Brunnen, den ganzen seltsamen Tag hinter mir. Aber als ich weitergehe, schwöre ich, dass ich es noch ein letztes Mal höre, ein finales Gurren, das im Lärm der Stadt verklingt. Und ich kann mich irren, aber es klingt fast wie —

Danke.

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