Der Handschuhschlüssel

Eine durchnässte schwarze Handschuhhand hält einen kleinen Messingschlüssel in einer dunklen Gasse
Ein kleiner Schlüssel, der Handschuh eines Toten und ein hässliches Geheimnis

Der Regen schmeckt nach Kupfer und Zigaretten.

Ich rauche nicht. Aber der Tote tut es. Die Packung steckt noch in seiner Brusttasche, inzwischen aufgeweicht, die Cellophanfolie löst sich ab wie eine zweite Haut. Ich tippe mit dem Fingerknöchel dagegen. Leer.

Sein Handschuh ist schlimmer. Leder, früher mal fein. Jetzt an den Nähten ausgeleiert, die Finger gekrümmt, als würde er immer noch etwas festhalten. Ich schiebe den USB-Stick in das Futter, bevor ich zu viel darüber nachdenken kann. Das Futter ist eingerissen. Meine Finger streifen etwas Kaltes. Nicht den Stick. Einen Schlüssel. Klein, aus Messing, in die Handfläche des Toten gedrückt wie ein letztes Geheimnis.

Ich prüfe den Mund. Die Lippen sind leicht geöffnet. Kein Schlüssel. Jemand war schon hier.

Die Gasse riecht nach nasser Pappe und alten Kebabs. Die Hintertür des Geldwechslers steht einen Spalt offen, das Sicherheitslicht summt wie ein sterbendes Insekt. Ich steige über die Leiche, meine Schuhe kleben am Asphalt. Der Stick steckt jetzt in meiner Tasche, der Schlüssel in meiner anderen Hand. Das Blut des Toten ist an meinem Ärmel noch warm.


Das Café in der Rue du Marché aux Poulets macht erst um sechs auf. Ich bestelle trotzdem einen Kaffee. Der Barista stellt keine Fragen. Er hat um drei Uhr morgens schon Schlimmeres gesehen.

Ich zähle das Geld in meinem Portemonnaie. Genug für ein Zugticket. Nicht genug, um zu verschwinden.

Der USB-Stick ist ein Klumpen in meiner Tasche. Unter dem Tisch rolle ich ihn zwischen den Fingern. Er gehört mir nicht. Aber ihm gehört er auch nicht mehr.

Mein Telefon summt. Unbekannte Nummer.

Du hast etwas, das dir nicht gehört.

Ich nippe an meinem Kaffee. Er ist bitter. Ich antworte nicht.


Der erste Polizist taucht um 4:17 auf. Nicht in Uniform. Er bestellt einen Espresso und setzt sich zwei Tische weiter. Seine Schuhe sind poliert. Zu poliert für diese Stunde. Er sieht mich nicht an, aber seine Finger trommeln auf der Theke einen Rhythmus, der nicht ganz zufällig ist. Morsezeichen für Ich weiß es.

Ich lege einen Fünf-Euro-Schein unter meine Tasse und gehe hinaus.

Der Regen hat aufgehört. Die Straßen sind glatt und spiegeln die Leuchtreklamen wie gebrochene Versprechen. Ich schlüpfe in eine Telefonzelle nahe der Börse. Das Glas ist gesprungen, der Hörer riecht nach Urin. Ich wähle die Nummer aus dem Gedächtnis.

Eine Frau hebt ab. „Du bist spät.“

„Ich hatte einen Umweg“, sage ich.

„Der Stick. Wo ist er?“

„Irgendwo sicher.“

Sie atmet aus. Kein Seufzen. Eine Berechnung. „Du hast bis Mittag. Dann fällt der Preis.“

„Und wenn ich nicht verkaufe?“

„Dann bist du nicht so klug, wie ich dachte.“

Die Leitung bricht ab.


Der zweite Polizist findet mich am Gare du Midi. Jünger. Die Krawatte locker, die Augen gerötet. Er zeigt eine Marke. „Wir müssen reden.“

„Worüber?“

„Über die Leiche in der Gasse. Die mit dem Handschuh.“

Ich reagiere nicht. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Er beugt sich vor. „Der Schlüssel in seinem Mund. Er ist weg. Sie wurden zuletzt in der Nähe des Tatorts gesehen.“

„Von wem gesehen?“

„Spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass Sie etwas in der Hand haben, das Ihnen nicht gehört.“

Ich lächle. „Komisch. Das hat der andere auch gesagt.“

Sein Kiefer spannt sich an. „Das ist keine Verhandlung.“

„Alles ist eine Verhandlung“, sage ich. „Sogar das Schweigen.“

Das gefällt ihm nicht. Er packt mich am Arm. Ich lasse es zu. Für einen Moment. Dann reiße ich mich los, mein Ellbogen trifft seine Rippen. Er grunzt und stolpert zurück. Nicht hart. Gerade genug.

„Mittag“, sage ich. „Ich rufe Sie an.“

Ich gehe. Er folgt nicht. Noch nicht.


Der Mittelsmann wartet in einem schwarzen Audi vor dem Bahnhof. Der Motor läuft, die Scheiben sind getönt. Ich steige ein, ohne gefragt zu werden.

Sie ist älter, als ich erwartet habe. Silbernes Haar, scharfe Augen. Ihre Hände liegen ruhig am Lenkrad. „Du machst es schwierig“, sagt sie.

„Ich mache es interessant.“

„Interessant zahlt nicht.“

„Warum bist du dann hier?“

Sie antwortet nicht. Stattdessen reicht sie mir einen Umschlag. Dick. Unversiegelt. Ich schiele hinein. Euro. Eine Menge.

„Die Hälfte jetzt“, sagt sie. „Die andere, wenn ich den Stick habe.“

Ich wiege den Umschlag in der Hand. „Und der Schlüssel?“

„Der Schlüssel gehört nicht dazu.“

„Dann haben wir keinen Deal.“

Sie mustert mich. „Du bist nicht in der Position zu verhandeln.“

„Du auch nicht“, sage ich. „Nicht, wenn du den Stick mehr willst, als ich das Geld will.“

Eine Pause. Der Motor summt. Dann nickt sie. „Gut. Auch den Schlüssel. Aber du fragst nicht, wofür er ist.“

„Ist mir egal, wofür er ist.“

„Gut.“ Sie legt den Gang ein. „Weil dir die Antwort nicht gefallen wird.“


Der Stick liegt in einem Schließfach am Flughafen. Der Schlüssel steckt in meinem Schuh. Ich vertraue keiner Bank. Ich vertraue keinem Mittelsmann. Ich vertraue keinen Polizisten.

Aber dem Zug nach Antwerpen vertraue ich. Er fährt in vierzig Minuten.

Ich kaufe ein Ticket. Einfach. Bar.

Der Umschlag des Mittelsmanns ist schwer in meiner Tasche. Das Blut an meinem Ärmel ist getrocknet. Das Gesicht des Toten ist mir immer noch im Kopf. Nicht sein Name. Nur das Gefühl, wie sein Handschuh sich anfühlte, als ich ihn aufbrach.

Der Bahnsteig ist voll. Touristen. Geschäftsleute. Eine Frau mit einem Flamingo an der Leine. Niemand sieht mich zweimal an.

Ich steige ein. Suche mir einen Platz am Fenster. Die Nummer des Mittelsmanns erscheint auf meinem Telefon. Ich ignoriere sie.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Brüssel wird hinter mir kleiner. Der Regen beginnt wieder und zieht Streifen über das Glas.

Ich ziehe den USB-Stick aus der Tasche. Rolle ihn zwischen den Fingern. Dann lasse ich ihn in den Aschenbecher fallen und zünde ein Streichholz an.

Das Plastik schmilzt. Die Daten verbrennen.

Der Schlüssel bleibt in meinem Schuh.

Manche Geheimnisse sind mehr wert als Geld. Manche nicht.

Welches von beidem das hier ist, finde ich in Antwerpen heraus.

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