Die Scheibenwischer quietschen wie eine Ratte in der Falle. Ich schalte sie aus. Der Regen hört nicht auf.
Die Möwe ist noch da. Weiße Federn, schwarzer Schnabel, ein glasiges Auge. Mit einem Streifen Panzertape an die Scheibe geheftet, die Flügel ausgebreitet, als wollte sie abheben. Unter dem linken Flügel ein Schlüssel. Zimmer 312, Hôtel des Vagues. Das Tape ist nass, aber der Schlüssel ist trocken.
Ich fasse ihn nicht an. Noch nicht.
Der Parkplatz ist leer, abgesehen von meinem Peugeot und einem Van mit kaputtem Rücklicht. Hinter mir ragt das Zollamt auf, alles Glas und Stahl. Drinnen steht mein Name im Dienstplan. Draußen ist die Möwe eine Botschaft. Das weiß ich so sicher, wie ich nach Mitternacht den Geschmack von Pastis kenne.
Der Schlüssel ist warm in meiner Tasche. Nicht körperwarm. Motorwarm. Als hätte er auf einem Armaturenbrett gelegen.
Ich fahre los. Der Regen verwischt den Vieux-Port. Die Scheibenwischer bleiben aus. Ich mag das Geräusch der Reifen auf nassem Asphalt. Im Moment ist es das Einzige, was Sinn ergibt.
Das Hôtel des Vagues ist ein Drei-Sterne-Irrtum an der Rue des Catalans. Die Lobby riecht nach Bleichmittel und kalten Zigaretten. Der Nachtportier blickt nicht von seinem Handy auf. Ich nehme die Treppe. Der Teppich klebt unter meinen Schuhen.
Zimmer 312 liegt am Ende des Flurs. Der Schlüssel passt sofort. Die Tür knarrt, als hätte sie gewartet.
Die Frau darin ist nicht das, was ich erwartet habe. Sie sitzt auf dem Bett und raucht. Kein Verband an der Hand. Kein Koffer. Nur eine Zigarette und dieser Blick, als wäre sie schon einmal hier gewesen.
„Du bist spät“, sagt sie.
„Ich wusste nicht, dass ich komme.“
Sie atmet aus. Der Rauch kringelt sich um ihre Finger. „Die Möwe war eine nette Idee. Poetisch.“
„Ich habe sie nicht geschickt.“
„Ich weiß.“ Sie drückt die Zigarette aus. „Aber jetzt bist du hier. Das zählt.“
Das Zimmer ist klein. Ein Bett, ein Stuhl, ein Spiegel mit einem Sprung in der Ecke. Die Laken sind sauber. Die Klimaanlage summt wie ein sterbendes Insekt.
„Wer sind Sie?“, frage ich.
„Claire.“ Einen Nachnamen bietet sie nicht an. „Ich habe jemand anderen erwartet. Den Mann mit der bandagierten Hand.“
„Der kommt nicht.“
„Nein“, sagt sie. „Tut er nicht.“
Claire schenkt zwei Gläser mit etwas Braunem aus einer Flasche ohne Etikett ein. Es schmeckt nach verbranntem Zucker und Reue.
„Das Kassenbuch ist echt“, sagt sie. „Dein Name steht drin.“
Ich frage nicht wie. Ich weiß es ohnehin. Das Zollamt hat einen Hintereingang. Jeder weiß das. Die meisten tun so, als wüssten sie es nicht.
„Was ist in dem Koffer?“, frage ich stattdessen.
Sie lächelt. Es ist kein freundliches Lächeln. „Geld. Pässe. Eine Waffe, die mehr als einmal benutzt wurde.“
„Und die Möwe?“
„Eine Signatur.“ Sie tippt gegen ihr Glas. „Dem Mann mit der bandagierten Hand gefielen seine kleinen Witze.“
Ich denke an die Möwe auf meiner Windschutzscheibe. An den Schlüssel unter ihrem Flügel. Daran, wie der Regen das Blut weggewaschen hat, nicht aber die Botschaft.
„Er ist tot“, sage ich.
Claire nickt. „Letzte Woche. In Barcelona. Jemand hat ihm eine Kugel in den Hals gejagt.“
„Und jetzt sind sie hinter dem Kassenbuch her.“
„Sie sind hinter allen her, die drinstehen.“
Das Hotelzimmer hat einen Balkon. Klein. Gerade groß genug für zwei Stühle und den Blick aufs Mittelmeer. Der Regen hat aufgehört. Das Wasser ist schwarz.
„Du könntest weglaufen“, sagt Claire. „Aber sie werden dich finden.“
„Ich könnte zur Polizei gehen.“
Sie lacht. Es ist ein trockenes Geräusch. „Und was sagst du denen? Dass du einen toten Vogel auf deinem Auto gefunden hast? Dass dein Name in einem Kassenbuch steht, das du nie gesehen hast?“
Ich antworte nicht. Sie hat recht.
„Es gibt noch einen anderen Weg“, sagt sie. „Aber er ist dreckig.“
„Wie dreckig?“
„So dreckig, dass Blut auf den Laken bleibt.“
Ich sehe das Bett an. Die Laken sind weiß. Zu weiß.
Der Koffer steht im Schrank. Claire öffnet ihn, als hätte sie das schon einmal getan. Drinnen: Stapel von Euro-Scheinen, ein Dutzend Pässe, eine Glock 17. Die Pässe laufen auf verschiedene Namen. Auf allen Fotos derselbe Mann. Der Mann mit der bandagierten Hand.
„Er war ein Kurier“, sagt Claire. „Kein guter. Aber er wusste, wo die Leichen vergraben sind.“
„Und das Kassenbuch?“
„Ist nicht hier.“ Sie klappt den Koffer zu. „Aber ich weiß, wo es ist.“
„Wo?“
„In einem Bankschließfach. Der Schlüssel ist in deiner Tasche.“
Ich hole den Schlüssel heraus. Den von der Möwe. Den mit der Aufschrift Zimmer 312. Den, der nicht wie ein Bankschlüssel aussieht.
„Der öffnet ein Hotelzimmer.“
„Beides“, sagt sie. „Dem Mann mit der bandagierten Hand gefielen seine kleinen Witze. Der Hotelschlüssel ist der Schließfachschlüssel. Gleicher Zuschnitt, anderer Bart.“
Ich drehe ihn zwischen den Fingern. Das Metall ist warm.
„Warum ich?“
„Weil du der Einzige bist, der es noch öffnen kann.“
Die Bank liegt am Boulevard de la Blancarde. Sie ist geschlossen. Die Lichter sind aus. Der Wachmann schläft in seinem Stuhl.
Claire knackt das Schloss. Ich halte die Straße im Blick. Niemand kommt.
Das Schließfach ist klein. Nummer 47. Der Schlüssel passt. Drinnen liegt ein Kassenbuch. Ein echtes. In Leder gebunden. Handschriftlich.
Mein Name steht auf Seite zwölf. Neben einer Zahl. Einer großen.
„Was ist das für eine Zahl?“, fragt Claire.
„Der Betrag, den ich dafür bekommen habe, wegzusehen“, sage ich. „Jedes Mal.“
Sie blättert durch die Seiten. „Hier stehen viele Namen. Viele Zahlen.“
„Und viele Möwen“, sage ich.
Wir verbrennen das Kassenbuch im Waschbecken. Die Seiten kräuseln sich. Die Tinte verläuft. Der Rauch löst den Feueralarm aus.
Claire lacht. Ich nicht.
Das Hotelzimmer ist leer, als wir zurückkommen. Der Koffer ist weg. Das Bett ist gemacht. Die Balkontür steht offen. Die Möwe sitzt auf dem Geländer. Die Flügel ausgebreitet. Der Schnabel offen, als würde sie schreien.
„Sie wissen es“, sagt Claire.
Ich sehe die Möwe an. Dann sie. „Und jetzt?“
Sie nimmt das Telefon, wählt eine Nummer, wartet.
„Ich bin’s“, sagt sie. „Ich habe den Zollmakler. Ja. Er ist bereit.“
Sie legt auf. Lächelt.
„Jetzt warten wir auf das nächste Klopfen.“
Das Klopfen kommt um 3:17 Uhr. Drei kurze Schläge. Wie ein Code.
Claire öffnet die Tür. Zwei Männer. Einer groß. Einer klein. Beide im Anzug. Beide mit Waffen.
Der Große tritt ein. Der Kleine bleibt im Flur. Er ist der, der spricht.
„Ihr habt etwas, das euch nicht gehört“, sagt er.
Ich sehe Claire an. Sie lächelt nicht mehr.
„Habe ich nicht“, sage ich. „Ist weg.“
Der Kleine nickt. „Das wissen wir.“
Der Große bewegt sich schnell. Seine Faust trifft mich in den Bauch. Ich gehe zu Boden. Der Teppich riecht nach Bleichmittel und kalten Zigaretten.
Claire rührt sich nicht. Sie zuckt nicht einmal.
„Das Kassenbuch ist weg“, sagt sie. „Aber das Geld nicht.“
Der Kleine lächelt. „Wo?“
„Im Koffer“, sagt sie. „Im Schrank.“
Der Große öffnet den Schrank. Er ist leer.
Claire seufzt. „Ich habe gelogen. Der Koffer ist schon bei unserem Freund. Bei dem mit der bandagierten Hand.“
Das Lächeln des Kleinen verschwindet. Der Große dreht sich um. Die Waffe noch in der Hand.
Claire bewegt sich. Schnell. Plötzlich hält sie ein Messer in der Hand. Sie schlägt zu. Die Kehle des Großen öffnet sich. Blut spritzt. Er sackt zusammen.
Der Kleine schießt. Der Schuss geht vorbei. Claire ist schon durch die Balkontür draußen.
Ich hinterher. Das Geländer ist nass. Die Möwe ist verschwunden.
Wir rennen. Über die Feuerleiter. Über den Parkplatz. In die Gassen hinter dem Vieux-Port. Der Regen setzt wieder ein. Er spült das Blut weg, nicht aber den Schussknall.
Claire bleibt in einer Türöffnung stehen. Sie atmet schwer. Ihr Messer ist weg. Ihre Hände sind leer.
„Die werden uns suchen“, sagt sie.
„Wer ist das?“
„Die Leute, denen das Kassenbuch gehört.“
„Und du?“
Sie sieht mich an. „Ich bin die, die es verbrannt hat.“
Ich glaube ihr nicht. Aber ich habe keine Wahl.
Das Versteck ist eine Fischerhütte am Rand der Docks. Die Tür ist nicht verschlossen. Die Fenster sind vernagelt. Die Luft riecht nach Salz und Diesel.
Claire findet eine Flasche Pastis. Sie schenkt zwei Gläser ein. Wir trinken.
„Und jetzt?“, frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. „Wir warten.“
„Worauf?“
„Darauf, dass sie einen Fehler machen.“
Ich sehe auf meine Hände. Sie zittern. Nicht vor Kälte. Vor dem Gewicht des Schlüssels in meiner Tasche. Dem, der das alles ausgelöst hat.
„Du hättest gehen können“, sagt sie. „Zur Polizei. Weglaufen.“
„Konnte ich.“
„Aber du hast es nicht getan.“
„Nein.“
Sie lächelt. Kein freundliches Lächeln. „Darum lebst du noch.“
Das Klopfen kommt im Morgengrauen. Nicht an der Tür. Am Fenster. Drei harte Schläge. Wie ein Code.
Claire ist zuerst in Bewegung. Sie steht schon an der Tür, bevor ich aufstehe. Die Pastisflasche ist leer. Die Gläser stehen auf dem Tisch. Das Kassenbuch ist weg.
Der Mann draußen ist allein. Er hält einen schwarzen Koffer. Seine Hand ist bandagiert.
Claire öffnet die Tür. „Du bist spät“, sagt sie.
Der Mann lächelt. „Verkehr.“
Ich sehe auf seine Hand. Der Verband ist frisch. Der Koffer ist identisch mit dem aus dem Hotelzimmer.
„Wer sind Sie?“, frage ich.
Er sieht mich an. „Der Mann mit der bandagierten Hand.“
Claire lacht. Es ist ein trockenes Geräusch. „Hab dir doch gesagt, dass er nicht tot ist.“
Der Mann tritt ein. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Der Koffer klickt auf.
Drinnen: Stapel von Euro-Scheinen. Ein Dutzend Pässe. Eine Glock 17. Und ein Kassenbuch.
„Ihr habt das falsche verbrannt“, sagt er.
Claire antwortet nicht. Sie greift schon nach der Waffe.