Der nasse Name

Ein Kurier steht im Regen vor einer geschlossenen Bäckerei und hält einen nassen Umschlag.
Eine regennasse Übergabe, die nie stattfindet.

Der Umschlag klebt an seinen Rippen. Nicht vom Schweiß. Vom Regen, der fiel, während er unter dem Vordach der Boulangerie Morel wartete, jetzt geschlossen, ihr Stahlladen mit einem einzigen blauen M markiert. Der Kurier — Ludo — blickt auf die Uhr seines Handys: 23:17. Der Bildschirm leuchtet grün in der Dunkelheit und wirft Schatten auf das feuchte Papier, das in seinem Mantel steckt. Die Ecken sind weich, ausgefranst.

Er hätte ihn um 22:00 übergeben sollen. Punkt. Der Mann mit der Narbe — le Balafré — sollte ihn hier treffen, aber die Lichter der Bäckerei blieben aus, die Tür verschlossen. Kein Anruf, keine Nachricht. Nur der Regen und das Gewicht des Umschlags, das gegen seine Brust drückt wie eine schlechte Entscheidung.

Ludo atmet aus, und der Atem kringelt sich in der Kälte. Er riecht nach dem Espresso, den er vor zwei Stunden getrunken hat, noch immer bitter auf der Zunge. Er tippt einmal auf den Umschlag, dann noch einmal. Etwas darin verschiebt sich — Papier, kein Geld. Ein Name vielleicht. Oder eine Schuld.


Der erste Klopfer kommt um 23:42.

Ludo ist an der Rue des Catalans, auf halbem Weg zu den Docks, als die Scheinwerfer über ihn hinwegstreichen. Ein schwarzer Peugeot 308, die Scheiben getönt. Er rollt langsam heran, der Motor schnurrt wie eine Katze. Das Beifahrerfenster senkt sich.

Eine Stimme, glatt: « Monte. »

Ludo rührt sich nicht. Er kennt dieses Spiel. Der Umschlag ist Hebel, aber nur, wenn er noch lebt, um ihn auszuspielen.

« J’ai dit monte. »

Die Tür entriegelt mit einem Klick. Ludo steigt ein.

Der Mann auf dem Beifahrersitz ist nicht le Balafré. Er ist jünger, glatt rasiert, trägt eine Lederjacke, die knarzt, als er sich dreht. Sein Aftershave ist zu stark — irgendetwas mit Bergamotte und Waffenöl.

« Tu as le paquet ? »

Ludo klopft an seinen Mantel. « Ici. »

« Donne. »

« Non. »

Eine Pause. Der Fahrer — eine Frau mit Pixie-Schnitt und silbernem Ring in der Augenbraue — sieht ihn nicht an. Sie hält einfach die Straße im Blick, die Hände locker am Lenkrad.

« Tu sais ce qu’il y a dedans ? » fragt der Mann.

« Un nom. »

« Le nom de qui ? »

« Celui que vous cherchez. »

Der Mann lächelt. Es erreicht seine Augen nicht. « Et si je te disais que le nom a changé ? »

Ludos Fingerknöchel spannen sich um den Umschlag. « Alors vous me devez plus. »

Der Peugeot reißt kurz aus der Spur. Die Frau flucht, fängt ihn wieder auf, aber der Mann auf dem Beifahrersitz lacht bereits. « Tu as des couilles, petit. Mais les couilles, ça se coupe. »


Das Lagerhaus liegt am Rand von La Joliette, wo die Kräne wie verrostete Riesen stehen. Der Peugeot parkt neben einem Schiffscontainer, dessen Tür offen hängt wie ein gebrochener Kiefer. Innen riecht die Luft nach Salz und Diesel.

Der Mann — Vincent — führt Ludo an Palettenstapeln vorbei, an einem Gabelstapler mit kaputtem Scheinwerfer. Hinten: ein Metalltisch, eine Lampe, ein Laptop. Und ein dritter Mann, der auf einem Klappstuhl sitzt und eine Münze zwischen den Fingern dreht.

« Assieds-toi. »

Ludo setzt sich nicht.

Die Münze bleibt stehen. Der Mann blickt auf. Sein Gesicht ist kantig, scharf genug zum Schneiden. « Tu es en retard. »

« J’ai attendu. »

« Pas assez. »

« Assez pour savoir que le Balafré ne viendra pas. »

Der Mann — Renaud — nickt. Die Münze beginnt wieder zu kreisen. « Alors tu sais aussi que le nom dans cette enveloppe ne vaut plus rien. »

« Il vaut ce que vous payez. »

« Non. » Renaud fängt die Münze auf, schlägt sie auf den Handrücken. « Il vaut ce que je dis. Et ce soir, je dis qu’il vaut une balle dans ta rotule. »

Die Frau aus dem Auto tritt vor, zieht eine Pistole aus dem Hosenbund. Keine große. Eine Beretta 950, klein genug für die Tasche, groß genug, um ein Knie zu ruinieren.

Ludos Kehle wird trocken. « Vous voulez le nom ? Prenez-le. »

« Trop tard. » Renaud steht auf. « Maintenant, on veut savoir qui d’autre l’a vu. »


Der erste Schlag trifft um 00:37.

Ludo kniet, die Hände mit Kabelbindern hinter dem Rücken. Der Betonboden des Lagers ist kalt, körnig. Vincent hockt vor ihm und krempelt sich die Ärmel hoch.

« Dernière chance. Qui d’autre ? »

« Personne. »

« Menteur. »

Der zweite Schlag spaltet seine Lippe. Blut tropft auf sein Hemd, dunkel im Lampenlicht.

« On sait que tu as parlé à quelqu’un. »

« Je n’ai parlé à personne. »

« Alors pourquoi le Balafré a disparu ? »

« Parce qu’il est mort. »

Stille. Die Münze hört auf zu fliegen.

« Comment tu sais ? » Die Stimme von Renaud ist leise.

« Parce que j’ai vu le corps. » Ludo spuckt Blut. « Dans son appartement. Porte ouverte. Deux balles dans la poitrine. Une dans l’œil. »

« Et l’enveloppe ? »

« Pas là. »

« Alors qui l’a ? »

« Je ne sais pas. »

« Menteur. »

Der dritte Schlag bricht ihm einen Zahn.


Sie lassen ihn um 01:12 im Lagerhaus zurück.

Die Kabelbinder schneiden in seine Handgelenke. Der Umschlag ist weg — genommen oder verloren, oder vielleicht gehörte er nie ihm. Seine Rippen schmerzen. Sein Mund schmeckt nach Kupfer.

Er rollt sich auf die Seite, spuckt noch einmal. Das Lager ist jetzt leer, nur das Summen des Kühlschranks in der Ecke, das entfernte Dröhnen eines Schiffshorns.

Dann — Schritte.

Ludo erstarrt.

Ein Schatten bewegt sich nahe der Tür. Ein Mann, groß, in langem Mantel. Er tritt ins Licht.

« Tu es Ludo ? »

« Qui veut savoir ? »

« Quelqu’un qui cherche le même nom que toi. »

« Trop tard. »

« Non. » Der Mann hockt sich hin, zieht ein Messer aus seinem Stiefel. « Juste à temps. »

Die Klinge blitzt. Die Kabelbinder reißen.

« Viens. On a jusqu’à l’aube. »


Die Wohnung liegt am Cours Julien, über einem Tattoostudio. Der Mann — Daniel — öffnet die Tür mit einem Schlüssel, der zu alt für das Schloss wirkt. Drinnen riecht die Luft nach Räucherwerk und alten Büchern.

« Assieds-toi. »

« Je préfère rester debout. »

« Comme tu veux. » Daniel schaltet eine Lampe an. Das Licht fängt die Kante eines Fotos an der Wand ein — ein Mann im Anzug, vor einer Bäckerei stehend. Boulangerie Morel.

« Tu le reconnais ? »

« Le Balafré. »

« Oui. Et non. » Daniel gießt zwei Gläser Whisky ein und schiebt eines über den Tisch. « Son vrai nom était Morel. Le boulanger était son frère. »

« Et l’enveloppe ? »

« Une dette. Une vieille. » Daniel nimmt einen Schluck. « Morel devait de l’argent à quelqu’un. Pas un prêteur. Un ami. Quelqu’un qui ne pardonne pas. »

« Renaud. »

« Pire. » Daniels Lächeln ist schmal. « Renaud travaille pour lui. »

« Qui ? »

« Le nom dans l’enveloppe. »

« Je ne l’ai pas. »

« Je sais. » Daniel zieht einen zweiten Umschlag aus seinem Mantel. Dieser hier ist trocken, versiegelt. « Mais moi, si. »

Ludo starrt ihn an. « Pourquoi ? »

« Parce que Morel était mon client. » Daniel tippt gegen den Umschlag. « Et maintenant, c’est toi. »

« Je ne veux pas de clients. »

« Trop tard. » Daniel schiebt den Umschlag über den Tisch. « Tu es déjà dedans. »


Die Docks sind um 03:48 still.

Ludo geht schnell, den Umschlag wieder im Mantel. Diesmal ist er schwerer. Diesmal weiß er, was darin ist.

Ein Name.

Eine Schuld.

Ein Mann, der nicht vergisst.

Seine Fingerknöchel sind aufgesprungen. Die Lippe geschwollen. Aber seine Hände sind ruhig.

Der Peugeot steht da, wo er ihn gelassen hat, der Motor läuft. Die Frau — Claire — lehnt an der Motorhaube und raucht. Sie wirft die Zigarette weg, als sie ihn sieht.

« Tu as ce qu’il faut ? »

« Oui. »

« Alors monte. »

« Non. »

« Quoi ? »

« J’ai un autre rendez-vous. »

« Avec qui ? »

« Le type qui a tué Morel. »

Claires Augen verengen sich. « Tu es fou. »

« Peut-être. » Ludo richtet seinen Mantel. « Mais je suis encore en vie. »

« Pour l’instant. »

« Exactement. »

Er geht davon. Hinter ihm heult der Motor des Peugeot auf. Dann verliert er sich.


Der Rollladen der Bäckerei ist um 04:15 noch unten.

Ludo steht im Regen und wartet. Der Umschlag wärmt seine Rippen. Der Name darin ist ein Gewicht, das er nicht abschütteln kann.

Dann — Scheinwerfer.

Ein Van, weiß, ohne Kennzeichen. Er hält langsam an. Die Seitentür gleitet auf.

« Monte. »

Ludo steigt ein.

Der Mann darin ist nicht Renaud. Nicht Daniel. Nicht le Balafré.

Er ist älter. Sein Anzug ist teuer. Seine Hände sind sauber.

« Tu as quelque chose pour moi ? »

« Oui. »

« Alors donne. »

« D’abord, l’argent. »

Der Mann lächelt. « Tu es nouveau, hein ? »

« Assez pour savoir que les règles ont changé. »

« Les règles ne changent jamais. » Der Mann beugt sich vor. « Mais les joueurs, si. »

« Alors jouons. »

Der Mann greift in seinen Mantel. Zieht eine Waffe hervor.

« Dernière chance. L’enveloppe. Maintenant. »

Ludo rührt sich nicht. « Vous voulez le nom ? »

« Oui. »

« Alors dites-moi d’abord qui vous êtes. »

Das Lächeln des Mannes verblasst. « Je suis celui qui efface les dettes. »

« Pas ce soir. »

« Pourquoi ? »

« Parce que ce soir, » sagt Ludo, « c’est moi qui ai le nom. »

Die Waffe wankt nicht.

« Et demain ? »

« Demain, » sagt Ludo, « on verra. »

Der Van läuft im Leerlauf. Der Regen fällt.

Irgendwo ertönt ein Schiffshorn.

Das Spiel ist noch nicht vorbei.

Aber fürs Erste ist er am Zug.

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