Der rote Mantel

Ein Mann steht in der Türöffnung einer dunklen Wohnung, wobei ein roter Mantel der Blickfang ist.
In Marseille hinterlässt Abwesenheit ihre eigene Spur.

Das Schloss dreht sich mit einem feuchten Klicken. Kein Rost – Blut, vielleicht, oder nur die Feuchtigkeit von Marseilles Atem auf dem Metall. Thierry wischt sich die Hand an der Schenkel ab, hinterlässt einen Schmierfilm wie die Spur einer Nacktschnecke auf dem Denim. Die Tür öffnet sich mit einem Seufzer. Der Geruch trifft ihn zuerst: Kupfer, alter Kaffee, der Geist von Aftershave, das seit Tagen tot ist.

Er tritt ein. Die Wohnung ist klein, so ein Ort, an dem die Küchenzeile auch als Schreibtisch dient. Ein einzelner Teller im Spülbecken, noch mit einer Gabel darin. Eine halb leere Flasche Ricard auf dem Tisch, der Anisgeruch kämpft gegen die Fäulnis. Thierry berührt nichts. Er ist nicht hier, um zu ermitteln. Er ist hier, um eine Tür zu öffnen, bezahlt zu werden und zu gehen. Das ist der Job.

Der Badezimmerspiegel ist verzogen, die Verspiegelung blättert an den Rändern ab wie sonnenverbrannte Haut. Thierry beugt sich vor, sein Atem beschlägt das Glas. Hinter dem Spiegel, an die Wand geklebt, ein Streifen Fotografien. Drei Aufnahmen, immer dieselbe Frau. Roter Mantel, dunkles Haar, kein Gesicht – nur der Hinterkopf, die Rundung ihrer Schulter. Das erste Foto: Sie geht an Le Petit Nice vorbei, das Meer hinter ihr wie ein blauer Fleck. Das zweite: Sie überquert den Cours Julien, das Graffiti auf dem Rollladen hinter ihr buchstabiert MERDE in tropfendem Rot. Das dritte: Sie steigt in eine Straßenbahn, und in der Spiegelung des regennassen Fensters, eine Hand. Thierrys Hand. Seine Finger um den Griff seiner Werkzeugtasche gekrümmt, die Armbanduhr im Straßenlampenlicht aufblitzend.

Sein Puls hämmert gegen die Rippen. Die Fotos sind noch feucht. Dampf aus der Dusche, vielleicht, oder der letzte Atemzug des Toten, der an der kalten Wand kondensiert.

Thierry zieht den Streifen ab. Das Klebeband löst sich mit einem Geräusch wie reißendes Fleisch. Er faltet die Fotos zusammen, steckt sie in die Tasche. Der Spiegel schwingt mit einem Klicken zurück an seinen Platz.

Die Wohnung ist zu still. Der Kühlschrank brummt, ein tiefes, krankes Wimmern. Thierry geht ins Wohnzimmer. Der Tote liegt auf dem Sofa, zusammengesackt, als wäre er beim Fernsehen eingeschlafen. Die Fernbedienung noch in seiner Hand. Der Bildschirm ist schwarz, aber das Standby-Licht glüht rot, ein einzelnes Auge im Dunkeln.

Keine Anzeichen eines Kampfes. Kein Blut. Nur ein Mann, der sich gesetzt hat und nicht wieder aufgestanden ist. Thierry prüft trotzdem den Puls, drückt die Finger in die kalte Haut. Nichts. Das Gesicht des Mannes ist schlaff, friedlich. Thierry fragt sich, ob er wusste, dass er starb. Ob er Zeit hatte, an die Fotos zu denken, an die Frau, an die Hand in der Spiegelung.

Das Licht flackert. Nicht in der Wohnung – im Gebäude. Thierry spürt es durch die Sohlen seiner Stiefel, ein Zittern in der Verkabelung. Er tritt in den Flur. Die Leuchtstoffröhren über ihm summen, dann sterben sie. Eine nach der anderen gehen die Türen entlang des Korridors dunkel. Jemand kappt den Strom. Oder mit dem Netz stimmt etwas nicht. Marseille ist so – alte Leitungen, alte Gebäude, alte Sünden.

Thierrys Handy ist in seiner Hand, bevor er merkt, dass er danach gegriffen hat. Kein Empfang. Natürlich. Er ist im fünften Stock, dicke Wände, so ein Ort, an dem die Vergangenheit haftet wie Schimmel. Er könnte von der Treppe aus die Polizei rufen. Auf sie warten. Die Fotos erklären, den toten Mann, die Hand, die vielleicht seine ist. Sie würden Fragen stellen. Sie wollten wissen, warum er nicht früher angerufen hat. Warum er die Fotos mitgenommen hat. Warum er noch hier ist.

Das Treppenhaus ist schwer, vom feuchten Klima verzogen. Thierry drückt es auf. Die Notbeleuchtung ist aus. Die Dunkelheit ist absolut, die Art, die sich gegen die Augäpfel presst. Er macht einen Schritt, dann noch einen. Der Beton ist kalt unter seinen Fingern, als er sich an der Wand entlangtastet. Irgendwo unten knarrt eine Tür. Nicht die Haustür – die Tür zum Keller. Die mit dem kaputten Schloss, die, von der alle so tun, als gäbe es sie nicht.

Thierry bleibt stehen. Horcht. Das Gebäude knarzt, setzt sich. Ein Tropfen Wasser aus einem Rohr. Sein eigener Atem, viel zu laut. Dann – Schritte. Langsam, bedächtig. Nicht rennend. Nicht panisch. Jemand steigt die Treppe herauf.

Er könnte zurück in die Wohnung gehen. Die Tür verbarrikadieren. Abwarten. Aber der Tote liegt dort drinnen, und die Fotos sind in seiner Tasche, und die Hand in der Spiegelung ist seine, und Thierry glaubt nicht an Zufälle. Nicht in Marseille. Nicht wenn das Licht aus ist und die Treppen knarren und die Frau im roten Mantel nirgends zu finden ist.

Die Schritte bleiben stehen. Thierry hält den Atem an. Ein Streichholz flackert im Dunkeln auf. Die Flamme beleuchtet für einen Sekundenbruchteil ein Gesicht – scharfe Wangenknochen, eine Narbe durch die Augenbraue, eine Zigarette zwischen den Lippen. Der Mann nickt Thierry zu, als begegneten sie sich auf der Straße. Dann erlischt das Streichholz, und die Dunkelheit verschluckt ihn ganz.

"Bist du der Schlosser?" Die Stimme ist rau, amüsiert. Kein Marseille-Akzent – etwas Östliches. Polnisch vielleicht. Oder Russisch.

Thierry antwortet nicht. Seine Finger umklammern das Handy fester. Der Bildschirm leuchtet blau in der Dunkelheit und wirft Schatten über sein Handgelenk. Kein Empfang. Keine Hilfe.

"Der Mann ist tot", sagt der Fremde. "Siehst du das, ja?" Eine Pause. Der Zug an der Zigarette, die Glut glimmt wie ein Glühwürmchen. "Hast du etwas mitgenommen?"

Thierrys Kehle ist trocken. "Ich stehle nicht von Toten."

Ein kurzes Lachen. "Gute Haltung." Die Glut bewegt sich, zieht eine Linie durch die Luft. "Aber du hast etwas mitgenommen. Die Fotos. Hinter dem Spiegel."

Thierrys Puls hämmert in den Ohren. "Du hast sie dort hingetan."

"Nein." Die Stimme ist jetzt näher. "Aber ich weiß, wer es getan hat."

Das Treppenhaus ist ein Schlund, und Thierry wird verschluckt. Er weicht einen Schritt zurück. Die Ferse stößt an die Kante einer Stufe. Er fängt sich, das Herz rast. "Wer ist die Frau?"

"Das ist doch die Frage, oder?" Der Fremde atmet aus, eine Rauchwolke im Dunkeln. "Sie ist nicht das Problem. Das Problem ist die Hand. Die in der Spiegelung. Das ist deine Hand, Schlosser. Also bist du jetzt Teil davon."

Thierrys Finger streifen die Fotos in seiner Tasche. "Ich weiß nicht, was das ist."

"Doch, das tust du." Die Stimme ist jetzt direkt vor ihm. Thierry riecht die Zigarette, den Schweiß, darunter etwas Metallisches. "Du bist Schlosser. Du öffnest Türen. Diese Tür ist schon offen. Du musst nur entscheiden, ob du hindurchgehst."

Das Licht flackert wieder an. Die plötzliche Helligkeit blendet. Thierry kneift die Augen zusammen. Der Fremde ist verschwunden. Das Treppenhaus ist leer. Kein Zigarettenrauch, keine Fußspuren, kein Zeichen, dass jemals jemand da war.

Nur die Fotos in seiner Tasche. Und der Tote oben. Und die Frau im roten Mantel, die sich in drei verschiedene Richtungen entfernt, immer gerade außer Reichweite.

Thierry nimmt die Treppe zwei Stufen auf einmal, nicht hinunter – hinauf. Der Zugang zum Dach ist ganz oben, die Tür mit einem Ziegelstein aufgehalten. Die Nachtluft ist kalt, die Stadt breitet sich darunter aus wie eine Leiterplatte, lauter glühende Linien und dunkle Flächen. Er zieht sein Handy heraus. Immer noch kein Empfang. Trotzdem wählt er. Der Anruf geht nicht durch. Er versucht es noch einmal. Nichts.

Ein Geräusch hinter ihm. Thierry dreht sich um. Die Frau im roten Mantel steht am Rand des Dachs, ihm den Rücken zugewandt. Der Wind zerrt an ihrem Haar, an ihrem Mantel. Sie bewegt sich nicht. Dreht sich nicht um.

"Du bist nicht real", sagt Thierry.

Sie lacht. Es klingt wie zerbrechendes Glas. "Ich bin so real wie die Fotos. So real wie der Tote. So real wie die Hand in der Spiegelung."

Thierrys Finger graben sich in die Fotos. "Was willst du?"

"Dasselbe wie du." Sie dreht den Kopf nur so weit, dass er die Linie ihres Kiefers sieht, den Schatten ihrer Lippen. "Wissen, warum."

Die Dach­tür schlägt zu. Thierry wirbelt herum. Der Fremde aus dem Treppenhaus steht da, lehnt im Türrahmen und zündet sich eine weitere Zigarette an. "Zeit ist um, Schlosser. Bist du drin oder bist du raus?"

Thierry sieht die Frau an. Sie beobachtet ihn noch immer, ihre Augen dunkel, undurchdringlich. Er sieht den Fremden an. Die Zigarette glimmt zwischen seinen Fingern. Er sieht auf die Stadt, die Lichter, die dunklen Flächen, in denen alles Mögliche geschehen könnte.

Er zieht die Fotos aus der Tasche. Faltet sie auf. Hält sie ins Licht. Die Frau im roten Mantel. Die Hand in der Spiegelung. Seine Hand.

"Ich bin drin", sagt er.

Der Fremde lächelt. "Gut." Er schnippt die Zigarette über die Dachkante. Sie spiralt hinab, ein winziger Komet. "Dann finden wir heraus, warum."

Die Frau im roten Mantel tritt vor. Ihr Mantel flattert im Wind. Thierry folgt ihr. Die Dach­tür schwingt auf. Das Treppenhaus ist dunkel. Das Gebäude ächzt.

Irgendwo unten klickt eine Tür ins Schloss.


Die Polizei findet die Wohnung im Morgengrauen. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Der Tote liegt noch immer auf dem Sofa. Der Badezimmerspiegel ist intakt. Keine Fotos. Keine Einbruchsspuren. Eigentlich keine Spuren von irgendetwas, außer einem Mann, der sich gesetzt hat und nicht wieder aufgestanden ist.

Der Schlosser ist verschwunden. Sein Wagen steht noch draußen, der Schlüssel steckt im Zündschloss. Seine Werkzeugtasche liegt auf dem Beifahrersitz. Sein Handy liegt auf dem Boden, das Display gesprungen, die Anrufliste leer.

Das Einzige, was fehlt, ist Thierry.

Und die Frau im roten Mantel.

Und die Hand in der Spiegelung.

Und die Wahrheit, was immer sie auch gewesen sein mag.

Manche Türen schließen sich nicht wieder, wenn man sie einmal geöffnet hat.

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