Salzwasser brennt auf der Schnittwunde an meinem Daumen.
Ich ziehe den Zettel von der Windschutzscheibe des Peugeot. Das Papier ist feucht, die Tinte verläuft in den Falten, als wollte sie fliehen. Darauf stehen zwei Dinge: ein Lagerraum an Dock 17, 06:15, und eine Adresse—Le Petit Bleu, Vieux-Port, Mittag. Keine Unterschrift, kein Logo. Nur die Uhrzeit, die Nummer und das Café, in blauer Kugelschrift hingekritzelt. So etwas würde man sich auf die Hand schreiben, wenn man das Handy vergessen hätte.
Der Stiefel ist noch nicht im Wagen.
Dock 17 ist eine Reihe verrosteter Tore unter flackerndem Natriumlicht. Die Luft riecht nach Diesel und altem Fisch. Meine Schuhe kleben auf dem Beton. Einheit 12 liegt ganz am Ende, das Vorhängeschloss hängt offen wie ein gebrochener Kiefer.
Drinnen ist der Raum leer, bis auf einen Plastikeimer in der Ecke. Darin klingelt ein Telefon. Ich hebe den Eimer an. Das Telefon ist ein altes Nokia, so eines mit Tasten, die man dreimal drücken muss, um einen Buchstaben zu bekommen. Das Display ist gesprungen, aber der Anruf kommt noch durch. Kein Name, nur eine Nummer mit Vorwahl Marseille.
Ich gehe ran.
„Du bist zu spät.“
Eine Männerstimme. Ruhig. Als würde er Kaffee bestellen.
„Wer ist da?“
„Du weißt, wer hier spricht. Du hast den Auftrag angenommen.“
„Ich habe einen Auftrag angenommen, ein Paket zu transportieren. Nicht, in Lagerräumen ans Telefon zu gehen.“
„Das Paket ist im Eimer. Und der Stiefel liegt auf dem Boden.“
Ich schaue nach unten. Das rote Gummiteil ist da, halb im Schatten des Eimers verborgen. Größe achtundzwanzig. Linker Fuß. Die Sohle ist innen glatt abgelaufen, als wäre der Träger mit nach innen gedrehten Zehen gegangen. Ich hebe ihn auf. Kein Name innen, keine Initialen. Nur ein dunkler Schmierfleck nahe der Ferse. Nicht Schlamm.
„Das ist kein Paket. Das ist Beweismaterial.“
Eine Pause. Dann ein tiefes, feuchtes Lachen, als hätte er sich an etwas verschluckt.
„Beweis wofür? Ein Kind hat einen Schuh verloren. Passiert jeden Tag.“
„Warum bin ich dann hier?“
„Weil du der Kurier bist. Und Kuriere liefern.“
„Nicht, wenn das Paket ein Kinderstiefel ist.“
„Gerade wenn das Paket ein Kinderstiefel ist.“
Die Leitung ist tot.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Der Rauch schmeckt nach verbranntem Kupfer. Der Stiefel liegt in meiner Hand und starrt mich an. Ich werfe ihn in den Eimer. Das Telefon klingelt wieder.
„Du hast einfach aufgelegt.“
„Sie sind nicht mein Kunde.“
„Ich bin derjenige, der deinen Namen kennt, Luc. Nicht den Namen auf deinem falschen Ausweis. Den, den deine Mutter dir gegeben hat.“
Meine Finger ziehen sich um das Telefon zusammen. Das Plastik knarzt.
„Was willst du?“
„Dasselbe wie bei der Beauftragung. Lieferung bis Mittag. Der Stiefel geht an die Adresse auf dem Zettel. Das Telefon bleibt bei dir. Wenn du um 12:01 nicht dort bist, schicke ich der Polizei ein Foto. Das von dir, wie du den Umschlag von dem Mann im grauen Anzug nimmst.“
„Dieses Foto gibt es nicht.“
„Jetzt schon.“
Ich atme aus. Der Rauch kringelt sich um mein Gesicht wie ein Strick.
„Und wenn ich liefere?“
„Dann wirst du bezahlt. Und du hörst nie wieder von mir.“
„Bullshit.“
„Vielleicht. Aber du wirst trotzdem liefern.“
Er hat recht. Ich werde es tun.
Die Adresse ist ein Café nahe dem Vieux-Port. Le Petit Bleu. So ein Laden, in dem der Espresso stark genug ist, Lack abzubeizen, und die Gebäcke mit einer Portion Verurteilung serviert werden. Ich parke den Peugeot eine halbe Straße entfernt. Der Stiefel liegt in einer Plastiktüte auf dem Beifahrersitz. Das Telefon steckt in meiner Tasche, stumm.
Drinnen ist das Café halb voll. Touristen mit Karten, alte Männer mit Zeitungen, eine Frau in schwarzem Hijab, die einen Minztee trinkt. Niemand sieht aus, als würde er auf einen Kurier mit einem Kinderschuh warten.
Ich bestelle einen Kaffee. Der Barista schiebt ihn über die Theke. Sein Blick streift die Tüte. Er fragt nichts.
„Du bist Luc?“
Eine Stimme hinter mir. Ich drehe mich um. Ein Mann in Lederjacke, Anfang vierzig, ein Gesicht wie eine geschlossene Faust. Eine Narbe zieht sich von seiner Schläfe bis zum Kiefer, blass auf seiner dunklen Haut. Seine Hände sind leer.
„Kommt darauf an, wer fragt.“
Er nickt zur Tüte.
„Ist das für mich?“
„Du bist der, der meinen Namen kennt?“
„Nein. Aber ich weiß, was passiert, wenn du es nicht herausrückst.“
Ich schiebe die Tüte über den Tisch. Er öffnet sie. Blickt hinein. Berührt den Stiefel nicht. Nickt nur, als würde er etwas bestätigen.
„Gut. Jetzt geh.“
„Das war’s?“
„Das war’s.“
Ich stehe auf. Der Stuhl schrammt über die Fliesen. Der Barista sieht mir nach, als ich gehe. Draußen ist die Sonne hoch genug, um den Morgendunst wegzubrennen. Der Peugeot steht noch da. Keine Strafzettel, keine Zettel. Nur der Geruch von Salzwasser auf der Windschutzscheibe.
Ich steige ein. Starte den Motor. Im Radio läuft etwas auf Arabisch. Ich schalte es aus.
Das Telefon klingelt.
„Du hast gute Arbeit gemacht.“
„Fick dich.“
„Kein böses Blut. Geschäft ist Geschäft.“
„Was war im Stiefel?“
Eine Pause. Dann:
„Eine Botschaft.“
„Für wen?“
„Nicht für dich.“
Die Leitung ist tot. Ich werfe das Telefon auf den Beifahrersitz. Es landet neben der Plastiktüte. Jetzt leer. Nur ein zerknitterter Kassenzettel und der schwache Geruch von Gummi.
Ich fahre zur Polizeiwache. Es ist ein gedrungenes Gebäude in der Nähe der Gleise, so ein Ort, an dem die Farbe abblättert und der Kaffee schlimmer ist als im Café. Ich parke. Sitze da. Den Stiefel gibt es im Wagen nicht mehr, aber ich kann ihn noch sehen. Rot. Klein. So etwas, das man nur bemerkt, wenn man hinschaut.
Das Telefon klingelt wieder. Ich gehe nicht ran. Es hört auf. Dann kommt eine SMS.
„Geh weg, Luc. Das ist nicht deine Geschichte.“
Ich lösche sie. Steige aus dem Wagen. Die Luft ist schwer von Diesel und etwas Älterem, etwas Fauligem. Die Tür der Wache ist mit einem Ziegelstein offen gehalten. Drinnen dreht sich träge ein Ventilator und wirbelt die Hitze herum.
Ein Polizist schaut von seinem Schreibtisch auf. Mitte fünfzig, Bauchansatz, der sich gegen die Uniform spannt. Auf dem Namensschild steht Dubois.
„Kann ich helfen?“
Ich öffne den Mund. Schließe ihn wieder. Die Worte bleiben mir wie Fischgräten im Hals stecken.
„Ich habe etwas gefunden.“
„Ja?“
Ich ziehe den Zettel aus der Tasche. Glätte ihn auf dem Schreibtisch. Die Tinte verläuft immer noch.
„Einen Stiefel. Einen Kinderstiefel. Rot. Gummi. Linker Fuß.“
Dubois sieht den Zettel an. Dann mich. Seine Augen haben die Farbe von altem Spülwasser.
„Wo?“
„Dock 17. Lagerraum.“
„Und du bist einfach so darauf gestoßen?“
„Nein. Man hat mich bezahlt, es zu transportieren.“
Er lehnt sich zurück. Der Stuhl knarrt. Eine Fliege summt gegen das Fenster.
„Von wem?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du nimmst immer Aufträge von Leuten an, die du nicht kennst?“
„Nicht immer.“
Er seufzt. Reibt sich durchs Gesicht. Der Stoppelbart klingt wie Schleifpapier.
„Hast du den Stiefel bei dir?“
Ich schüttle den Kopf.
„Abgeliefert. Wie man es mir gesagt hat.“
„An wen?“
„An einen Mann in einem Café. Le Petit Bleu.“
„Beschreibung?“
„Lederjacke. Narbe. Sah aus, als hätte ihn jemand mit einer Schaufel erwischt.“
Dubois schreibt etwas auf. Dann sieht er mich an, wirklich an, als wolle er durch meine Haut hindurchsehen.
„Hast du Probleme, Junge?“
Ich muss fast lachen. Junge. Als wäre er mein Vater. Als würde es ihn kümmern.
„Noch nicht.“
Er nickt. Als verstünde er. Als hätte er das schon gehört.
„Geh nach Hause. Vergiss den Stiefel.“
„Das war’s?“
„Das war’s.“
Ich stehe auf. Der Boden klebt unter meinen Schuhen. Draußen ist die Sonne hoch genug, um den Asphalt flimmern zu lassen. Der Peugeot steht noch da. Keine Strafzettel, keine Zettel. Keine Gespenster.
Ich steige ein. Fahre los.
Das Telefon klingelt nicht mehr.
Ich fahre nicht nach Hause. Ich fahre zum Hafen. Dock 17 ist noch da, die Türen geschlossen, die Vorhängeschlösser glänzen unter der Nachmittagssonne. Niemand in der Nähe. Keine Kameras. Keine Zeugen.
Ich breche das Schloss mit einem Stein. Die Einheit ist leer. Kein Eimer. Kein Telefon. Kein Stiefel. Nur ein Fleck auf dem Beton, wo der Eimer gestanden hat. Dunkel. Nass. Nicht Wasser.
Ich gehe in die Hocke. Berühre ihn. Meine Finger kommen klebrig wieder hoch. Dann trifft es mich—Kupfer und Salz und etwas Süßes, wie faulendes Obst.
Ich wische meine Hand an der Jeans ab. Richte mich auf. Die Sonne steht jetzt tiefer und malt die Docks in Gold und Schatten. Die Flut kommt. Das Wasser ist schwarz, endlos.
Das Telefon klingelt. Ich zucke zusammen. Es steckt in meiner Tasche. Ich gehe ran.
„Du bist zurückgegangen.“
„Was war im Eimer?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Doch.“
Ein Seufzen. Dann:
„Eine Zunge. Frisch. Noch warm, als sie sie ins Eis gelegt haben.“
Mein Magen zieht sich zusammen. Ich schlucke. Galle brennt mir im Hals.
„Wem gehörte sie?“
„Dem Mann, der den Stiefel hätte liefern sollen. Dem, dem plötzlich der Mut ausging.“
„Und das Kind?“
„Es gibt kein Kind. Nur einen Stiefel. Und eine Botschaft.“
„Für wen?“
„Für den Mann, dem du ihn gegeben hast. Den mit der Narbe.“
„Was ist die Botschaft?“
„Dass er zu viel redet.“
Die Leitung ist tot. Ich lasse das Telefon fallen. Es klappert auf dem Beton. Ich hebe es nicht auf.
Ich fahre zu der Adresse auf dem Zettel. Es ist ein Lagerhaus in der Nähe der Rangierbahnhöfe, so ein Ort, der seit Jahren leer steht und trotzdem Strom hat. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Drinnen ist die Luft dick von Staub und dem Geruch von altem Blut.
Der Mann mit der Narbe wartet. Er ist nicht allein. Zwei andere, jünger, harte Gesichter. Sie stehen um einen Stuhl herum. In dem Stuhl sitzt ein Mann. Sein Mund ist ein einziges Durcheinander aus Blut und rohem Fleisch. Seine Augen sind weit, vor Angst fast aus dem Kopf. Der Mann mit der Narbe hält eine Zange in der Hand. So eine, mit der man Nägel zieht.
Er sieht auf, als ich eintrete. Lächelt. Kein freundliches Lächeln.
„Du bist früh.“
„Was zum Teufel ist das hier?“
„Versicherung. Der Mann, der dich angeheuert hat? Der sollte den Stiefel liefern. Aber er wurde gierig. Wollte mehr Geld. Also hat er die Zunge genommen. Dachte, er könnte sie zurückverkaufen.“
Der Mann im Stuhl wimmert. Das Geräusch ist feucht, gebrochen.
„Und der Stiefel?“
„Ein Test. Um zu sehen, ob du lieferst. Um zu sehen, ob du redest.“
„Ich habe mit der Polizei geredet.“
„Ich weiß. Dubois ist ein Freund. Er wird nichts tun.“
Ich sehe den Mann im Stuhl an. Seine Brust hebt und senkt sich viel zu schnell. Seine Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. Die Zange blitzt im Licht der Neonröhren.
„Und jetzt?“
Der Narbe-Mann zuckt mit den Schultern.
„Jetzt gehst du. Und wir machen fertig.“
„Und wenn nicht?“
Er nickt zu den beiden Jüngeren. Sie treten vor. Einer hat ein Messer. Der andere eine Pistole. Die Pistole ist nicht auf mich gerichtet. Noch nicht.
„Dann bleibst du. Und lernst.“
Ich weiche zurück. Meine Ferse stößt gegen den Türrahmen. Der Mann im Stuhl weint jetzt, stumme Tränen schneiden durch das Blut in seinem Gesicht.
Ich drehe mich um. Gehe hinaus. Die Sonne geht unter und färbt den Himmel in Streifen aus Orange und Rot. So ein Sonnenuntergang, der wie eine Wunde aussieht.
Das Telefon klingelt wieder. Ich gehe nicht ran. Ich steige in den Peugeot. Fahre los.
Am Ende lande ich am Strand. Plage des Catalans. Der Sand ist noch warm, das Wasser schwarz. Ein paar Nachzügler—Paare, ein Hund hinter einem Ball, ein Kind, das eine Sandburg baut. Das Kind trägt rote Stiefel. Gummi. Der linke Fuß ist an der Spitze abgeschürft.
Ich setze mich auf eine Bank. Schaue den Wellen zu. Das Telefon steckt in meiner Tasche. Es klingelt. Ich lasse es klingeln. Es hört auf. Dann eine SMS.
„Du hast bestanden. Der Auftrag ist noch deiner, wenn du willst.“
Ich lösche sie. Stehe auf. Gehe bis an die Wasserkante. Die Flut kommt. Die Wellen lecken an meinen Schuhen.
Das Kind mit den roten Stiefeln rennt vorbei und lacht. Seine Mutter ruft hinter ihm her. Es bleibt nicht stehen. Rennt einfach weiter, die roten Stiefel blitzen im sterbenden Licht.
Ich ziehe das Telefon heraus. Werfe es ins Wasser. Es sinkt lautlos.
Dann gehe ich zurück zum Wagen. Der Peugeot wartet. Der Schlüssel steckt. Der Zettel liegt noch in meiner Tasche, die Tinte längst ausgewaschen.
Ich steige ein. Fahre.
Irgendwo hat ein Kind einen Stiefel verloren. Irgendwo fehlt einem Mann die Zunge. Irgendwo trinkt ein Polizist schlechten Kaffee und tut so, als wüsste er von nichts.
Und ich? Ich bin nur der Kurier. War ich immer. Werde ich immer sein.
Die Stadt kümmert das nicht. Die Stadt kümmert sich nie."