Der tickende Fall

Ein Mann steht in einem steckengebliebenen Aufzug und hält eine Lederaktentasche, während die Lichter flackern.
In der Stille beginnt der Fall zu ticken.

Der Aufzug stöhnt wie ein Mann, der aus einem Albtraum erwacht.

Léo drückt den Aktenkoffer fester gegen den Oberschenkel. Das Leder ist warm, fast lebendig. Er zählt die Stockwerke im Kopf — drei, vier — da flackern die Lichter. Eine Pause. Das Brummen des Motors verstummt.

Stille.

Dann das Ticken.

Zuerst leise, wie eine in Stoff gewickelte Uhr. Aber unverkennbar. Gegen sein Knie vibriert der Koffer einmal, zweimal. Léo schluckt. Sein Hals ist trocken.

Das Nottelefon ist tot. Natürlich ist es das.

Er hämmert gegen das Gitter. Keine Antwort. Das Gebäude ist alt, so eines mit abblätternder Farbe und Mietern, die keine Fragen stellen. So eines, in dem Aufzüge stecken bleiben, als wäre das normal.

Es ist nicht normal.

Das Ticken wird schneller. Keine Uhr. Kein Telefon. Etwas mit Puls.


Das Gitter klappert auf. Eine Hand, blass und von Adern durchzogen, greift nach dem Rand. Das Gesicht des Hausmeisters erscheint, Schweißperlen auf der Stirn. „Sie sitzen fest?“

„Verdammt nochmal, ja“, sagt Léo. „Holen Sie mich hier raus.“

Der Mann rührt sich nicht. Sein Blick huscht zu dem Aktenkoffer. „Was ist da drin?“

„Geht Sie nichts an.“

Eine Pause. Der Hausmeister leckt sich über die Lippen. „Bringen Sie das zu fünf-B?“

Léo antwortet nicht. Das Ticken ist jetzt lauter, drängender. Der Blick des Hausmeisters senkt sich zu Léo’s Knie, dann wieder hoch. „Sie sollten das hierlassen.“

„Machen Sie die Tür auf.“

Der Mann zögert, verschwindet dann. Der Aufzug ruckt. Der Motor heult auf. Léo stemmt sich gegen die Wand, als die Kabine nach oben schießt, dann mit einem metallischen Kreischen wieder anhält.

Das Gitter gleitet auf. Die Stimme des Hausmeisters ist dünn. „Fünfter Stock. Treppe.“


Der Flur riecht nach Bleichmittel und altem Knoblauch. Die Tür zu 5-B steht einen Spalt offen. Léo stößt sie mit dem Fuß auf.

Drinnen ist die Luft schwer. Eine einzelne Lampe wirft lange Schatten. Das Waschbecken ist mit Wasser gefüllt, trüb und still. Eine silberne Uhr liegt unter der Ferse eines billigen Slippers zerdrückt, das Zifferblatt gesprungen, die Zeiger stehen auf 3:17.

Niemand ist da.

Das Ticken ist jetzt nur noch ein Flüstern, aber näher. Léo stellt den Aktenkoffer auf die Arbeitsplatte. Seine Finger schweben über den Verschlüssen. Tu es nicht. Aber die Uhr, der Schuh, das Wasser — irgendetwas stimmt nicht.

Er öffnet die Schnallen.


Der Koffer öffnet sich mit einem Seufzen. Innen, in Schaum gebettet, liegt ein Glasfläschchen. Klare Flüssigkeit. Eine einzelne Blase steigt auf, platzt. Das Ticken kommt nicht aus dem Koffer. Es kommt aus dem Fläschchen. Ein winziges, rhythmisches klick-klick-klick, wie ein Metronom.

Léos Atem stockt. Er weiß, was das ist. Er hat die Nachrichten gesehen. Die Lieferungen, die nicht ankommen. Die, die verschwinden.

Hinter ihm knarrt ein Bodenbrett.

Er dreht sich um.

Ein Mann steht in der Tür, Regen tropft von seinem Mantel. Sein Gesicht ist eingefallen, die Augen leer. Er wirkt nicht überrascht. „Sie haben es geöffnet.“

Léos Puls hämmert. „Wer sind Sie?“

Der Mann tritt näher. Sein Schuh schmatzt im Wasser. „Der Mann, an den Sie liefern sollten, ist tot. In der Badewanne.“

Léo wirft einen Blick den Flur hinunter. Die Badezimmertür ist geschlossen. „Haben Sie ihn umgebracht?“

Der Mann schüttelt den Kopf. „Er war schon tot, als ich ankam. Herzinfarkt vielleicht. Oder etwas anderes.“ Sein Blick flackert zu dem Fläschchen. „Das ist nicht für ihn. Das ist für mich.“

Léos Finger zucken. „Was ist das?“

„Ein Heilmittel.“ Die Stimme des Mannes ist flach. „Oder ein Gift. Je nachdem, wen man fragt.“

Das Ticken beschleunigt sich. Léo krümmt sich innerlich. „Es zählt runter.“

„Ja.“

„Wie lange?“

Der Mann lächelt. Es erreicht seine Augen nicht. „Lange genug.“


Léo greift nach dem Fläschchen. Das Glas ist kalt. „Wir müssen hier raus.“

Der Mann rührt sich nicht. „Es gibt keinen Ort, wohin man gehen könnte.“

„Zum Hafen. Der Regen—“

„Der wäscht es nicht weg. Nicht das hier.“

Léos Hände zittern. Das Ticken ist jetzt ein Trommelschlag, erfüllt den Raum. Er sieht den Mann an, dann das Fläschchen. „Was soll ich tun?“

Der Mann greift in seinen Mantel. Léo zuckt zusammen, doch er zieht nur einen Schlüssel hervor. „Der Aktenkoffer. Am Bahnhof gibt es ein Schließfach. Nummer 17. Lassen Sie ihn dort.“

„Und dann?“

Die Stimme des Mannes ist leise. „Dann rennen Sie.“


Der Regen prasselt auf den Asphalt, als Léo die Straße hinunterrennt. Das Fläschchen brennt in seiner Tasche. Das Ticken ist ein zweiter Herzschlag, im Takt mit seinem eigenen.

Er schaut nicht zurück.

Am Bahnhof findet er das Schließfach. Der Aktenkoffer passt gerade so hinein. Er schlägt die Tür zu, dreht den Schlüssel um. Das Ticken verhallt, hört aber nicht auf.

Draußen glüht der Hafen im Licht der Straßenlaternen. Das Wasser ist schwarz, endlos. Léo zieht das Fläschchen aus der Tasche. Die Flüssigkeit darin wirbelt, fängt das Licht ein.

Er könnte es werfen. Er könnte es zerschlagen. Er könnte—

Eine Hand legt sich fest auf seine Schulter.

Der Mann aus der Wohnung steht hinter ihm, der Regen läuft ihm übers Gesicht. „Sie sind nicht gerannt.“

Léos Atem geht schnell. „Was ist das hier?“

Der Griff des Mannes wird fester. „Eine zweite Chance. Oder ein letzter Fehler.“

Das Fläschchen gleitet Léo aus den Fingern. Es zerschellt auf dem Asphalt.

Das Ticken hört auf.

Stille.

Der Mann atmet aus, lang und langsam. „Jetzt warten wir.“

Léo rührt sich nicht. Der Regen spült über sie hinweg, kalt und unerbittlich. Der Hafen reinigt nichts. Er wartet nur.

Und er auch.

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