Der Zuckerdöschen ist noch warm, als er es zurückschiebt. Nicht von der Espressomaschine – vom Umschlag dahinter, dessen Klappe wie ein schlafendes Augenlid gefaltet ist. Noch feucht.
Lino blickt nicht auf. Das Neonlicht des Cafés summt Chez Hassan rückwärts durch die Fensterscheibe und wirft Blau auf die weiße Leinenjacke seines Anzugs. In diesem Aufzug soll er unsichtbar sein, ein Geist im Liefergeschäft um zwei Uhr morgens. Aber der Umschlag hat Gewicht. Darin ein einzelnes Blatt, aus einem Hotelauszug fotokopiert: Daten, Zimmernummern, ein roter Kreis um 312.
Er tippt das Papier gegen seine Handfläche. Die Tinte riecht nach Toner, nicht nach Stift. Jemand hat das hastig gedruckt. Jemand mit zitternden Händen.
Die Witwe ist vor zehn Minuten gegangen. Lino hat sie vom Ecktisch aus beobachtet, wie sie ihren Kaffee mit einem Löffel umrührte, der nie den Rand berührte. Schwarzes Kleid, schwarze Handschuhe, jene Art von Trauer, die keine Falten wirft. Sie zahlte bar, ließ zwanzig Cent Trinkgeld da und blickte nicht zurück. Aber ihre Finger zitterten, als sie den Umschlag hinter den Zucker schob. Als würde sie ein Messer verstecken.
Jetzt schwebt Linos Daumen über seinem Telefon. Sein Auftraggeber – ein Hotelmanager mit Spielschulden – will alles, was Zimmer 312 mit dem toten Mann am Hafen verbindet, der letzte Woche gefunden wurde. Ohne Fragen. Doch die Hände der Witwe waren ruhig, als sie ihren Espresso bestellte. Nur der Umschlag zitterte.
Er bestellt einen Pastis. Der Barkeeper, Hassan, schiebt ihn wortlos über das Zink. Der Anis brennt, aber Lino trinkt nicht. Er zählt die Sekunden seit dem Gehen der Witwe. Fünfzehn Minuten bis zum Hotel. Zehn, um den Auszug zu drucken. Fünf, um hierherzulaufen. Sie konnte nicht wissen, dass ausgerechnet er ihn finden würde. Es sei denn, sie wusste es doch.
Das Blatt aus dem Auszug ist vor drei Nächten datiert. Zimmer 312 checkte um 23:47 Uhr ein, checkte um 3:12 Uhr aus. Kein Name, nur ein Kreditkartenabdruck: V. Moreau. Dieselben Initialen wie bei der Witwe. Zufall ist ein Luxus für Leute, die keine Geheimnisse ausliefern.
Draußen knallt ein Motorroller fehl. Linos Hand zuckt, verschüttet Pastis über den Auszug. Die Tinte verläuft, doch der rote Kreis bleibt scharf. Er tupft ihn mit einer Serviette ab und hinterlässt einen Rorschach-Fleck. Zu spät, um so zu tun, als hätte er es nicht gesehen.
Hassan wischt die Theke ab. „Sie sehen aus wie ein Mann, der eine Leiche gefunden hat.“
„Schlimmer“, sagt Lino. „Eine Entscheidung.“
Die Wohnung der Witwe liegt über einem Halal-Metzger in der Rue des Catalans. Keine Klingel, nur eine Tür mit abblätternder grüner Farbe. Lino klopft zweimal und tritt dann zurück. Die Straßenlaterne flackert. Irgendwo bellt ein Hund ins Leere.
Sie öffnet in demselben schwarzen Kleid, die Handschuhe jetzt ausgezogen. Ihre Hände sind ruhig. Zu ruhig.
„Du bist nicht mein üblicher Kurier“, sagt sie.
„Ich bin nicht wegen des Üblichen hier.“
Sie bittet ihn nicht herein. Der Flur riecht nach Lammfett und Bleiche. Hinter ihr liegt ein Koffer offen auf dem Boden, halb gepackt. Kleidung für eine Person. Toilettenartikel für zwei.
„Zimmer 312“, sagt Lino. „Ihr Mann?“
Ihr Lachen ist ein trockenes Klicken. „Mein Bruder. Und lange genug war er nicht dort drin, um auszupacken.“
„Lange genug, um zu sterben.“
Sie tritt näher, so nah, dass er die verschmierte Mascara unter ihren Augen sehen kann. „Sie glauben, ich habe ihn umgebracht?“
„Ich glaube, Sie haben Angst vor dem, der es getan hat.“
Eine Pause. Der Hund bellt wieder. Dann greift sie in ihre Tasche und zieht einen zweiten Umschlag heraus. Diesmal dicker. Warm, wie der erste.
„Den bringen Sie dem Hotelmanager“, sagt sie. „Sagen Sie ihm, er sei von V. Moreau. Er wird verstehen.“
Lino nimmt ihn nicht. „Was ist drin?“
„Ein Geständnis. Oder ein Alibi. Je nachdem, wer es zuerst liest.“
Die Hotellobby besteht aus Marmor und schlechtem Licht. Der Manager, ein Mann namens Duvall, wartet am Empfang und tippt mit den Fingern gegen einen Auszug, der identisch ist mit dem in Linos Tasche. Sein Lächeln erreicht die Augen nicht.
„Sie sind spät dran“, sagt er.
„Verkehr“, lügt Lino. Er schiebt den Umschlag der Witwe über den Tresen. „Von V. Moreau.“
Duvalls Finger erstarren. Der Umschlag ist noch warm. Er öffnet ihn nicht. Stattdessen greift er unter den Tisch und zieht eine Pistole hervor. Nicht auf Lino gerichtet – nur auf dem Auszug ruhend, wie ein Briefbeschwerer.
„Sie haben es gelesen?“
„Genug.“
„Dann wissen Sie, dass ich Sie nicht gehen lassen kann.“
Lino atmet aus. „Ich hatte gehofft, das würden Sie sagen.“
Er greift in seine Jacke. Duvalls Finger spannt sich am Abzug. Doch Lino holt nur ein Wegwerftelefon hervor, bereits aufnahmebereit. Er legt es zwischen sie auf den Tisch.
„Die Witwe hat mir zwei Umschläge mitgegeben“, sagt er. „Einen für Sie. Einen für die Polizei. Ich liefere beide aus.“
Duvalls Lächeln bricht endlich. „Sie bluffen.“
„Tun ich das?“
Die Waffe bewegt sich nicht. Das Telefon zeichnet weiter auf. Irgendwo oben schlägt eine Tür zu. Zimmer 312, jetzt leer.
Die Dämmerung kommt langsam nach Marseille. Lino geht am Vieux-Port entlang, den zweiten Umschlag der Witwe in den Hosenbund geschoben. Er öffnet ihn nicht. Manche Geheimnisse lässt man besser warm.
Sein Telefon vibriert. Eine Nachricht von Hassan: Du schuldest mir noch den Pastis.
Lino lächelt. Er zahlt später. Im Moment hat er eine Lieferung zu machen.