Die Uhr am Handgelenk

Ein blaues Auto mit offener Hintertür, einer Leiche auf dem Rücksitz und einer goldenen Uhr, die im Straßenlicht schimmert.
Eine goldene Uhr, ein toter Mann und eine Schuld aus der Vergangenheit.

Die Tür des Peugeot hängt offen wie ein gebrochener Kiefer. Blaue Lackfarbe, am Radlauf abgeplatzt. Innen steht die Luft schwer – Menthol und Salz, so eine Mischung, die einem im Hals kleben bleibt. Der Mann auf dem Rücksitz rührt sich nicht. Sein Handgelenk ist blass, dort, wo der Ärmel hochgerutscht ist. Unter der Straßenlaterne glimmt eine Uhr. Gold. Schwer. So eine, die man nicht vergisst.

Ich zünde mir eine Zigarette an. Die Flamme zittert. Nicht wegen des Winds.

Diese Uhr.

Der Polizist – jung, scharfäugig – beobachtet mich. "Sie erkennen sie?"

Ich atme aus. Der Rauch kringelt sich zwischen uns. "Vielleicht."


Vor drei Jahren fuhr ich noch Pakete herum. Keine Drogen. Keine Waffen. Nur Umschläge, Kartons, gelegentlich einen Koffer. Dinge, die man nicht zurückverfolgen lassen wollte. Die Docks bei Nacht, die Hinterzimmer von Cafés, die Orte, an denen die Luft nach Diesel und Reue riecht. Ich war gut darin. Kannte jede Abkürzung, jeden toten Winkel. Wusste, wann ich reden musste und wann ich die Fresse zu halten hatte.

Diese Uhr war eine Lieferung. Eine Adresse am Kai – Lagerhaus 17, heute ein Haufen Rost und Möwenschiss. Der Kunde war eine Frau. Groß, dunkler Mantel, eine Stimme wie Kies. Sie zahlte bar, gefaltet in einem weißen Umschlag. Kein Name. Keine Fragen. Nur die Uhr, eine Samtschachtel und eine Uhrzeit: Mitternacht. Nicht zu spät kommen.

Ich kam zu spät.

Nicht viel. Fünf Minuten. Vielleicht zehn. Aber das Lagerhaus war leer. Keine Frau. Keine Uhr. Nur ein Zettel, unter der Tür durchgeschoben: Auf die Kiste legen. Weggehen.

Ich tat es.


Das Café gegenüber ist warm. Zu warm. Die Frau am Ecktisch hat einen gespaltenen Daumennagel. Sie faltet immer wieder eine Quittung auseinander und wieder zusammen. Das Datum ist verschmiert, aber die Uhrzeit ist klar: 23:55. Fünf Minuten, bevor ich dort ankam.

Ich bestelle einen Kaffee. Schwarz. Ohne Zucker.

Die Quittung ist für eine Uhr. Gold. Schwer. Versichert für 20.000 Euro.

Die Frau sieht auf. Unsere Blicke treffen sich. Sie lächelt nicht.


Der Cop heißt Laurent. Er hat ein Notizbuch, einen Stift und eine Geduld, die langsam aufgebraucht ist. "Sind Sie sicher, dass Sie den Toten nicht kennen?"

"Nie gesehen."

"Aber die Uhr—"

"Könnte eine Fälschung sein."

Laurent seufzt. Klappt das Notizbuch zu. "Sie helfen sich damit nicht gerade."

Ich drücke die Zigarette aus. "Ich versuche es auch nicht."


Die Frau heißt Claire. Zumindest sagt sie das, als sie sich mir in die Kabine gegenüber gleiten lässt. Ihr Mantel riecht nach Regen und etwas Schärferem. Vielleicht Parfum. Oder Angst.

"Sie waren in jener Nacht dort", sagt sie. Keine Frage.

Ich nicke.

"Sie kamen zu spät."

Noch ein Nicken.

Sie faltet die Quittung auseinander. Schiebt sie über den Tisch. "Die Uhr sollte nie den Hafen verlassen."

"Warum haben Sie sie dann mir gegeben?"

"Weil Sie keine Fragen stellen."

Ich lache. Es klingt trocken. "Jetzt stelle ich welche."

Claires Finger trommeln auf der Quittung. "Der Mann im Wagen – er war auch ein Kurier. Nicht so vorsichtig wie Sie."

"Und die Uhr?"

"Eine Botschaft."


Der Tote hieß Dubois. Laurent erzählt es mir, als wäre das ein Geschenk. Als müsste es etwas bedeuten. Tut es nicht. Nicht für mich.

"Er hatte Ihre Nummer in der Tasche", sagt Laurent. "Auf eine Serviette gekritzelt. Wollen Sie mir das erklären?"

Ich tue es nicht.

Die Serviette stammt aus einer Bar nahe dem alten Hafen. Einem Ort, in den ich seit Jahren nicht mehr gegangen bin. Die Tinte ist verschmiert, aber die Ziffern sind klar. Meine Handschrift.

Scheiße.


Claire ist weg, als ich ins Café zurückkomme. Die Quittung liegt noch auf dem Tisch. Ich stecke sie ein. Gehe zu den Docks.

Lagerhaus 17 ist jetzt ein Skelett. Die Kiste steht noch da. Verrottetes Holz, verrostete Nägel. Ich trete sie auseinander. Innen nichts als Rattendreck und ein einzelnes goldenes Glied. Zerbrochen. Wie das Armband der Uhr im Peugeot.

Hinter mir grollt ein Motor. Scheinwerfer schneiden durch die Dunkelheit.

Ich drehe mich nicht um.


Die Frau von vor drei Jahren steigt aus dem Wagen. Derselbe Mantel. Dieselbe Stimme. Ihr Haar ist jetzt kürzer, mit grauen Strähnen durchzogen. Claires Mutter. Das ist das Detail, das alles festnagelt – dieselben scharfen Wangenknochen, dieselbe Art, eine Zigarette zu halten, als wäre sie eine Waffe.

"Sie haben die Quittung behalten", sagt sie.

Ich halte sie hoch. "Claire hat sie mir gegeben."

Sie lächelt. Kein freundliches Lächeln. "Sie waren schon immer der Klügere."

"Nicht klug genug."

Sie zündet sich eine Zigarette an. Hält mir eine hin. Ich nehme sie.

"Dubois hat geredet", sagt sie. "Er wollte zur Polizei. Die Uhr war der Beweis."

"Wofür?"

"Dass wir mehr bewegen als Uhren."

Ich atme aus. Rauch mischt sich mit der salzigen Luft. "Und jetzt?"

Sie schnippt die Zigarette ins Wasser. "Jetzt haben Sie eine Wahl. Weggehen. Oder enden wie Dubois."

Ich sehe auf das zerbrochene Glied in meiner Handfläche. "Was, wenn ich der Polizei schon alles erzählt habe?"

Sie lacht. "Dann wären Sie jetzt schon tot."


Laurent wartet vor meiner Wohnung. Er hat einen Durchsuchungsbefehl. Ein Team. Einen Blick im Gesicht, als hätte er schon gewonnen.

"Wir haben Dubois’ Handy gefunden", sagt er. "Die Verbindungsdaten zeigen, dass er Sie in der Nacht seines Todes angerufen hat. Wollen Sie mir sagen, warum?"

Ich reiche ihm die Quittung. "Die Uhr sollte nie den Hafen verlassen."

Laurent starrt darauf. Dann auf mich. "Sie stecken da tief drin, Devereaux."

"Sind wir das nicht alle?"


Die Dämmerung bricht über Marseille herein. Der Peugeot ist inzwischen abgeschleppt. Das Café geschlossen. Die Docks still.

Ich sitze auf meinem Balkon. Sehe der Sonne beim Aufgehen zu. Das Glied von der Uhr steckt in meiner Tasche. Kalt. Schwer.

Das Telefon klingelt. Unbekannte Nummer.

Ich gehe ran.

"Es ist erledigt", sagt Claire. "Sie sind weg."

"Und die Uhr?"

"Wieder dort, wo sie hingehört."

Ich lege auf. Zünde mir eine weitere Zigarette an.

Der Mentholgeschmack ist immer noch in meinem Mund.

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