Matt in Sofia

Eine regnerische Straße in Sofia mit einer Schachfigur neben einer Zeitung in der Nähe eines beleuchteten Barausgangs.
Regen, Rauch und ein vermisster Mann in Sofia.

Kälte kriecht durch meine Sohlen. Sofias regennasse Pflastersteine glänzen wie schwarzes Eis unter dem Neon-Bierschild. Ein schwarzer Turm liegt neben einer durchnässten Zeitung, deren Schlagzeile vom verschwundenen Archivar schreit.

Ich bin nicht wegen des Archivars hier. Ich bin wegen des Mannes hier, der ihn finden will.

Die Tür zur Bar klebt. Drinnen erstickt Rauch die Luft. Der Jukebox entlockt ein alter Chalga-Song Blech und Bass. Ich scanne die Gesichter – betrunken, müde, keins davon kommt mir bekannt vor.

Bist du Petrova?

Der Barkeeper nickt. Seine Augen sind schwer, die Stimme noch schwerer.

Was trinken?

Rakija. Machen Sie einen doppelten.

Er schenkt ein. Ich sehe zu, wie die klare Flüssigkeit das Glas füllt.

Sie wissen, warum ich hier bin.

Er zuckt mit den Schultern. Vielleicht.

Sie kennen Kristoff.

Noch ein Schulterzucken. Vielleicht.

Ich kippe den Rakija hinunter. Er brennt, dann wärmt er.

Kristoff hat mich geschickt. Er denkt, Sie können helfen.

Er beugt sich vor und wischt mit einem Lappen über die Theke, der bessere Tage gesehen hat.

Kristoff denkt zu viel.

Er sucht nach dem Archivar.

Der Barkeeper hält inne, dann fährt er mit dem Wischen fort.

Geht mich nichts an.

Dann machen Sie es zu Ihrer Sache.

Er sieht mich an, wirklich an. Dann seufzt er.

Hinterzimmer. Fünf Minuten.

Ich nicke, rutsche vom Hocker. Das Hinterzimmer ist dunkel, riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch und billigem Parfüm. Ich warte.


Fünf Minuten später kommt er hinein und trocknet sich die Hände an der Schürze.

Kristoff ist ein Idiot. Aber ein Idiot, der bezahlt.

Er wirft mir einen Ordner zu. Dünn, manila, ohne Aufschrift.

Was ist das?

Namen, Daten, Orte. Der Archivar hat in etwas gegraben. In etwas Großem.

Wie groß?

Er zuckt mit den Schultern. Groß genug, um ihn verschwinden zu lassen.

Ich öffne den Ordner. Eine Liste mit Namen, einige vertraut, die meisten nicht. Ein paar Daten, alle aus dem letzten Monat. Eine grob gezeichnete Karte, die einen Ort außerhalb der Stadt markiert.

Was ist das für ein Ort?

Altes Lagerhaus. Verlassen.

Verlassen heißt nicht leer.

Er grinst, gelbe Zähne blitzen. Sie sind klüger, als Sie aussehen.

Ich stecke den Ordner ein. Danke für das Vertrauen.

Danken Sie mir nicht. Finden Sie einfach den Archivar. Und sagen Sie Kristoff, dass er mir was schuldet.

Ich nicke und wende mich zum Gehen. Seine Stimme hält mich auf.

Und Petrova?

Ich blicke zurück. Sein Gesicht ist jetzt ernst.

Passen Sie auf Ihren Rücken auf. Mit solchen Leuten spielt man nicht fair.

Ich schenke ihm ein halbes Lächeln. Ich auch nicht.


Das Lagerhaus ist ein Monster, das sich in der Dunkelheit duckt. Kein Licht, kein Geräusch. Nur das schwache Summen der Stadt hinter mir. Ich schlüpfe hinein, der Lichtkegel meiner Taschenlampe schneidet durch das Dämmergrau.

Es ist leer. Fast. In der Mitte des Raums steht ein Stuhl, darüber eine einzelne Glühbirne. Auf einem Tisch in der Nähe ein Schachbrett, die Partie läuft. Ich scanne die Figuren, runzle die Stirn. Der schwarze König fehlt.

Schritte hallen hinter mir wider. Ich drehe mich um, die Hand an der Waffe. Eine Gestalt tritt aus den Schatten, die Hände erhoben.

Ganz ruhig, Petrova.

Ich kneife die Augen zusammen. Mila?

Sie grinst und tritt ins Licht. Dieselben scharfen Augen, dasselbe schiefe Lächeln. Lange her.

Was machst du hier?

Sie nickt zum Schachbrett. Eine Partie spielen.

Mit wem?

Ihr Grinsen vergeht. Mit dem Archivar. Er ist ein alter Freund. Er hat mich angerufen, gesagt, er brauche Hilfe. Hat mir gesagt, ich soll ihn hier treffen.

Ich sehe zum Brett, dann wieder zu ihr. Das ist doch nicht dein Ernst.

Sie schüttelt den Kopf. Er ist nicht das, was du denkst. Nichts davon ist es.

Ich seufze und fahre mir durchs Haar. Also was ist es? Worin steckt er drin?

Sie lehnt sich an den Tisch. Er hat etwas gefunden. Eine Liste. Namen, Daten, Transaktionen. Viel Geld ist da hin und her geschoben worden.

Und?

Und alles hängt an einem Namen. Einem Namen, den du kennst.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. Ach ja?

Sie stößt sich vom Tisch ab, tritt näher. Ihre Stimme sinkt.

Kristoff.


Wir sind zurück in der Bar. Anderer Barkeeper, derselbe Rauch, derselbe Chalga-Song. Mila trinkt ein Bier. Ich bleibe beim Rakija.

Kristoff ist vieles, sage ich. Aber nicht dumm. Er würde keine Spur hinterlassen.

Mila zuckt mit den Schultern. Vielleicht hat er das nicht. Vielleicht ist der Archivar einfach so gut.

Ich denke an den Ordner, an die Namen, die Daten. Oder jemand hat ihn reingelegt.

Mila sieht mich an. Du glaubst, Kristoff wird gespielt?

Ich glaube, hier stinkt etwas. Und nicht nur diese Bar.

Sie grinst und stößt ihre Flasche gegen mein Glas. Also was ist der Plan?

Wir finden den Archivar. Wir holen uns die Wahrheit.

Ihr Grinsen wird breiter. Wir?

Ich zucke mit den Schultern. Du steckst schon mit drin. Dann kannst du es auch zu Ende bringen.

Sie lacht und leert ihr Bier. Ganz wie früher.


Die Wohnung des Archivars ist klein, ordentlich, unberührt. Zu ordentlich, zu unberührt. Als würde hier niemand leben. Als wäre sie gereinigt worden.

Mila durchsucht das Schlafzimmer. Ich scanne das Wohnzimmer. Bücherregale bedecken die Wände, vollgestopft mit Geschichte, Biografien, politischen Theorien. Neben dem Fenster steht ein Schreibtisch, darauf ein geschlossenes Laptop.

Ich klappe es auf, schalte es ein. Passwortgeschützt. Ich probiere ein paar Vermutungen – sein Geburtsdatum, der Mädchenname seiner Mutter, seine Lieblings-Schachfigur. Nichts klappt.

Mila kommt aus dem Schlafzimmer, hält ein Foto in der Hand. Ein Mann, Mitte vierzig, Brille, lächelnd. Der hier?

Ich nicke. Das ist der Archivar.

Sie sieht das Foto an, dann mich. Er ist nicht das, was ich erwartet hätte.

Was hast du erwartet?

Sie zuckt mit den Schultern. Jemanden ... mehr.

Ich sehe wieder zum Laptop. Manchmal ist mehr einfach nur besser im Verstecken.

Ich ziehe mein Handy hervor und fotografiere die Liste aus dem Ordner. Nur für den Fall.


Wir sind wieder im Lagerhaus. Anderer Tag, dieselbe Düsternis. Das Schachbrett steht noch da, die Partie läuft weiter. Aber etwas hat sich verändert. Der schwarze König ist zurück. Und die weiße Dame fehlt.

Mila runzelt die Stirn. Er war hier.

Ich nicke und mustere den Raum. Und er hat uns eine Nachricht hinterlassen.

Sie sieht zum Brett, dann zu mir. Was bedeutet das?

Ich denke an die Partie, die Züge, die Strategie. Es bedeutet, dass er noch spielt. Und dass er will, dass wir mitmachen.

Sie grinst. Dann spielen wir eben.

Ich blicke mich um, entdecke eine kleine Kamera in der Ecke. Er hat uns beobachtet. Er muss zurückgekommen und die Figuren verschoben haben.


Kristoffs Büro ist ganz aus Glas und Chrom. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, die Augen kalt. Ich stehe davor, die Hände in den Taschen. Mila lehnt an der Wand, die Arme verschränkt.

Sie haben ihn gefunden, sagt Kristoff. Keine Frage.

Ich schüttle den Kopf. Noch nicht. Aber wir haben etwas gefunden.

Seine Augen verengen sich. Was?

Ich werfe den Ordner auf seinen Schreibtisch. Namen. Daten. Transaktionen. Alles mit Ihnen verbunden.

Er öffnet den Ordner und überfliegt den Inhalt. Sein Gesicht verändert sich nicht. Dann sieht er auf, die Augen kälter denn je.

Das ist ein Witz, oder? Irgendeine Art von Falle?

Ich zucke mit den Schultern. Vielleicht. Vielleicht nicht. Aber das ist, was der Archivar gefunden hat. Und deshalb ist er verschwunden.

Kristoff lehnt sich zurück, die Finger trommeln auf die Tischplatte. Und was glauben Sie?

Ich sehe ihn an, diesen Mann, den ich seit Jahren kenne, diesem Mann, dem ich vertraut habe. Und ich denke an die Partie, die Züge, die Strategie.

Ich glaube, Sie werden gespielt.

Er starrt mich an, dann lacht er. Ein raues, bitteres Geräusch. Gespielt. Von wem?

Ich blicke zu Mila. Sie nickt und stößt sich von der Wand ab.

Vom Archivar, sagt sie. Von dem Mann, der nicht der ist, der er zu sein scheint.

Kristoffs Lachen stirbt. Er sieht uns an, die Augen hart. Und jetzt?

Ich lächle, schmal und scharf. Jetzt finden wir ihn. Und wir beenden die Partie.


Wieder das Lagerhaus. Immer das Lagerhaus. Das Schachbrett steht noch da, die Partie läuft weiter. Aber diesmal sitzt eine Gestalt am Tisch. Der Archivar.

Er blickt auf, als wir eintreten, und lächelt. Ich habe euch erwartet.

Ich trete vor, die Hand an der Waffe. Es ist vorbei. Die Partie endet jetzt.

Er zuckt mit den Schultern, deutet auf das Brett. Ihr seid am Zug.

Ich sehe die Figuren, die Strategie, das Endspiel. Und ich mache meinen Zug.

Schachmatt.

Der Archivar lächelt und lehnt sich zurück. Gut gespielt, Petrova. Gut gespielt.

Mila tritt vor, Handschellen in der Hand. Es ist vorbei, sagt sie. Du kommst mit uns.

Er nickt und steht auf. Einverstanden.

Aber als Mila nach ihm greift, bewegt er sich. Schnell. Zu schnell. Ein Messer blitzt auf, und Mila stolpert zurück, die Hand an der Seite.

Ich reiße die Waffe hoch, aber er ist schon in Bewegung, schon weg. Ich schieße, doch es ist zu spät. Er ist verschwunden, verschluckt von den Schatten.

Ich drehe mich zu Mila. Sie liegt am Boden, Blut sickert durch ihre Finger. Ich knie mich neben sie, drücke auf die Wunde.

Bleib bei mir, sage ich. Bleib bei mir, Mila.

Sie blickt auf, die Augen glasig. Haben wir gewonnen? fragt sie. Haben wir die Partie beendet?

Ich sehe das Schachbrett an, die Figuren, die Strategie. Und ich begreife die Wahrheit.

Nein, sage ich. Wir haben nicht gewonnen. Wir haben die Partie nicht beendet.

Ich sehe wieder zu Mila, zum Blut, zum Schmerz. Und ich mache ein Versprechen.

Aber wir werden.


Sofia um drei Uhr morgens besteht nur noch aus Schatten und Echo. Die Pflastersteine glänzen wie schwarzes Eis unter dem Neon-Bierschild. Der schwarze Turm ist verschwunden, die Zeitung durchnässt und vergessen.

Ich stehe in der Gasse, den Kragen gegen die Kälte hochgeschlagen. Ich denke an die Partie, die Züge, die Strategie. Und ich denke an den Archivar, den Mann, der nicht der ist, der er zu sein scheint.

Ich denke an das Versprechen, das ich gegeben habe. Und ich weiß, was ich tun muss.

Die Partie ist nicht vorbei. Noch nicht. Aber sie wird es sein. Bald.

Ich drehe mich um und trete aus der Gasse. Vor mir breitet sich die Stadt aus, ein Monster aus Glas und Stahl und Schatten. Ich atme tief ein und tauche hinein.

Die Jagd beginnt. Die Partie geht weiter. Und ich höre nicht auf, bis es vorbei ist.

Schachmatt.

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