Kälte beißt in meine Wangen, als ich aus dem Bus steige. Vor mir breitet sich das Wrack des Zuges Prag–Wien unter grellen Flutlichtern aus. Schneeflocken tanzen im harten künstlichen Licht. Der Geruch von Diesel und verbogenem Metall hängt schwer in der Luft.
Ich zeige dem Beamten, der den Perimeter bewacht, meine Ausweise. Er winkt mich durch, müde Augen unter der Mütze. Ich bin kein Polizist, aber ich bin auf ihren Wunsch hier. Ich bin ein Fixer, einer von denen, die Leute kennen, einer von denen, die sich durch die Schatten des europäischen Untergrunds bewegen können.
Der Zug ist eine verdrehte Metallschlange, aber nicht das zieht meinen Blick an. Es ist das Fehlen von Chaos. Keine Leichen, keine Überlebenden, die sich in Decken kauern. Nur unheimliche Stille, als hätte jemand den Tatort saubergewischt.
„Devereaux?“ Eine Frau kommt auf mich zu, dunkler Mantel, der mit der Nacht verschmilzt. Detective Eva Kováč, nehme ich an. Sie hat mich herbestellt.
„Ja“, sage ich. „Was haben wir?“
Sie führt mich zu einem Tisch in der Nähe, auf dem unter einem Plastikzelt eine alte Geige liegt. „Die wurde im Wrack gefunden. Keine Passagiere, nur ... das hier.“
Ich beuge mich vor und mustere das Instrument. Es ist alt, wunderschön erhalten. Innen klebt ein Etikett: Stradivarius 1721. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Nicht wegen der Kälte. Ich habe so eine Nummer schon einmal gesehen. Vor ein paar Jahren, ein Job in Budapest. Derselbe Code.
Eva reicht mir ein Paar Latexhandschuhe und einen kleinen, verschlüsselten Zettel, der im Resonanzkörper der Geige steckte. „Wir glauben, es ist ein Treffpunkt“, sagt sie.
Ich drehe den Zettel in den Händen. Ein Wirrwarr aus Buchstaben und Zahlen, aber da ist ein Muster. Ein vertrautes.
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Mein Kopf springt zurück zu alten Jobs, alten Codes. Das hier ist ein Ort, ganz sicher. Ein Opernhaus, längst vergessen, vergraben am Rand von Wien.
Wir überqueren die Grenze ohne großes Aufsehen. Eva fährt, die Hände fest am Lenkrad. Die Straße ist ein schwarzes Band unter unseren Reifen, die Nacht eine leere Leinwand.
„Wer, glaubst du, war im Zug?“ fragt sie und bricht damit die Stille.
Ich zucke mit den Schultern. „Kann jeder gewesen sein. Schmuggler, Diebe, Leute, die nicht gefunden werden wollen.“
Sie sieht mich kurz an. „Und was davon bist du?“
Eine faire Frage. „Ich bin nur der Typ, der Dinge findet“, sage ich.
Das Opernhaus erhebt sich vor uns wie ein Geisterrelikt verblassten Glanzes. Schnee klammert sich an die bröckelnde Fassade, und der Wind pfeift durch zerbrochene Fenster.
Drinnen ist die Luft dick von Staub und altem Holzgeruch. Unsere Schritte hallen, während wir durch das düstere Foyer gehen, geführt von Evas Taschenlampe.
Der Saal selbst ist ein Wald aus eingefrorener Stille, Reihen leerer Sitze, die auf eine in Dunkelheit gehüllte Bühne blicken. Aber da ist ein Licht, schwach und flackernd, aus dem Bühnenbereich hinten.
Wir finden ihn in einem kleinen Raum, einst eine Garderobe für die Künstler. Ein alter Mann, gebrechlich, sitzt an einem von Kerzen beleuchteten Spiegel. Er dreht sich zu uns um, die Augen milchig, aber wach.
„Hat ja lange genug gedauert“, krächzt er, seine Stimme hallt in dem kleinen Raum wider.
Eva tritt vor. „Wer sind Sie?“
Er lächelt, die Zähne vom Alter verfärbt. „Nennen Sie mich Maestro.“
Der Maestro spricht, seine Stimme ein langsamer Tanz mit der Vergangenheit. Er erzählt von der Geige, einer Stradivari, die vor Jahren aus einem Museum gestohlen wurde. Vom Zug, einer Finte für etwas Größeres. Von den Leuten dahinter, Marionettenspielern, die aus den Schatten an den Fäden ziehen.
„Sie wollten sie aus dem System haben“, sagt er und hustet in ein Taschentuch. „Aber ich habe sie genommen. Meine Versicherung.“
Eva beugt sich vor. „Wer ist ‚sie‘?“
Er lächelt nur, dieses gleiche verfärbte Grinsen. „Wäre ja keine große Versicherung, wenn ich es allen erzählen würde, oder?“
Eva zieht ihr Handy heraus und wählt. „Wir brauchen eine Einheit am alten Opernhaus außerhalb von Wien. Wir haben eine Person von Interesse auf dem Weg.“
Das Lächeln des Maestros verblasst. „Sie können mich nicht schützen“, sagt er. „Sie werden mich finden.“
„Nicht, wenn wir sie zuerst finden“, sage ich.
Zurück in Wien mache ich ein paar Anrufe. Alte Kontakte, offene Gefallen. Ich graben in den Schatten und suche die Leute, die an den Fäden ziehen.
Eva beobachtet mich, ihr Gesicht nicht zu lesen. „Das gefällt Ihnen, nicht wahr?“ sagt sie.
Ich halte inne, das Telefon in der Hand. „Was gefällt mir?“
„Die Jagd. Der Tanz am Rand.“
Ich zucke mit den Schultern. „Das ist, was ich tue.“
Der Name, den ich bekomme, ist Hoffmann. Ein Sammler, ein Mittelsmann für seltene und gestohlene Waren. In bestimmten Kreisen bekannt, eine Spinne im Zentrum eines sehr teuren Netzes.
Sein Büro liegt in einem Hochhaus, ganz Glas und Stahl. Ein scharfer Kontrast zum Opernhaus, aber das Lied bleibt dasselbe.
Hoffmann ist ein großer Mann, scharf wie eine Klinge. Er sieht erst mich an, dann Eva, die Augen kalkulierend. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, sagt er, seine Stimme glatt wie Seide.
Ich lächle. „Nicht? Ich denke schon. Ich glaube, Sie wissen alles über die Geige, den Zug, den Maestro.“
Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, die Finger aneinandergelegt. „Und wenn schon?“
Eva tritt vor. „Dann sehen Sie sich Beihilfe zu Diebstahl, Betrug und wer weiß was noch an.“
Hoffmann lacht, ein Geräusch wie brechendes Eis. „Sie haben keinen Beweis.“
Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht nicht. Aber wir haben die Geige. Und genug, um Ihr Leben sehr unbequem zu machen.“
Wir lassen Hoffmann in seinem Turm schmoren. Draußen summt die Stadt vor Leben, ahnungslos gegenüber den Spielen, die in ihren Schatten gespielt werden.
Eva sieht mich an, in ihren Augen spiegeln sich die Lichter der Stadt. „Glaubst du, er knickt ein?“
Ich nicke. „Er knickt ein. Tun sie immer. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Tage werden zu Wochen. Der Schnee schmilzt, macht dem Regen Platz. Ich bin wieder in Prag, sitze in meinem Büro und sehe auf den Fluss.
Dann kommt der Anruf. Hoffmann, und seine Stimme ist nicht mehr glatt. Er redet schnell, die Worte überschlagen sich. Ein Datum, eine Uhrzeit, ein Ort.
Ich höre zu, mache Notizen. Dann lege ich auf, ein Lächeln spielt um meine Lippen.
Das Lagerhaus ist dunkel, die Luft dick von Staub. Schatten tanzen im dämmrigen Licht, geworfen von der einzigen Glühbirne an der Decke.
Ich stehe im Dunkeln und beobachte. Eva ist bei mir, ihre Nähe ein stiller Trost. Wir sind nicht allein. Da sind andere, verborgen, wartend. Polizeiverstärkung, eine taktische Einheit, die Eva angefordert hat.
Die Beteiligten treffen ein, einer nach dem anderen. Männer in Anzügen, Frauen in Pelzmänteln. Sie versammeln sich um einen Tisch, vor ihnen ausgebreitet eine Karte. Sie sprechen mit leisen Stimmen, ihre Worte ein Tanz aus Gier und Macht.
Dann Stille. Sie haben uns bemerkt, die Schatten werden lebendig.
Ein scharfer Befehl von Eva: „Polizei! Hände, wo ich sie sehen kann!“
Ein Gerangel, ein Schrei. Einer der Anzüge greift nach einer Waffe. Ein harter Knall aus einer Polizeipistole. Der Mann sackt zusammen und hält sich das Bein. Der Raum erstarrt.
Eva geht rein, Handschellen bereit. Der Rest der taktischen Einheit folgt und sammelt die Spieler ein. Es ist in Sekunden vorbei, das Lagerhaus erfüllt vom Klang von Metall auf Metall, während die Handschellen zuschnappen.
Eva sieht mich an, ihr Atem geht schnell. „Das war ... intensiv.“
Ich zucke mit den Schultern. „Das ist, was ich tue.“
Am Ende kommt die Geige zurück ins Museum. Der Maestro sagt trotz seiner Angst aus, seine Versicherung wird endlich eingelöst. Hoffmann singt wie ein Vogel, während sein Turm um ihn herum einstürzt.
Und ich? Ich bin wieder in Prag und sehe dem Fluss beim Fließen zu. Es klopft an meiner Tür, ein neuer Fall, ein neuer Tanz.
Aber das ist eine Geschichte für ein andermal.
Fürs Erste schläft die Stadt. Und ich auch.