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Der Alarm für hydrostatischen Druck gab ein kurzes, scharfes Piepen von sich, einen flachen, beharrlichen Ton, der an Lenas Helminneres kratzte. Sie strich mit behandschuhter Hand über die kalten, schwitzenden Schotts. Keine Kondensation. Das war Sickerwasser. Die unteren Kühlmittelleitungen der Station, ein Labyrinth aus belasteten Legierungen, fünfzig Meter unter dem Meeresboden vergraben, weinten.*Die Taucherglocke ächzte, ein protestierender Oberton aus der angespannten Panzerung. Es war nur eine einfache Diagnoserunde gewesen. Dichtungen an der Tertiärpumpe Gamma prüfen; die Kühlmitteldurchflussraten verifizieren. Routine für ein System, das seit achtzig Jahren online war. Doch die Druckwerte hatten vor drei Zyklen begonnen zu steigen, begleitet von diesem allgegenwärtigen Feuchtigkeitsglanz.
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Lena schaltete die Helmlampe ein. Der Strahl schnitt einen scharfen Kegel durch das trübe Wasser, das sich bereits im Kanal sammelte. Es war kein Leck. Es war ein Fluss. Klein, aber stetig. Das Wasser war kalt, unmöglich kalt, und ein schwacher metallischer Geschmack stach in die recycelte Luft ihres Anzugs.
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Ihr Kommunikationsgerät knackte. »Veil, Statusbericht.« Commander Thornes Stimme war ein tiefes Grollen, verstärkt durch die Hydrophoniken. Seine Stimme verlor niemals ihre Ruhe, nicht einmal letztes Jahr, als die primäre Lebenserhaltung der Station geflackert hatte.
»Der Druck ist anomaler, Commander. Geringer Wassereintritt, niedrige Durchflussrate. Ich nähere mich der Gamma-Pumpenbaugruppe. Die Sicht ist … beeinträchtigt.« Lena ließ die Lampe in einem langsamen Bogen schweifen. Etwas Helles trieb durch den Strahl. Kein Sediment. Fäden. Feine, beinahe durchsichtige Fäden, wie gesponnenes Glas, die das Licht auffingen und streuten.
»Wie beeinträchtigt?« Thorne klang einen Hauch angespannter. Seine Systemdiagnostik war eine Religion. Anomalien waren Blasphemie.
»Irgendetwas löst sich auf, Commander. Oder zerfällt. Es ist … partikelförmig.« Lena stieß mit dem Manipulatorarm gegen einen kleinen Fadenbüschel. Beim leisesten Kontakt zerfielen sie und lösten sich im Wasser auf. Sie wirkten organisch und fühlten sich doch fremd an. Biolumineszente Algenblüten waren hier unten nichts Ungewöhnliches. Das hier war keine Alge.
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Sie erreichte die Gamma-Pumpe. Das schwere Metallgehäuse, gewöhnlich ein stumpfes Industriegrau, schimmerte im Licht. Ein feiner, irisierender Film überzog jede Oberfläche. Das Fadenmaterial war hier am dichtesten, ein hauchdünner Schleier, der an der Maschine haftete. Es pulsierte schwach, ein langsames, rhythmisches Ausstoßen, das dem schwächer werdenden Herzschlag der Station ähnelte.
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Lena brachte den Manipulatorarm näher, die gelenkigen Finger ausgestreckt. Die Fäden zuckten zurück, eine seltsame, fast empfindsame Reaktion. Sie neigte die Lampe nach unten, an der Pumpe vorbei, tiefer in den Kanal. Der Fluss ging von einem Anschlusskasten aus, dessen Abdeckung offenstand. Innen befand sich statt Verkabelung und Kühlmittelreglern eine schimmernde, zähe Masse. Sie aktivierte die Vergrößerung auf dem Helmdisplay. Es war keine Masse. Es war ein Datenarchiv. Ein biologisches Analogarchiv, selten verwendet, ausgelegt für langfristige Datenspeicherung durch biomolekulare Einkapselung.
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»Commander«, sagte Lena mit flacher Stimme. »Der Eintritt ist kein Wasser. Es sind Daten. Oder es waren Daten. Sie lösen sich im Kühlmittel auf.« Sie zoomte näher heran. Das Archiv war eine Matrix mikroskopischer Tubuli, jeder ein Behälter für kodierte Informationen. Die Fäden waren die degradierten Biopolymerhüllen, das Trägermedium im Zerfall.
»Auflösen?« Thorne klang scharf, ohne seine übliche Ruhe. »Um welche Daten handelt es sich?«
»Unbekannt. Zu stark degradiert zum Scannen. Die Tubuli kollabieren. Sie sickern ins Kühlmittelsystem.« Lena spürte eine Kälte, die nichts mit dem Wasser zu tun hatte. Das Archiv befand sich im Sektor Unterebene Null, einem Sperrgebiet. Der Zugang war streng kontrolliert.
- Sie projizierte einen Strahl auf die Oberfläche des Archivs. Schwache Zeichen flackerten mitten in der zerfallenden Struktur auf, wie Geisterbilder. Dateinamen. Die meisten waren beschädigte Codeketten. Dann wurde einer lesbar. Ihr eigener Name. »Lena Hanson – Trial Log 07.22.42«.
Ihr Atem stockte. Sie schwenkte die Lampe hastig weiter, der Strahl zitterte. Mehr. »Hanson – Field Report 11.08.43«. »Lena Hanson – Psychological Assessment 05.19.44«. Dazwischen lagen andere, ältere Protokolle, Namen, die sie vage wiedererkannte, Namen aus Berichten, die sie abgelegt und zu vergessen versucht hatte.
- »Veil, was ist das?« drängte Thorne. »Berichten Sie.«
Lena zwang sich, sich zu konzentrieren. Die Fäden, das zerfallende Archiv, verdichteten sich zu einem schimmernden Film, der an den Wänden des Kanals haftete. Der Kühlmittelfluss beschleunigte sich und trug die partikelförmigen Daten tiefer in den Kreislauf der Station hinein.
»Commander«, sagte sie, ihre Stimme nun ein tiefes, mechanisches Monoton. »Das Archiv … es enthält Personalakten. Genauer gesagt meine älteren Beurteilungs- und Einsatzprotokolle. Und andere.«
Stille auf der Leitung. Schwer. Das rhythmische Pulsieren aus dem Archiv schien lauter zu werden, ein unter der Hörschwelle liegendes Grollen gegen ihren Brustkorb.
- »Und die anderen?« fragte Thorne mit gefährlich leiser Stimme.
»Namen, auf die ich normalerweise keinen Zugriff habe. Namen aus den Transfers von Unterebene Null. Die unter Projekt Nightingale klassifiziert sind.«
Wieder Stille. Der schwache metallische Geschmack in der Luft wurde schärfer, wie Ozon.
- »Veil, Sie müssen das eindämmen«, sagte Thorne schließlich. Seine Stimme war wieder im professionellen Tonfall, aber die Kanten waren messerscharf. »Verschließen Sie den Anschlusskasten. Aktivieren Sie den Notabdichtungsschaum. Wir müssen eine systemische Kontamination verhindern. Die Frühschicht ist um 0600. Wir können die Probe später analysieren.«
Den Anschlusskasten verschließen. Die Worte hingen schwer und kalt im Wasser. Ihn zu versiegeln bedeutete, das zerfallende Archiv einzuschließen, zu verhindern, dass es das Kühlmittel weiter kontaminierte, dass es sich ausbreitete. Es bedeutete auch, die einzigen lesbaren Dateinamen zu vernichten, die zersplitterten Reste dessen auszulöschen, was dort gespeichert gewesen war, und damit, was getan worden war, um es zu erreichen. Ihre Akten. Die Nightingale-Akten.
Ihr Lampenstrahl flackerte und fing die feinen, blassen Fäden ein. Sie waren jetzt überall, ein geisterhafter Regen, der aus dem versagenden Archiv fiel, ein biologisches Flüstern, das … was verhieß? Erinnerung? Verurteilung?
- »Commander«, sagte Lena, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern, verstärkt und verzerrt von der Verbindung. »Der Abdichtungsschaum ist reaktiv. Er wird alle verbliebenen Datenstrukturen unumkehrbar zerstören.« Ihr Manipulatorarm schwebte über dem Panel für die Freigabe der Notsiegelung.
»Das ist akzeptabel, Veil. Systemintegrität hat Vorrang. Kontamination einleiten.«
Lena sah es dann, einen Cluster besonders dichter Fäden, der sich in der Nähe eines Ventils verdichtete. Sie pulsierten mit schwachem inneren Licht, fast wie unter Wasser schimmernde Glühwürmchen. Der Dateiname »Lena Hanson – Psychological Assessment 05.19.44« flackerte erneut auf, klar und deutlich gegen die helle Strömung.
Sie sah zur Abdichtungskontrolle. Dann sah sie wieder das zerfallende Archiv, die Geisternamen, die durch das kalte, metallische Wasser trieben. Ihren eigenen Namen, wiederholt. Ein Verzeichnis dessen, was sie erduldet hatte, aufgezeichnet von dem System, das sie dorthin gebracht hatte. Projekt Nightingale. Das Unausgesprochene, das Vergrabene. Das Kühlmittel sickerte weiter, trug die toten Daten langsam, geduldig, durch die Adern der Station.
- Lena deaktivierte ihre Lampe. Das Wasser wurde dunkel, abgesehen von der schwachen, flüchtigen Lumineszenz der zerfallenden Daten. Sie streckte die Hand aus, nicht nach der Abdichtungskontrolle, sondern nach ihrem persönlichen Datentablet. Sie begann aufzuzeichnen. Das ferne Grollen der Kühlmittelpumpe, die eisige Abwesenheit von Thornes Stimme, die blassen, phosphoreszierenden Geister von Namen und Daten, die in der Tiefe trieben. Sie zeichnete die Stille auf, die Kälte und den metallischen Geschmack vergessener Wahrheiten. Die Station schwitzte weiter.