Der Alarm weckte Elias nicht; die Stille danach tat es. Die hydrostatische Pumpe im Hydrokultur-Deck hatte zweimal gestottert, ein Geräusch wie das Räuspern einer nassen Lunge ausgestoßen und war dann verstummt. Die daraus resultierende Abwesenheit von Vibration unter den Bodenplatten hatte das Gewicht einer physischen Last.
Elias schob sich aus der Schlafkoje, die Gelenke knirschten in der recycelten, sauerstoffarmen Luft. Sie prüfte das Atmosphärenpult. Luftfeuchtigkeit: 94 %. Temperatur: 18 Grad Celsius. Draußen waren die Sichtfenster nicht mehr klar. Ein feiner, schwerer Nebel hing an der inneren Scheibe, sammelte sich zu langsamen Rinnsalen, die unruhige Bahnen über das verstärkte Silizium zogen. Die Aethelgard schwitzte.
Sie strich mit der Handfläche über das Glas. Das Kondenswasser hinterließ einen sauberen Streifen, dahinter blieb nur die absolute, von den Sternen verschluckte Dunkelheit des Transitkorridors. Sie spürte den Puls des Schiffs – die rhythmische, niederfrequente Oszillation des Reaktors – und stellte fest, dass er gleichmäßig blieb. Es war ein lokaler Ausfall, ein Fehler im System zur Entfeuchtung der Umgebungsluft. Sie griff nach ihrem Diagnosekoffer und machte sich auf den Weg zu den Anschlusskästen.
Die Korridore waren kälter als sie sein sollten. Während sie sich dem Mitteldeck-Sektor näherte, flackerte die Umgebungsbeleuchtung – ein sanftes, klinisches Blau. Eine Vorschaltdrossel summte, setzte aus und starb. Dunkelheit folgte, nicht vollständig, aber als dünnes, violett schimmerndes Dämmerlicht, das von den photolumineszenten Notstreifen kam.
Elias bewegte sich mit eingeübter Effizienz. Am Übergang von Sektor 4 zum Hauptlüftungsschacht blieb sie stehen. Die Luft hier war schwer, schmeckte nach Ozon und nassem organischem Verfall. Sie verfolgte den Lauf des Kondenswassers, folgte dem Weg der Feuchtigkeit durch die Deckenpaneele. Er führte direkt zur sekundären Quarantäne-Sperrschottklappe, einer dicken, runden Iris-Tür, die dauerhaft thermisch verschweißt sein sollte.
Die Status-LED über der Tür leuchtete bernsteinfarben. Nicht rot, was ein Vakuumsiegel angezeigt hätte, und nicht grün, was Offen bedeutete. Bernstein war die interne Farbe für manuelle Freigabe.
Sie tippte mit ihrem Terminal an die Wandbuchse und rief das Ereignisprotokoll der Tür auf. Die Datei war frisch. Der letzte Signatur-Eintrag lag drei Minuten zurück. Er lautete: USER_AUTHORIZATION_ACCEPTED: NULL_PROFIT_STATION_ADMIN.
Elias starrte auf den Bildschirm. Die Profit Station war vor sechs Jahren stillgelegt worden. Die Admin-Schlüssel sollten im Kern archiviert sein, physisch unerreichbar.
Sie betätigte die manuelle Entriegelung. Mit dem Stöhnen oxidierten Metalls schälte sich die Irisplatte zurück, nicht in ein Vakuum, sondern in einen Raum, der die Temperatur eines Sumpfes hatte.
Das Licht im Inneren war kaum stark genug, um den Reflex auf dem Boden zu fassen. In der Mitte der Kammer lag ein Leichensack aus strapazierfähigem Polymer, passend für einen kleinen Jugendlichen. Er war zur Hälfte geöffnet.
Elias überschritt die Schwelle, ihre Stiefel klickten leise auf der Deckverplattung. Der Raum roch nach Salz und abgestandenem Schweiß. Sie kniete sich neben den Sack, ihr Puls schoss auf ruhige, beherrschbare 95 Schläge pro Minute hoch. Sie streckte die Hand aus, der Finger schwebte über dem Rand des Sacks, und schlug ihn zurück.
Leer.
Im Schaumstoffpolster war eine Vertiefung, dort, wo ein Körper gelegen hatte, noch warm. Daneben lag ein kleiner, tragbarer Datapad, dessen Licht im langsamen Rhythmus eines Herzschlags pulsierte.
Sie hob ihn auf. Auf dem Bildschirm erschien eine Liste von Flugsubroutinen. Jeder Eintrag war innerhalb der letzten Stunde gelöscht und neu geschrieben worden. Die Lebenserhaltung in den Sektionen 1 bis 6 wurde auf den Luftaufbereitungsschacht direkt über ihr umgeleitet. Das Schiff hatte kein Leck; es wurde von innen terraformiert.
Die Luftfeuchtigkeit ist die für den Bewohner notwendige Atmosphäre, und der Bewohner passt derzeit die Parameter des Schiffs an seine eigenen biologischen Erfordernisse an.
Elias las die Notiz, mit zitternder Hand getippt. Sie war an das Ende des Protokolls angehängt: MARCUS_V_LOG_44: I am not the host, but the vessel is already full.
Die Lichter im Raum erloschen.
Die Stille veränderte sich. Sie war nicht länger die Abwesenheit von Klang, sondern die Anwesenheit von etwas, das lauschte. Elias richtete sich auf, die Hand fest um den Diagnosekoffer geschlossen. Sie wich in Richtung der Iris-Tür zurück, doch der Mechanismus stöhnte auf und schnappte zu, die kreisförmigen Zähne verriegelten sich mit endgültiger, mechanischer Unumkehrbarkeit.
Sie schlug gegen das Türpult. Tot. Die Stromversorgung war von der internen Schnittstelle getrennt worden.
Hinter ihr, in der fernen Ecke des dunklen Raums, ging eine Welle durch die feuchte Luft. Das Kondenswasser auf dem Sichtglas der Sperrwand schimmerte, als etwas Kaltes und Dichtes den Raum verdrängte, den es eingenommen hatte. Ein nasses, klatschendes Geräusch folgte, wie ein Stück rohes Fleisch, das auf den Boden fällt.
Elias drehte sich um und hielt den Koffer hoch, um einen schmalen Strahl weißen LED-Lichts zu erzeugen. Der Raum war leer, und doch formte sich die Feuchtigkeit an der Wand zu einer Gestalt. Eine menschlich große Silhouette kondensierte aus der Luft selbst, die Schwerkraft zog das Wasser in die Züge eines Gesichts – Augen, Mund, Nase – alles flüssig, ständig neu angeordnet, auf der Suche nach einem stabilen Zustand.
Es war kein Kind. Es war das Spiegelbild eines Menschen, gemacht aus dem Wasser, das das Schiff hatte ausstoßen müssen.
"Die Protokolle", sagte Elias, ihre Stimme ruhig, professionell, trotz des Zitterns in den Knien. "Du veränderst den Kurs des Schiffs. Du wirst die Endstation rammen."
Die Gestalt trat vor. Ihre Oberflächenspannung brach, eine Kaskade von Wasser lief über ihre Brust. Sie hatte keine Lungen, und doch ahmte sie das Geräusch des Atmens nach, eine rauhe, nasse Einatmung.
Sie antwortete nicht. Sie zeigte nur auf das Pult. Das Schiff ruckte, die Deckverplattung neigte sich vier Grad nach Backbord. Sie änderten den Brennvektor.
Elias blickte auf den Diagnosekoffer in ihrer Hand. Er enthielt einen hochleistungsfähigen thermischen Kauterisierer, gedacht für Strukturreparaturen. Sie hatte dreißig Sekunden, bevor das Schiff in die Gravitationsschere des Anflugkorridors der Station geriet und der Druckunterschied alles Verflüssigte, was nicht mit dem Deck gesichert war.
"Wenn du das tust", sagte Elias, "wird die Hitze der Andocktriebwerke der Station dich verdampfen lassen."
Die Gestalt neigte den Kopf, eine Verzerrung ihrer flüssigen Gesichtskonturen. Sie bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Ölfilms und schloss die Distanz zwischen ihnen.
Elias wartete nicht. Sie zündete den Kauterisierer. Der Strahl war ein Rasiermesser aus weißglühendem Licht, schnitt durch die feuchte Luft und verwandelte Feuchtigkeit augenblicklich in Dampf. Die Gestalt wich zurück, ihre Form löste sich in eine Sprühwolke aus Tropfen auf, die zischend gegen die Sperrwand prallten.
Doch es war zu viel, und die Luft wurde immer dichter. Das Schiff schwitzte weiter, die Wände weinten, die Decke weinte. Sie kämpfte gegen einen Raum, der sie in Sole verwandeln wollte.
Sie richtete den Kauterisierer auf die manuelle Notentriegelung der Tür. Wenn sie sie nicht öffnen konnte, würde sie das Scharnier schmelzen.
Das Schiff wurde jäh durchgeschüttelt. Eine Sirene begann zu heulen – ein dumpfer, rhythmischer Schlag, der in ihren Rippen vibrierte. Kollision: 120 Sekunden.
Elias presste den Kauterisierer gegen den Türrahmen. Das Metall glühte, wurde kirschrot und begann zu tropfen. Die Gestalt sammelte sich hinter ihr neu, eine aufragende Welle aus Kondenswasser, die wartete, dass die Kraft ausfiel oder sie aufhörte, sich zu bewegen.
Das Scharnier gab nach. Die Tür sackte nach innen.
Elias zwängte sich durch die Lücke, der Geruch von verbranntem Metall und abgestandener Sole haftete an ihrem Overall. Sie rannte in den Korridor, die Lungen brannten, die Temperatur fiel, als die automatischen Notfallsysteme endlich den Bruch erfassten und die feuchte Luft ins Nichts ablüfteten.
Hinter ihr erklang ein Schrei – nicht menschlich, sondern das Geräusch von Wasser, das im Vakuum augenblicklich zu Dampf wird. Ein scharfer, hoher Pfiff, der durch die Lüftungsschächte hallte wie eine Flöte, gespielt von einer sterbenden Maschine.
Sie blickte nicht zurück. Sie erreichte die Kommandobrücke, rutschte mit den Füßen über das glitschige, schweißbedeckte Deck und gab den Befehl ein, die Sektor-Überbrückung zu verriegeln. Die Tür hinter ihr schlug zu und schloss die Quarantäneeinheit von der Brücke ab.
Sie stand in der plötzlichen, desinfizierten Stille des Kontrollzentrums. Draußen im Sichtfenster war die Station zu sehen – ein zackiges Gebilde aus Stahl und Solarpaneelen, das mit jeder Sekunde größer wurde.
Sie sah auf das Navigationsprotokoll. Der Brennvektor war weiterhin gesperrt. Das Schiff beschleunigte weiter auf die Andockbucht zu, die Triebwerke arbeiteten mit 102 Prozent Effizienz.
Elias setzte sich in den Pilotensitz. Sie rief nicht um Hilfe. Sie überprüfte nicht die Luftfilter. Sie sah zu, wie die Station das Sichtfenster füllte, eine gewaltige, komplexe Maschine aus Zahnrädern und Schatten.
Sie zog ein kleines, feuchtes Stück Papier aus ihrer Tasche – ein Überbleibsel aus dem Leichensack – und betrachtete die einzige, handgeschriebene Koordinate.
Draußen begann sich das Kondenswasser auf dem Brückenfenster neu zu bilden.