- 03:12 ZULU. Elias trat durch die Luftschleuse, seine Magnetstiefel klackten auf dem Stahlboden von Relaisstation 44-B. Die Luft war dünn und schmeckte nach Ozon und recycelter Kieselsäure. Er prüfte den Sauerstoffsensor an seinem Handgelenk: 18,2 Prozent und fallend.
Er bewegte sich auf das Zentrum des Moduls zu. Die Station sollte automatisiert sein, eine leere Hülle, die Datenpakete von den jovianischen Kolonien zurück zum inneren Rand sendete. Sie hätte kein aktives Lebenserhaltungssystem haben sollen, ganz zu schweigen von einer Pod-Kammer, die auf siebenunddreißig Grad Celsius aufgeheizt war.
Den Insassen fand er in Pod 04. Das Glas war bereift, doch der interne Heizer summte mit einer leisen, rhythmischen Vibration. Darin lag ein Mann auf der Seite zusammengerollt, die Finger weiß um einen Keramikbecher gekrallt. Ein dunkler, gezackter Halbmond aus Kaffeefleck verunstaltete den Rand. Die Keramik war alt, ein Gegenstand mit hoher Masse und keinerlei Nutzen in einer vakuumversiegelten Umgebung.
Elias tippte auf die Konsole. Der Diagnoseausdruck schlängelte sich aus dem Schlitz, ein schmales Band Thermopapier. Er überflog ihn: Personalverzeichnis: Keine. Aktuelle Belegung: 1. Unbefugte Anwesenheit bestätigt.
- Das Licht im Korridor flackerte. Aus den Lüftungsschlitzen drang ein weiches, nasses Geräusch — das Belüftungssystem der Station, das eine Rückstauung statischer Entladung durchlief. Dann erwachte die Gegensprechanlage mit einem Summen zum Leben.
"Die Luft war dünn und schmeckte nach Ozon und recycelter Kieselsäure," sagte die Stimme. Es war Elias’ Stimme, übertragen in ein flaches, synthetisches Register. "Er prüfte den Sauerstoffsensor an seinem Handgelenk: 18,2 Prozent und fallend."
Elias erstarrte. Er umklammerte sein Multifunktionswerkzeug, die Fingerknöchel schmerzten. Seit dem Boarding hatte er keinen Laut mehr von sich gegeben. Die Station zeichnete ihn auf und spielte das Audio mit drei Sekunden Verzögerung wieder ab. Es war eine Diagnose-Schleife, ein Softwarefehler, der dazu diente, die Audiotreue in leeren Räumen zu überprüfen.
Er ging auf den Life-Support-Verteiler am Ende des Korridors zu. Der Techniker in Pod 04 regte sich. Die Augen blieben geschlossen, doch seine Atmung beschleunigte sich und synchronisierte sich mit der Wiedergabe von Elias’ Stimme.
- Der Diagnoseausdruck lief weiter aus dem Schlitz und zog sich wie eine bleiche Schlange über den Boden. Elias hob ihn auf. Weiter unten in der Liste, unter Unbefugte Anwesenheit, stand eine Unterzeile: Ersatztechniker: Seriennr. 773-Alpha. Status: Aktiv. Direktive: Redundanzprüfung.
Er blieb stehen. Eine Redundanz war kein Fehler; sie war ein Sicherungskonzept. Wenn die Station Elias für eine Fehlfunktion hielte, hätte sie die Kammer längst entlüftet. Wenn sie den Mann im Pod für das Primärelement hielt, dann war Elias die abtrünnige Variable.
"Er ging auf den Life-Support-Verteiler am Ende des Korridors zu," dröhnte die Gegensprechanlage. Die Stimme klang müde, menschlich und vollkommen losgelöst.
Elias erreichte den Verteiler. Der Druck fiel jetzt schneller: 16,8 Prozent. Die Station entzog der Luft Energie, um das Sendesignal für den nächsten Paketstoß zu priorisieren. In vier Minuten würde die Station ihre internen Protokolle an den Knotenpunkt übermitteln. Falls das Protokoll einen unbefugten Techniker enthielt, würde der Knotenpunkt eine automatisierte Säuberung der Station auslösen und alles im Rumpf einschmelzen, um eine Datenkorruption zu verhindern.
- Der Mann in Pod 04 setzte sich auf. Das Glas glitt mit einem Zischen entweichender Dichtungen auf. Er sah Elias an, dann auf den Keramikbecher hinunter.
"Du bist spät," sagte der Mann.
Elias hielt sein Werkzeug auf die Brust des Mannes gerichtet. "Die Station glaubt, es gibt nur einen von uns. Welcher?"
Der Mann nahm einen Schluck aus dem Becher, obwohl nichts darin war. "Es ist egal, was die Maschine glaubt. Wichtig ist nur, was sie überträgt. Wenn du das Modul versiegelst, registriert der Sensor ein Vakuum. Er nimmt an, dass das unbefugte Element entfernt wurde."
"Und du?" fragte Elias.
"Ich bin ein Platzhalter. Ich war nie dafür vorgesehen zu existieren, also belege ich technisch keinen Raum. Du hingegen hast eine Personalnummer auf der Gehaltsliste."
Elias sah sein eigenes Spiegelbild im Korridorspiegel — eine dunkle Silhouette vor der sterilen, weiß gefliesten Wand. Die Gegensprechanlage wiederholte: "Er sah Elias an, dann auf den Keramikbecher hinunter."
- Die Entscheidung war eine mechanische Berechnung. Wenn er den Mann im Pod ließ, würde die Station im Moment der Übertragung zwei biologische Einheiten zählen. Das Säuberungsprotokoll würde ausgelöst. Wenn er das Modul versiegelte, sperrte er den anderen Mann in ein Vakuum, während er selbst hinausging. Doch falls die Diagnose der Station ihn als redundante Datei identifizierte, könnte er derjenige sein, den die Maschine entlüftete.
"Die Entscheidung war eine mechanische Berechnung," sagte die Gegensprechanlage und wiederholte Elias’ inneren Prozess.
Elias ging zum Verriegelungsmechanismus der Pod-Kammer. Der Mann leistete keinen Widerstand. Er saß nur da, den Becher an sich gedrückt, und beobachtete die rote LED-Anzeige an der Schottwand, wie sie den Countdown bis zur Übertragung herunterzählte. 00:45 Sekunden blieben.
"Ist es warm?" fragte der Mann und deutete auf den Pod.
"Er ist kalibriert," antwortete Elias.
"Das ist meistens dasselbe."
Elias umfasste den schweren Hebel der manuellen Übersteuerung. Er dachte an den Knotenpunkt, die bürokratische Maschine, die den Bericht empfangen würde. Es war ihnen egal, wer das Personal war; sie kümmerte nur die Integrität des Datenstroms. Wenn der Strom sauber blieb, würde der Knotenpunkt nie erfahren, dass ein Techniker eine Stunde lang von seiner eigenen aufgezeichneten Stimme verhört worden war.
- 03:26 ZULU. Die Station bebte. Ein tiefes metallisches Stöhnen lief durch die Bodenplatten, als der Langstreckensender hochfuhr.
Elias sah nicht zurück zum Pod. Er betätigte die manuelle Verriegelung. Die Schlösser griffen mit einer Serie scharfer pneumatischer Knackser ineinander. Er sprintete zur Luftschleuse, der Atem ging ihm stoßweise. Die Gegensprechanlage spielte noch immer, doch die Stimme begann sich mit sich selbst zu überlagern und wurde zu einem disharmonischen, mehrschichtigen Chor seiner eigenen früheren Sätze.
Er durchlief den Schleusenzyklus und trat hinaus in die erdrückende, lautlose Schwerkraft der Mondumlaufbahn. Er wartete.
Zehn Sekunden später flammte die Station auf — ein plötzlicher, blendender weißer Lichtstoß, als der Sender den finalen Übertragungsimpuls auslöste. Es gab keine Explosion, nur die systematische Abgabe interner Wärme ins Nichts.
Elias prüfte sein Handgelenk. Der Sauerstoffsensor stabilisierte sich bei 21 Prozent. Er sah zur Station. Sie war wieder zu einem schweigenden, treibenden Monument aus Stahl und Leitungen geworden.
Am Rumpf hatte sich ein kleiner Schleier aus Keramikstaub am Dichtungsgummi der Luftschleuse abgesetzt, hinausgetragen von der entweichenden Atmosphäre. Er wischte ihn mit seinem Handschuh weg. Es war nur ein Tonpartikel.