Serielle Redundanz

Ein Techniker steht neben einem leuchtenden Kryo-Tresor in einem dunklen Raumstationskorridor.
Stille im Gewölbe.
  1. 04:12 STATIONZEIT. Die Kühleinheit für Kryo-Tresor 4 gab ein hochfrequentes Pfeifen von sich, dann nichts mehr. Stille ist in Außenstationen selten friedlich; meist ist sie ein Hinweis auf einen kinetischen Ausfall.

Elara zog ihren Magnetschlüssel vom Gürtel. Die Luft im Korridor war dünn, schmeckte nach recyceltem Ozon und der schwach chemischen Süße zerstäubten Kühlmittels. Sie wischte sich mit dem Handrücken des Handschuhs über die Stirn. Die Auftauanmerkung auf dem Außenpanel leuchtete in einem sanften, pulsierenden Bernstein: 4,2 Prozent Abweichung von der Basistemperatur.

Sie schob den Schlüssel in den Port. Die Dichtung zischte, ein Druckabfallstoß, der ihr die Ohren knallen ließ.

  1. Die Schublade war nicht verriegelt. Sie war genau sechs Zentimeter weit herausgezogen worden. Ein Streifen aus Frostschmelze lief über die Front aus Edelstahl wie ein langsamer, gezackter Riss. Elara zog sie ganz auf.

Drinnen lag der Körper in einem Zustand aus angehaltenem Totenstarre. Die Haut hatte die Farbe geronnener Milch, durchsichtig genug, um das blaue Netz der Venen darunter zu erkennen. Der Mann wirkte jung, vielleicht dreißig, mit der weichen Kinnlinie eines Menschen, der nie etwas Härteres kauen musste als synthetische Proteinpaste.

Um seinen Hals lag ein dunkler, purpurner Bluterguss – eine perfekte, daumengroße Eindellung an der linken Seite der Trachea.

Elara prüfte sein Handgelenk-Tag: Subjekt 77-B, Sektor Interne Logistik, Verstorben 09/12.

Sie wandte sich zu ihrem Terminal und tippte auf das Glas, um das Manifest aufzurufen. Das zentrale Inventarsystem der Station lief in weißer Schrift auf schwarzem Grund vorbei. Sie fand 77-B. Dann scrollte sie weiter nach unten, auf der Suche nach dem Fehler, der den Thermosensor ausgelöst hatte.

Sie fand 82-F.

Sie beugte sich näher. Das an 82-F angehängte Foto war identisch mit dem Mann in der Schublade. Das Haar, die kleine Kerbe im linken Ohrläppchen, die genaue Geografie der Muttermale an seinem Hals. Aber der eingetragene Name war ein anderer: Lennox, J., Wartungsspezialist.

Ankunftsdatum: 09/14. Status: Aktiv/Vor Ort.

  1. Der Reaktor summte, eine niederfrequente Vibration, die die Stifte in Elaras Tasche klappern ließ. Die Energie war zurück. Die Kühlpumpen sprangen an, das Geräusch hallte durch den sterilen weißen Tunnel des Tresors.

Sie sah den Bluterguss noch einmal an. Er war frisch. Wenn er seit dem 12. tot gewesen wäre, müsste das Gewebe grau sein, das Trauma durch die Tiefkühlung stabilisiert. Diese Haut gab unter ihrer Berührung noch nach.

Sie öffnete die nächste Schublade. Subjekt 91-A.

Es war derselbe Mann. Derselbe daumengeprägte Bluterguss an seinem Hals. Das Schild las Garrick, P., Hydroponik-Überwacher, Aktiv/Vor Ort.

In dieser Reihe gab es zwölf Schubladen. Sie öffnete sie alle.

Jede enthielt eine Version desselben Mannes. Einige waren gezeichnet, andere makellos. Alle waren identisch. Es waren keine Klone – sie waren biologisches Ergebnis, mit leichter Zeitverzögerung hergestellt, angeliefert im Versorgungsshuttle in Transportkisten mit der Aufschrift 'Verderbliche medizinische Vorräte'.

  1. Elara saß auf dem Boden, die Kälte strahlte durch ihren Overall. Die Rechnung war einfach. Die Station hatte keine hohe Fluktuation beim Personal, aber die Fluktuation, die es gab, wurde von einem automatisierten System verwaltet, das die Stellen unabhängig davon besetzte, wer sie gerade innehatte.

Effizienz bedeutete, dass die Station funktionierte. Wenn der Hydroponik-Überwacher bei einem Ventildruckunfall starb, wurde einfach ein neuer ausgepackt, angewärmt und mit den nötigen Freigabecodes programmiert. Der Station fehlte kein Personal. Die Unternehmensbürokratie verlangte, dass zu Beginn jeder Schicht Köpfe gezählt wurden. Sie verlangte nicht, dass diese Köpfe länger als ein paar Wochen derselben Person gehörten.

Es war bemerkenswert ordentlich.

Ihr Terminal piepste. Eine automatische Eingabeaufforderung erschien: Alarm: Kryo-Tresor 4 Temperatur stabilisiert. Inventarintegrität für Wartungsprotokoll bestätigen.

Wenn sie auf 'Bestätigen' drückte, würde das System den aktuellen Zustand der Schubladen löschen und den Cache der abweichenden Manifeste bereinigen. Sie wäre eine effiziente Angestellte. Sie würde weiter Gehalt bekommen. Die Station würde weiter kreisen, die Luft würde weiterhin gereinigt werden, und die Menschen, die durch die Korridore gingen, würden sie weiter anlächeln, ohne zu ahnen, dass sie nur die jüngste Iteration eines Kreislaufs waren, der begonnen hatte, bevor sie ankam.

  1. Sie stand auf. Ihre Stiefel klackten auf dem Deck. Sie ging zur äußeren Schottwand, dem schweren Hebel, der die Atmosphäre des Tresors ins Vakuum entlüften konnte.

Es war ein schweres, industrielles Stück Stahl, mit roten Warnstreifen lackiert. Wenn sie ihn zog, wäre der Druckabfall katastrophal. Er würde einen stationsweiten Alarm auslösen. Er würde das Versorgungsshuttle, das gerade am Rand andockte, festsetzen und die Station effektiv vom Firmennetz trennen, bis ein Untersuchungsteam eintraf. Das konnte Wochen dauern. Oder nie geschehen. Die Firma könnte es billiger finden, ein kompromittiertes Asset aus der Umlaufbahn zu werfen, als es zu reparieren.

Sie sah den Mann in der Schublade an. Jetzt, da der Frost auf seine Haut zurückkehrte, wirkte er friedlich.

Sie dachte an den Kaffee, den sie vor drei Tagen mit 'Lennox' in der Kantine getrunken hatte. Er hatte ihr einen Witz über eine fehlende Schraube in der Zentrifuge erzählt. Er hatte gelacht, ein bestimmtes, echtes Lachen. Er hatte nicht gewusst, dass er ein Ersatz war. Vermutlich kannte er nicht einmal seinen eigenen Namen, bis das System ihn ihm zugeführt hatte.

Sie streckte die Hand nach dem Hebel aus.

  1. Die Kontrollleuchte der Luftschleuse flackerte. Eine Benachrichtigung piepste auf Elaras Handfunk: Betriebsleiter: Elara, kommen Sie nach Schichtende ins Büro. Wir müssen Ihre Versetzung zum zentralen Knotenpunkt besprechen. Ihre Leistungswerte sind anomal.

Sie wussten es. Sie wussten es immer. Das System verwaltete nicht nur das Inventar; es verwaltete auch das Inventar von Menschen wie ihr.

Sie umklammerte den Griff. Er war kalt.

Sie sah auf den Bildschirm. Der Cursor blinkte in der Box 'Bestätigen', ein gleichmäßiger, rhythmischer Puls.

Sie konnte weggehen. Sie konnte ins Büro gehen, ihre Sachen holen und so tun, als sie beim nächsten Mal, wenn sie Lennox sah, nicht die genaue Haltbarkeit seiner Kehle kennen würde.

Draußen hinter dem Bullauge blieben die Sterne gleichgültig. Sie blinkten nicht.

Elara holte tief Luft. Statt nach dem Hebel griff sie zum Terminal. Ihre Finger bewegten sich mit der Präzision einer Technikerin, die darauf trainiert war, Systemstabilität über alles zu stellen. Sie drückte 'Bestätigen'.

Dann hob sie ihre Werkzeuge auf und ging zur Tür. Als sie am Wartungsschrank vorbeikam, bemerkte sie einen Frostfleck auf dem Boden, der langsam zu einer kleinen, dunklen Pfütze schmolz, die innerhalb der Stunde vom Lüftungssystem verdampft werden würde.

Diese Story teilen