Die fehlende Tasse

Eine verpackte Schachtel steht auf einer regennassen Haustreppe neben einer Tür.
An einem regnerischen Montag kommt ein kleines Paket an.

Als sie die knarrende Tür aufstieß, wehte ein schwacher Duft von nasser Erde und Ozon herein, und mit ihm das Versprechen eines langen, verregneten Montags. Das Geräusch der auf das Pflaster prasselnden Regentropfen bildete eine beruhigende Melodie, die die Welt in friedlichen Schlaf wiegen wollte. Doch für sie war diese Stille nur von kurzer Dauer. Auf der Schwelle zog eine kleine, unscheinbare Schachtel ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie war in braunes Papier gewickelt, mit einer Schnur verschnürt und trug auf dem Etikett einen kleinen, handgezeichneten Teefilter. Ein Funken Wiedererkennen flackerte in ihr auf, gefolgt von einem Flattern in ihrer Brust. Die Schachtel war von ihm.

Sie hob sie auf, spürte ihr Gewicht in den Händen und wandte sich wieder der Wohnung zu. Ihre Untermieterin, Mrs. Jenkins, stand im Flur, ein Tablett mit noch warmen Pfirsichtörtchen in den Händen, Sorge in das Gesicht gezeichnet. „Ist alles in Ordnung, Liebes?“ fragte sie und ließ den Blick zwischen der Schachtel und ihrem Gesicht hin und her wandern. Sie nickte, zwang sich zu einem Lächeln und nahm Mrs. Jenkins das Tablett ab. „Nur ein alter Freund, der ein Geschenk vorbeibringt“, sagte sie und bemühte sich um einen gleichmütigen Ton.


Als sie die schmale Küche betrat, umfing sie das warme Leuchten des Ofens und der Duft von Butter und Zucker und lenkte sie für einen Augenblick von der Schachtel ab. Die Spüle war voll mit abgespülten Erdbeeren, deren grüne Kelchblätter und Blättchen noch an der Frucht hafteten, und das Fenster darüber war von Kondenswasser beschlagen. Sie stellte das Tablett auf die Arbeitsplatte; die Törtchen verströmten ein süßes, goldenes Aroma, das sich mit dem Geruch von nassem Stein und Regen vermischte. Ihre Gedanken aber kreisten weiter um die Schachtel.

Vorsichtig löste sie die Schnur und schlug das Papier auf, bis ein wunderschön gearbeiteter Holzkasten zum Vorschein kam, geschmückt mit feinen Mustern ineinander verschlungener Blumen. Der Deckel knarrte, als sie ihn öffnete, und entließ ein Flüstern von altem Papier und den schwachen Duft von Tee. Im Inneren lagen Teetassen in einzelnen Bettchen aus Seidenpapier, jede in eine Seite eingewickelt, die aus einem alten Kochbuch gerissen worden war. Ihr Herz weitete sich, als sie das Buch erkannte – es war das, das sie sich einst geteilt hatten, voller Notizen und Randbemerkungen, ein Zeugnis ihrer gemeinsamen Liebe zu Kochen und Tee.

Doch als sie die erste Tasse herausnahm, ein zartes Porzellanstück mit einem Vergissmeinnichtmuster, merkte sie, dass eine fehlte. Das Set sollte sechs Tassen enthalten, aber es waren nur fünf da. Ein Stich der Enttäuschung, gemischt mit einem Hauch Neugier, traf sie. Warum hatte er ihr das Set geschickt, und warum fehlte eine Tasse? Sie verspürte den überwältigenden Drang, ihn anzurufen, ihn nach dem fehlenden Stück zu fragen, doch etwas hielt sie zurück.


„Ein Geschenk besteht nicht nur aus der Sache selbst, sondern aus der Absicht und der Liebe dahinter“, hatte er einmal gesagt, als sie in einem kleinen Café saßen und Tee aus einem ähnlichen Set tranken. „Es geht um die Geschichte, die es erzählt, um die Erinnerungen, die es weckt.“ Die Erinnerung strömte mit einem Mal über sie herein, und mit ihr eine Welle von Gefühlen, von denen sie geglaubt hatte, sie längst begraben zu haben.

Während sie so dastand, die Teetassen und ihre Hüllen um sich verstreut, der Regen gegen die Fensterscheibe trommelnd, schien die Küche enger zu werden, die Luft sich mit Spannung zu verdichten. Mrs. Jenkins, die ihre Unruhe spürte, erschien in der Tür, Sorge im Gesicht. „Liebes, möchtest du eine Tasse Tee?“ fragte sie mit sanfter, leiser Stimme. Sie zögerte, ihr Blick glitt zum Telefon, dann zurück zu den Tassen. Die Entscheidung lag bei ihr, und nur bei ihr. Sie konnte ihn anrufen, ihn nach der fehlenden Tasse fragen und riskieren, eine Tür wieder zu öffnen, von der sie geglaubt hatte, sie sei längst geschlossen. Oder sie konnte die Schachtel geschlossen lassen, das Geheimnis der fehlenden Tasse ungelöst und einfach weitermachen.

Die Stille dehnte sich aus, unterbrochen nur vom Regen und dem leisen Ticken der Uhr an der Wand. Dann, in einer Bewegung, die fast unwillkürlich wirkte, streckte sie die Hand aus und hob den Hörer ab. Ihr Herz raste, ihre Handflächen wurden feucht, als sie die vertraute Nummer wählte. Das Freizeichen erklang einmal, zweimal, bevor eine tiefe, samtige Stimme antwortete. „Hallo?“

Einen Moment lang sagte sie nichts; das einzige, was sie hörte, war ihr eigener Atem. Dann sprach sie mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern war. „Ich bin’s. Ich habe dein Geschenk bekommen.“ Die Leitung wurde still, und einen Augenblick lang fragte sie sich, ob er aufgelegt hatte. Doch dann kam seine Stimme zurück, warm und vertraut. „Ich freue mich, dass es dir gefällt“, sagte er. „Ich hatte gehofft, du würdest es verstehen.“

Verstehen was?, wollte sie fragen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen hörte sie sich sagen: „Eine der Tassen fehlt.“ Eine Pause entstand, und für einen Augenblick glaubte sie, sie hätte ihn falsch eingeschätzt, er würde auflegen oder schlimmer noch, lachen. Doch dann kam seine Stimme wieder, leise und weich. „Ich weiß“, sagte er. „Ich wollte, dass du mich anrufst. Ich wollte deine Stimme hören.“

Die Küche, der Regen, die Teetassen – alles trat in den Hintergrund, während sie dort stand, den Hörer ans Ohr gepresst, seine Worte wie eine Herausforderung in der Luft. Es war ein Risiko gewesen, ihn anzurufen, eine Tür wieder zu öffnen, von der sie geglaubt hatte, sie sei geschlossen. Aber als sie seiner Stimme lauschte, die Wärme und die Liebe hinter seinen Worten spürte, wusste sie, dass es ein Risiko war, das sich zu wagen lohnte. Die fehlende Tasse, so schien es, war erst der Anfang einer neuen Geschichte, einer, die sie bereit war zu schreiben, Wort für Wort.

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