Als sie die Wohnung betrat, klammerte sich die feuchte Abendluft an sie wie ein nasser Schleier, schwer vom Duft blühender Blumen und von etwas anderem – dem Geruch von Tomatensauce, die auf dem Herd vor sich hin köchelte. Sie hatte nicht damit gerechnet, hier jemanden anzutreffen, geschweige denn die Mutter ihres Ex, die mit hochgeschobenen Ärmeln in der Küche stand und mit einem Holzlöffel im Topf rührte. Die Sauce drohte überzukochen, und die Augen der Mutter huschten zum Herd, als sie geübt die Hitze herunterdrehte.
Der Blick der Frau schweifte durch den vertrauten Raum und nahm den schwachen Geruch alter Erinnerungen auf. Alles sah gleich aus und doch anders. Die Anwesenheit der Mutter war eine schroffe Erinnerung daran, dass manches sich verändert hatte, während anderes in der Zeit erstarrt geblieben war. Was machte sie hier? Ihr Kopf arbeitete fieberhaft, voller Fragen, während sie auf die Kücheninsel zuging; ihr Blick blieb an der Schachtel auf der Arbeitsfläche hängen, die mit einem verblichenen Band verschnürt war.
»Ich wusste nicht, dass Sie kommen«, sagte die Frau und bemühte sich, beiläufig zu klingen, obwohl sie überrascht war.
Die Mutter drehte sich um, ein kleines Lächeln auf den Lippen. »Ich hoffe, ich störe nicht. Ich musste nur etwas abholen.«
Der Blick der Frau sank auf die Schachtel, und sie spürte einen Stich der Neugier. Was konnte so wichtig sein, dass seine Mutter dafür bis hierher kommen musste? »Was ist das?«, fragte sie und streckte die Hand aus, um die Schachtel zu berühren.
»Eine Schachtel mit Briefen«, erwiderte die Mutter, und für einen Augenblick verschleierte sich ihr Blick. »Briefe, die mein Sohn an Sie geschrieben hat, aber nie abgeschickt hat. Er hat mir vor seiner Abreise davon erzählt, und ich wollte sie schon lange lesen.«
Das Gesicht der Frau wurde heiß, als sie sich an die Worte des Sohnes erinnerte, an die Gedanken und Gefühle, die er mit ihr geteilt hatte. Sie hatte die Briefe aufbewahrt, eine greifbare Verbindung zu ihrer Vergangenheit. Warum hatte sie sie nie weggeworfen? Die Frage hing unausgesprochen in der Luft, während der Blick der Mutter sich in den ihren bohrte.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich einen Blick hineinwerfe?«, fragte die Mutter leise und zögernd.
Die Frau schwieg einen Moment, unsicher, was sie sagen sollte. Ein Teil von ihr wollte ablehnen, die Briefe privat behalten; doch ein anderer Teil, ein kleinerer, neugierigerer, fragte sich, was die Mutter aus ihnen machen würde. Würde sie es verstehen? Ihr Blick glitt wieder zur Schachtel, dann nickte sie langsam. »Ich denke, das ist in Ordnung.«
Als die Mutter das Band löste und die Schachtel öffnete, lief der Frau ein Schauer über den Rücken. Was würde sie in diesen Briefen finden? Die Augen der Mutter wanderten über die Seiten, ihr Gesicht blieb undurchdringlich, bis sie bei einem bestimmten Brief innehielt. Ihre Augen weiteten sich, und sie blickte auf, ein fragender Ausdruck in ihrem Gesicht.
»Ich hatte keine Ahnung, dass er so empfand«, sagte die Mutter, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Der Frau schwirrte der Kopf, während sie die Worte verarbeitete. Die Worte des Sohnes, noch immer so roh und aufrichtig. Auf dem Herd begann die Sauce überzukochen, und die Mutter drehte hastig die Hitze herunter, während das leise Köcheln den Raum füllte.
Die beiden Frauen standen einfach da, und das Einzige, was zu hören war, war das sanfte Blubbern der Sauce und das Knarren des alten Holzlöffels am Rand des Topfes. Der Blick der Frau glitt zur Arbeitsfläche, wo eine Flasche Wein stand, und sie stand auf, um sich ein Glas einzuschenken. Sie gab ein paar Eiswürfel hinein und füllte es mit Wein, das Klirren des Eises am Glasrand begleitete ihre Bewegung, als sie sich das Glas reichte.
Die Mutter schien ihren Blick zu bemerken und nickte in Richtung des Weins. »Bedienen Sie sich«, sagte sie mit weicher Stimme.
Als die Frau einen Schluck Wein nahm, setzte sich die Mutter an den Küchentisch, den Brief noch immer in der Hand. Was dachte sie? Der Blick der Frau suchte den der Mutter, auf der Suche nach Antworten, doch deren Gesicht blieb undurchschaubar.
»Ich verstehe nicht, warum er mir nie von seinen Gefühlen erzählt hat«, sagte die Mutter, ihre Stimme kaum lauter als ein Flüstern. »Ich dachte, wir wären uns nah, dass er mir alles anvertrauen würde.«
Die Frau nahm einen Schluck Wein und spürte, wie die kühle Flüssigkeit ihre Kehle hinabrann. Sie hatte einst dasselbe gedacht. »Vielleicht wollte er Sie nicht verletzen«, sagte sie sanft.
Die Mutter sah auf, ihr Blick suchend. »Mich verletzen? Wie hätten seine Gefühle mich verletzen können?«
Der Blick der Frau senkte sich, ihre Augen glitten über den Boden. Wo anfangen? »Vielleicht wusste er nicht, wie er Ihnen gegenübertreten sollte, wie er seine Gefühle erklären konnte.«
Der Ausdruck der Mutter wurde weicher, und sie nickte langsam. »Ich verstehe. Und was ist mit Ihnen? Was empfinden Sie für ihn?«
Das Herz der Frau setzte einen Schlag aus, als sie dem Blick der Mutter begegnete. Was empfand sie? Die Frage hing unausgesprochen in der Luft, während die Sauce auf dem Herd weiter vor sich hin köchelte.
Die Luft war schwer von Spannung, als die beiden Frauen warteten; das Schweigen zwischen ihnen war dicht und greifbar. Der Blick der Frau glitt zur Tür, und sie fragte sich, wann er wohl ankommen würde, was er sagen würde. Würde er eine Erklärung haben?
Die Stimme der Mutter durchbrach die Stille, ihre Worte leise und beherrscht. »Ich denke, wir sollten mit ihm reden und ihn fragen, warum er es uns nicht gesagt hat.«
Die Frau nickte und spürte Entschlossenheit in sich aufsteigen. Ja, sie verdienten Antworten. Während sie warteten und die Sauce schließlich sanfter köchelte, stand die Mutter auf und schaltete den Herd aus. Der Raum wurde still, nur das Ticken der Uhr an der Wand war noch zu hören.
Und dann klingelte es an der Tür, schrill und drängend. Der Frau stockte der Atem, als sie zur Mutter sah, eine Frage im Blick. Und jetzt?
Der Ausdruck der Mutter war entschlossen. »Gehen wir und reden mit ihm«, sagte sie fest.
Als sie zur Tür gingen, spürte die Frau Beklemmung in sich aufsteigen. Was würden sie auf der anderen Seite finden? Die Mutter öffnete die Tür, und der Blick der Frau heftete sich an die Gestalt, die im Flur stand, Unsicherheit auf dem Gesicht.
»Hallo«, sagte er zögernd, während die Frau und seine Mutter dort standen und warteten, die Luft dicht von unausgesprochenen Fragen.