Der Schatten im Mantel

Eine Person in einem dunklen Mantel steht an einem Fenster mit Kerzen auf der Fensterbank in einer nebligen Küstenstadt.
Wo das Meer seine Geheimnisse zurücklässt.

Drei Tage nach der Beerdigung begannen die Kerzen auf der Fensterbank zu erscheinen, was bedeutete, dass etwas bemerkt hatte, welche Lücke Thomas hinterlassen hatte.

Du fandest die erste im Morgengrauen, halb geschmolzen, das Wachs in einer schwarzen, verbrannten Dochtmulde erstarrt. Die zweite kam mit der Abendflut, begleitet von einer einzigen Feder, so dunkel, dass sie das Lampenlicht zu verschlucken schien. Am vierten Morgen hörtest du auf, dich zu fragen, wie sie ankamen. Die Frage war nun warum, und darauf würde dir die Stadt nicht helfen können – salzstarr und wortkarg wie Treibholz.

Mrs. Hallam, die am Hafen Fisch verkaufte und jedes Boot kannte, das auslief und zurückkehrte, sagte nur: »Das Meer gibt zurück, was es will, wann es will.« Dann wickelte sie deinen Makrelenfang in die Zeitung von gestern und sah dir nicht in die Augen.

Die Kerzen häuften sich. Du versuchtest, sie auf den Küchentisch zu stellen, doch jeden Morgen standen sie wieder auf der Fensterbank, von irgendeiner unsichtbaren Flut zurückgezogen. Die Federn wurden mehr. Du kehrtest sie in ein Glas und schraubtest den Deckel fest zu, doch am nächsten Tag lagen weitere dort, in einer Linie auf der Fensterbank angeordnet wie Fußspuren.

In der siebten Nacht bliebst du wach und sahst zu.

Der Nebel kam zuerst, rollte in großen blassen Bänken vom Wasser heran und verschluckte nacheinander die Straßenlampen, den Buhnenkopf und die Fischerboote. Dann sahst du, wie sich darin mit der langsamen Unausweichlichkeit von von der Strömung gezogener Tang eine Gestalt bewegte.

Sie trug deinen alten Regenmantel – den grünen, den du Thomas gegeben hattest, weil seiner zerrissen war und du ohnehin lieber drinnen bliebst. Der Mantel bewegte sich wie etwas Belebtes, doch die Gestalt darin warf kein Spiegelbild in die Fensterscheibe. Dort, wo ihr Gesicht hätte sein sollen, war nur ein tieferes Grau, eine Abwesenheit, die schmerzte, wenn man direkt hinsehen wollte.

Sie stellte eine Kerze auf die Fensterbank. Dann eine Feder. Dann wandte sie sich um und ging zurück zum Wasser, und mit kalter Klarheit, die dich in Bewegung schockte, begriffst du: Thomas war ertrunken, aber sein Schatten nicht.

Du warst an der Tür, bevor du wusstest, dass du dich entschieden hattest. Die Nachtluft schmeckte nach Salz und Verfall und etwas Älterem – dem Geruch von Dingen, die in den Zwischenräumen der Gezeiten leben, die nie ganz lebendig oder tot gewesen sind. Deine Stiefel hinterließen Abdrücke im nassen Sand, doch als du zurückblicktest, tat der Schatten es nicht.

Er bewegte sich vor dir her, immer nur gerade noch im Nebel sichtbar, der grüne Mantel durchnässt und schwer von Meerwasser, das nie ganz abtropfte. Du folgtest ihm an der Buhne vorbei, an den Felsen vorbei, auf denen die Kinder der Fischer nicht spielen durften, vorbei an der Grenze, wo die Sorge der Stadt endete und die Gleichgültigkeit des Meeres begann.

Die Küste veränderte sich. Der Sand wurde weicher, unsicherer. Deine Füße sanken mit jedem Schritt tiefer ein, und du begriffst, dass die Flut nicht bloß draußen war – sie hatte sich zurückgezogen und ein Stück Strand freigelegt, das es nicht geben durfte, das das Meer so lange unter sich verborgen gehalten hatte, wie sich jemand erinnern konnte.

Der Schatten blieb stehen.

Vor ihm, im Schneidersitz auf einem mit Seepocken überkrusteten Balken, der einst ein Mast gewesen sein mochte, saß ein Kind.

Es konnte nicht älter als sieben sein. Sein Kleid hing in Fetzen, grau wie Nebel, und sein Haar klebte in dunklen Strähnen am Schädel. Wasser rann in stetigen Rinnsalen aus den Ärmeln, doch es fröstelte nicht. Es blinzelte nicht. Es sah dir entgegen mit Augen, die zu still waren, zu alt, Augen, die den Grund von etwas gesehen und sich dennoch entschieden hatten zurückzukehren.

Um seinen Hals hing an einer grün von Algen verfärbten Lederschnur Thomas’ Ehering.

»Er sagte, du würdest kommen«, sagte das Kind. Seine Stimme war klein und klar, ein Stein, der in tiefes Wasser fällt. »Er sagte, du würdest immer finden, wonach du suchst, selbst wenn du es lieber verloren lassen solltest.«

Du öffnetest den Mund, aber die Worte verhedderten sich. Der Schatten stand nun neben dem Kind, eine Hand – oder der Raum, wo eine Hand hätte sein sollen – auf seiner Schulter. Die Geste war schützend. Vertraut.

»Wer bist du?«, brachte du hervor.

Das Kind neigte den Kopf. »Ich war einmal jemandes Tochter. Dann ging ich zu weit hinaus auf Muschelsuche, und die Strömung holte mich, und jetzt bin ich etwas, das die Flut zurückbringt, aber nicht behalten kann.« Es hob den Ring hoch. Er fing das Mondlicht ein und drehte sich langsam. »Er gab ihn mir, damit ich nicht vergesse. Damit ich meinen Weg finde, wenn die Kirchenglocke läutet.«

»Wenn die Glocke—« Du brachst ab. Die Kirchenglocke läutete nur mittags und in der Dämmerung, um die Grenzen des Tages zu markieren. »Sie läutet zu keiner anderen Zeit.«

»Doch«, sagte das Kind. »Morgen. Wenn die Sonne hoch steht. Der Priester weiß nicht warum, aber die Glocke weiß es. Sie weiß immer, wenn jemand bereit ist hinüberzugehen.«

Der Schatten bewegte sich. Er streckte die Hand nach dir aus, und für einen Augenblick meinte du Thomas in dieser Geste zu sehen – die Art, wie er früher deine Hand berührte, bevor er etwas Schwieriges sagte, wie er sich auf deine Gewissheit stützte, wenn seine eigene versagte.

»Er kann nicht zurückkommen«, sagte das Kind. »Sein Schatten kann gehen, aber das Meer hat sein Gewicht, seine Wärme, alles, was ihn laut genug machte, damit die Welt ihn hören konnte. Diese Dinge hat es behalten, weil er sie freiwillig gab.«

»Gab?« Deine Kehle brannte. »Er ist ertrunken. Es war ein Unfall.«

Die Miene des Kindes veränderte sich nicht. »Er sah mich im Wasser. Er ging hinein, um mich herauszuziehen, obwohl ich schon seit drei Jahren dort war und bereits etwas anderes. Das Meer war zornig, dass er es versuchte, also behielt es ihn. Aber es ließ seinen Schatten gehen, weil Schatten nicht ertränkt werden können, und es hielt das für Gnade.«

Der Ring drehte sich an seiner Schnur und blitzte auf.

»Du kannst ihn zurückholen«, sagte das Kind. »Ruf seinen Schatten heim. Er wird bei dir bleiben. Nicht lebendig, nicht er, aber nah genug, dass du den Unterschied in den dunkelsten Nächten vielleicht vergisst. Oder—« Es hielt inne und ließ den Ring nicht mehr kreisen. »Oder du lässt mich ihn behalten. Wenn die Glocke morgen läutet, werde ich hinübergehen. Sein Schatten wird mit mir hinübergehen. Dann wird keiner von uns mehr dazwischen sein.«

Hinter dir begann der Nebel sich zu lichten. Die Flut würde bald umschlagen. Der verborgene Strand würde wieder unter Wasser verschwinden, und alles, was darauf zurückblieb, würde fortgetragen oder festgehalten werden – die Entscheidung des Meeres, nicht deine.

Du sahst den Schatten an. Er hatte kein Gesicht, das man lesen, keine Augen, denen man begegnen konnte, aber du spürtest seine Aufmerksamkeit wie ein Gewicht. Wie Thomas’ Hand auf deiner Schulter in der Küche, die dich stützte, als die Nachricht kam, dass das Boot leer gefunden worden war.

»Er wollte, dass ich etwas bekomme«, sagtest du. Keine Frage.

Das Kind nickte. »Er wollte, dass du bekommst, was du brauchst. Er war sich nicht sicher, was das ist. Ich bin es auch nicht.«

Der Wind drehte. Irgendwo fern über dem Wasser hörtest du die ersten Vögel den Morgen herbeirufen. In wenigen Stunden würde die Sonne aufgehen. Die Stadt würde erwachen. Mittags würde die Kirchenglocke läuten, und du würdest in deiner Küche stehen oder hier, und der Unterschied würde alles oder nichts sein, je nachdem, woran du glaubtest, dass Schatten tragen konnten.

Du dachtest an die Kerzen. Die Federn. Die geduldigen nächtlichen Besuche.

Du dachtest an Thomas, der immer mehr verschenkt hatte, als er behielt, der mit der tollkühnen Großzügigkeit von jemandem geliebt hatte, der nicht verstand, dass die Welt eines Tages alles verlangen und keine Weigerung akzeptieren würde.

Du knietest dich in den nassen Sand.

»Behalte ihn«, sagtest du. »Geh hinüber, wenn die Glocke läutet.«

Die Miene des Kindes änderte sich nicht, doch etwas in der Luft um es herum verschob sich – ein Sichsetzen, als hätte ein Schiff endlich seinen Anker gefunden. Es schloss die kleine Faust um den Ring.

Der Schatten trat vor. Für einen einzigen Moment spürtest du etwas an deiner Wange entlangstreifen – kühl, schwerelos, die Erinnerung an eine Berührung statt der Berührung selbst. Dann ging es an dir vorbei zurück zum Kind und legte sich ihm wie ein Mantel um die Schultern.

Dein Mantel. Thomas’ Mantel. Etwas, das keiner von euch dort brauchen würde, wohin ihr gingt, und wohin sie ging, und wohin er längst schon war.

»Danke«, sagte das Kind.

Du erhobst dich, die Knie nass und schmerzend, und wandtest dich zurück zur Stadt.

Hinter dir setzte die Flut wieder ein. Der verborgene Strand verschwand wieder unter Wasser, Zentimeter um Zentimeter, verschluckte Fußspuren und Holz und die kleine Gestalt in Grau, die wartete auf eine Glocke, die bei Tageslicht läuten würde und sie nach Hause rufen würde – wohin auch immer ertrunkene Kinder und großzügige Schatten gehen, wenn man sie endlich zu Ende ertrinken lässt.

Als du deine Tür erreichte, ging die Sonne auf.

Die Fensterbank war leer.

Um zwölf Uhr läutete die Kirchenglocke, und sie läutete weiter, und niemand in der salzstarren Stadt konnte erklären, warum, außer mit den Worten, dass das Meer zurückgibt, was es will, wann es will – und dass es manchmal will, nur noch loszulassen.

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