Der Umschlag klebt an seinen Fingern. Nicht Schweiß – etwas Dickeres. Er zieht ihn ab, hinterlässt einen blassen Schmierfleck auf der Handfläche. Merde. Das Papier ist an den Ecken feucht, der Kleber klebrig. Er prüft die Adresse noch einmal: Hôtel des Vagues, Zimmer 312. Dritter Stock, Meerblick, Minibar inklusive. So ein Ort, an dem die Handtücher nach Bleichmittel riechen und das WLAN ausfällt, wenn es regnet.
Er nimmt die Treppe. Keine Kameras im Treppenhaus, nur das Summen des Automatenabsatzes im zweiten Stock, gefüllt mit überteuerter Orangina und Kondomen. Der Teppich schmatzt unter seinen Sneakers. Leck. Oder Schlimmeres. Er schaut nicht hinunter.
Die Tür zu Zimmer 312 steht einen Spalt offen. Nicht weit – nur ein Schlitz, als hätte jemand es eilig gehabt. Die Schlüsselkartе hängt noch im Schloss, noch warm. Er klopft. "Service." Keine Antwort. Die Minibar springt mit einem abrupten bzzzt an, das ihn zusammenzucken lässt. Im Zimmer tropft das Waschbecken. Rostfarbenes Wasser zieht langsam im Becken seine Kreise, so träge wie der Atem eines Sterbenden.
Er schiebt die Tür mit dem Ellbogen auf. Die Dusche läuft. Dampf kräuselt sich über dem oberen Rand des Milchglases, so dicht, dass man ihn schmecken könnte. Chlor und noch etwas anderes. Kupfer. Nasse Wolle. Dieser Geruch, der sich hinten im Hals festsetzt.
Der Umschlag wirkt jetzt schwerer. Er legt ihn auf die Kommode, neben eine halbleere Flasche Pastis und einen vom Zimmerservice starr gewordenen Teller mit Aioli-Resten. Das Ledger darin ist in Leder gebunden, mit einem Verschluss, der so zuschnappt wie ein Kiefer. Er öffnet es nicht. Muss er auch nicht. Das letzte Mal, als er so eines sah, bezahlte ihm ein Mann in einer Barbour-Jacke fünfhundert Euro dafür, es in einem Schließfach am Bahnhof von Lyon verschwinden zu lassen. "Nicht hineinschauen," hatte der Mann gesagt. "Und lass dich nicht erwischen."
Die Dusche hört auf. Ein Atemzug Stille. Dann das Geräusch nasser Füße auf Fliesen – langsam, schleppend. Der Kurier erstarrt. Der Umschlag liegt noch auf der Kommode. Der Verschluss des Ledgers blitzt unter der Nachttischlampe. Zu spät, um es zu greifen. Die Badezimmertür knarrt auf.
Der Mann aus der Dusche ist nackt. Seine Haut hat die Farbe alten Pergaments, zu straff über die Rippen gespannt. Über dem linken Auge sitzt ein einzelnes Einschussloch, klein und sauber, wie ein drittes Nasenloch. Blut rinnt über sein Gesicht, mischt sich mit dem Wasser, das noch aus seinen Haaren tropft. Er lebt. Kaum. Seine Lippen bewegen sich, aber es kommt kein Laut heraus. Seine Hand zuckt zum Waschbecken, die Finger krümmen sich um den Rand. Die Schlüsselkartе im Schloss ist noch warm, weil er vor zehn Minuten noch gelebt hat. Vielleicht vor fünf.
Das Telefon des Kuriers summt in seiner Tasche. Eine SMS: "Lieferung bestätigt?" Kein Name. Nur eine Nummer, die er nicht kennt. So eine Nummer, die jede Woche wechselt.
Er wischt mit dem Ärmel seine Fingerabdrücke vom Umschlag. Lässt ihn auf der Kommode liegen. Tritt zurück in den Flur, zieht die Tür zu. Die Schlüsselkartе bleibt im Schloss. Soll das Zimmermädchen ihn finden.
Die Lobby riecht nach abgestandenem Kaffee und Gauloises. Der Rezeptionist ist ein Junge mit einem Man-U-Tattoo am Hals und einem Namensschild, auf dem Kévin steht. Er schaut nicht auf, als der Kurier vorbeigeht. Der Fernseher über der Bar zeigt einen Nachrichtenticker: "Leiche in Hotel am Vieux-Port gefunden … Polizei sucht Zeugen …" Die Lautstärke ist zu niedrig, um den Rest zu hören.
Draußen ist die Sonne zu grell. Der Hafen glitzert wie eine Klinge. Er blinzelt, schaut auf die Uhr. 11:47 Uhr. Die Polizei wird bald da sein. Sie werden Kévin nach dem Sicherheitsvideo fragen. Kévin wird mit den Schultern zucken und sagen, die Kameras seien seit dem letzten grève kaputt. Sie werden nach dem Kurier fragen. Kévin wird ihn beschreiben: "Groß, dünn, sah aus, als hätte er seit einer Woche nicht geschlafen." Nah genug.
Sein Telefon summt wieder. "Wo ist es?"
Er antwortet nicht. Stattdessen geht er zum Hafen, vorbei an den Fischern, die ihre Boote abspritzen, vorbei an den alten Männern, die im Schatten Boule spielen. Das Ledger liegt noch im Hotelzimmer. Oder vielleicht hat das Zimmermädchen es genommen. Vielleicht die Polizei. Vielleicht weiß der Mann in der Barbour-Jacke längst, dass es weg ist.
Nahe den Docks steht ein Müllcontainer, im Boden verankert. Er hebt den Deckel. Drinnen: ein halb aufgegessenes pan bagnat, eine zerdrückte Packung Gitanes, ein benutztes Kondom. Er zögert. Das Ledger ist mehr wert als sein Leben. Aber der Mann in der Barbour-Jacke macht keine leeren Drohungen. Beim letzten Mal, als jemand sein Paket verloren hatte, fanden sie die Finger des Kuriers in einer Bouillabaisse bei Chez Fonfon.
Sein Telefon klingelt. Unbekannte Nummer. Er geht ran.
"Sie haben etwas, das Ihnen nicht gehört."
Die Stimme ist ruhig. Nicht wütend. Schlimmer als wütend.
"Ich hab es nicht," sagt er.
"Dann wo ist es?"
"Hotelzimmer. Dritter Stock. Zimmer 312."
Eine Pause. Die Leitung knistert. "Sie lügen."
"Schauen Sie auf die Kommode."
Noch eine Pause. Dann: "Bleiben Sie, wo Sie sind." Die Verbindung bricht ab.
Er wirft das Telefon in den Müllcontainer. Es landet auf dem Kondom mit einem nassen thunk.
Die Polizei kommt um 12:14 Uhr. Zwei Mann, jung, gelangweilt. Sie fragen Kévin nach dem Sicherheitsvideo. Kévin zuckt mit den Schultern. "Kaputt." Sie fragen nach dem Kurier. Kévin beschreibt ihn. Die Polizisten nicken, schreiben es auf. Einer zündet sich eine Zigarette an. Der andere schaut auf die Uhr.
Der Kurier beobachtet sie von gegenüber, an ein Schild für Scooter-Miete gelehnt. Seine Hände zittern. Nicht vor Angst. Von dem Pastis, das er aus der Minibar des Toten geklaut hat. Dumm. Er hätte es stehen lassen sollen. Einfach sauber verschwinden.
Ein schwarzer Peugeot hält vor dem Hotel. Abgedunkelte Scheiben. Der Mann in der Barbour-Jacke steigt aus. Er ist nicht allein. Zwei andere folgen, beide im Anzug, beide mit demselben toten Blick. Sie sehen weder die Polizei noch Kévin an. Sie gehen direkt zum Aufzug.
Dem Kurier zieht sich der Magen zusammen. Er sollte rennen. Aber seine Beine bewegen sich nicht. Der Motor des Peugeot läuft im Stand. Der Fahrer beobachtet ihn im Rückspiegel. Wartend.
Der Aufzug klingelt. Der Mann in der Barbour-Jacke kommt heraus und hält ein Ledger in der Hand. Nicht das von der Kommode – das echte liegt noch im Zimmer. Dieses hier ist eine Kopie. Der Kurier erkennt das Leder, den Verschluss. Der Mann muss es die ganze Zeit bei sich getragen haben. Reserve.
Ein Lächeln. Keins, das freundlich wäre.
Der Kurier dreht sich um und geht zum Hafen. Der Peugeot folgt, kriecht am Bordstein entlang. Er hört die Reifen über zerbrochenes Glas knirschen. Das Fahrerfenster fährt herunter.
"Steigen Sie ein."
Er geht weiter.
"Wir können das auch auf die einfache Art machen."
Der Hafen ist fünfzig Meter entfernt. Das Wasser ist dunkel, unruhig. Eine Fähre nach Korsika stößt ihr Horn. Das Geräusch hallt zwischen den Gebäuden wider, laut genug, um den Motor des Peugeot zu übertönen.
Er bricht in einen Lauf aus.
Der Peugeot beschleunigt. Reifen quietschen. Er weicht nach links aus, in eine Gasse. Das Auto kann nicht folgen. Zu eng. Er rennt weiter, die Lungen brennen. Die Gasse spuckt ihn beim Fischmarkt wieder aus. Der Gestank von oursins und Diesel füllt seine Nase. Ein Händler schreit ihn an, weil er einen Kasten moules umgestoßen hat. Er hält nicht an.
Der Peugeot ist wieder auf der Hauptstraße. Er zieht neben ihm an, passt sein Tempo an. Das Fenster geht erneut herunter.
"Sie machen es unnötig schwierig."
Er antwortet nicht. Rennt einfach weiter. Der Hafen ist nah. Die Fähre ist noch da. Wenn er es bis zum Steg schafft—
Eine Hand packt seinen Arm. Zerrt ihn ins Auto.
Die Tür knallt zu. Die Schlösser klicken. Der Mann in der Barbour-Jacke sitzt neben ihm und hält die Kopie des Ledgers. Der Fahrer schaut nicht zurück. Der Wagen setzt sich vom Bordstein ab.
"Sie hätten es im Zimmer lassen sollen," sagt der Mann.
Der Kurier schluckt. "Hab ich doch."
Der Mann schlägt das Ledger auf. Zeigt auf eine Seite. Eine Liste von Namen. Daten. Zahlen. "Das ist nicht das richtige."
"Was?"
"Das echte Ledger liegt noch im Hotel. Das hier ist eine Kopie. Eine gute, aber nicht gute genug." Er tippt auf die Seite. "Sehen Sie? Die Tinte ist noch zu frisch. Und das hier –" Er fährt mit dem Finger über den Buchrücken. "Die Bindung ist maschinengenäht. Das echte ist von Hand genäht."
Dem Kurier wird der Mund trocken. "Ich hab nicht—"
"Sie haben nicht hineingeschaut. Genau das ist das Problem." Der Mann seufzt. "Wir holen das echte später. Im Moment haben wir anderes zu tun."
Der Peugeot macht eine Kehrtwende. Der Hafen schrumpft im Rückspiegel. Das Horn der Fähre dröhnt noch einmal, jetzt weiter weg.
Der Kurier schließt die Augen. Dumm. So dumm.
Der Mann in der Barbour-Jacke klopft ihm aufs Knie. "Keine Sorge. Wir bekommen das echte. Und dann sehen wir, was wir mit Ihnen machen."
Der Wagen beschleunigt. Die Stadt verschwimmt am Fenster. Irgendwo schlägt eine Kirchenglocke zwölf. Der Ton verklingt, bevor er endet.
Sie fahren nicht zurück zum Hotel.
Der Peugeot nimmt die Corniche, vorbei an der Plage des Catalans, vorbei am Château d’If. Der Mann in der Barbour-Jacke lässt das Fenster herunter. Lässt die salzige Luft herein. Das Ledger liegt geschlossen auf seinem Schoß. Der Kurier beobachtet es. Beobachtet die Hände des Mannes. Die Art, wie seine Finger auf dem Leder trommeln. Als zähle er.
Der Wagen hält an einer Calanque, einer schmalen Bucht, wo die Klippen senkrecht ins Wasser fallen. Keine Häuser. Keine Menschen. Nur Felsen und Meer und das Geräusch der Wellen, die gegen den Stein schlagen.
Der Fahrer steigt aus. Öffnet die Tür des Kuriers. "Raus."
Der Kurier tritt auf den Kies. Seine Sneakers sinken in die losen Steine. Der Mann in der Barbour-Jacke folgt ihm, die Kopie des Ledgers in der Hand. Die anderen beiden bleiben im Wagen. Der Motor läuft im Stand.
"Wissen Sie, was das ist?" fragt der Mann und tippt auf das Ledger.
"Ein Ledger," sagt der Kurier.
"Nein. Das ist ein Leben." Er schlägt es auf. Zeigt auf einen Namen. "Dieser Mann? Tot. Dieser hier? Im Gefängnis. Dieser?" Er tippt auf einen anderen. "Hat eine Kugel in der Wirbelsäule. Von mir, als Sonderleistung."
Der Kurier sieht nicht hin. Will es nicht wissen.
"Sie haben schon einmal für mich geliefert," sagt der Mann. "Zweimal. Beide Male ohne Probleme. Aber heute –" Er schüttelt den Kopf. "Heute waren Sie neugierig."
"Ich hab nicht—"
"Sie haben den Umschlag angefasst. Die Feuchtigkeit gespürt. Sie haben sich gefragt. Das ist das Problem mit Neugier." Er klappt das Ledger zu. "Es ist eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten bringen einen um."
Der Kurier schluckt. "Was wollen Sie?"
Der Mann lächelt. "Ich will, dass Sie noch eine letzte Sache liefern."
Er gibt dem Kurier das Ledger. Das Leder ist warm. Wie ein Körper.
"Bringen Sie es ins Wasser," sagt der Mann. "Gehen Sie so weit hinein, bis es über Ihrem Kopf ist. Dann lassen Sie es los."
Der Kurier starrt ihn an. "Sie machen Witze."
"Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?"
Der Fahrer tritt vor, die Hände in den Taschen. Der Kurier schaut zum Wasser. Es ist dunkel. Tief. Die Art Wasser, die nichts zurückgibt.
"Und wenn ich es nicht tue?"
Der Mann in der Barbour-Jacke seufzt. "Dann machen wir es auf die harte Tour. Und glauben Sie mir – das wollen Sie nicht."
Der Kurier nimmt das Ledger. Das Leder klebt an seinen Fingern. Er geht bis an die Wasserlinie. Die Steine sind glatt. Seine Sneakers füllen sich mit Meerwasser. Das Ledger ist schwer. Zu schwer, um zu treiben.
Er dreht sich noch einmal um. Der Mann in der Barbour-Jacke beobachtet ihn. Arme verschränkt. Geduldig.
Der Kurier macht einen Schritt. Dann noch einen. Das Wasser ist kalt. Es zieht ihm durch die Jeans. Sein Telefon summt in der Tasche. Er ignoriert es. Das Ledger zerrt an seinem Arm. Wie ein Anker.
Als das Wasser ihm bis zur Brust steht, bleibt er stehen. Das Ledger ist noch in seiner Hand. Die Seiten beginnen zu bluten. Die Tinte verläuft, färbt das Wasser schwarz.
Er schaut ein letztes Mal zurück. Der Mann in der Barbour-Jacke nickt. "Braver Junge."
Der Kurier lässt los.
Das Ledger sinkt. Das Wasser verschluckt es ganz. Keine Blasen. Keine Spur. Nur das Meer, dunkel und hungrig.
Er dreht sich um und watet ans Ufer zurück. Der Mann in der Barbour-Jacke reicht ihm ein Handtuch. Ein Lacoste-Handtuch, mit Monogramm. Edler Stoff.
"Reiner Tisch," sagt der Mann. "Und beim nächsten Mal fassen Sie den Umschlag nicht an."
Der Kurier trocknet sich die Hände. Das Handtuch ist rau. Riecht nach Waschmittel. Nach nichts.
Der Peugeot wartet. Der Fahrer hält die Tür offen. Der Kurier steigt ein. Der Mann in der Barbour-Jacke lässt sich neben ihm nieder. Der Wagen fährt an.
Der Kurier sieht zu, wie die Calanque im Seitenspiegel verschwindet. Das Wasser ist ruhig. Keine Spur vom Ledger. Keine Spur von irgendetwas.
Sein Telefon summt wieder. Er zieht es heraus. Eine SMS: "Neuer Auftrag. 14:00 Uhr. Gleiche Bedingungen."
Er löscht sie. Steckt das Telefon wieder ein.
Der Mann in der Barbour-Jacke zündet sich eine Zigarette an. Hält ihm eine hin. Der Kurier schüttelt den Kopf.
"Sie gewöhnen sich dran," sagt der Mann.
Der Kurier antwortet nicht. Er sieht auf die Straße. Die Stadt verschwimmt am Fenster. Irgendwo schlägt eine Kirchenglocke. Der Ton verklingt, bevor er endet.