Das Ledger im Regen

Eine regennasse Straße in Marseille mit einem silbernen Auto am Bordstein und einer zerknitterten Serviette im Inneren.
Ein Tod auf einer vom Regen durchnässten Straße in Marseille.

Die Serviette ist schon hart, als ich die Tür öffne.

Nicht nur Blut. Auch Regen. So einer, der in Marseille schräg fällt, so einer, der dir in drei Minuten durch die Jacke geht. Die Serviette ist in seiner Faust zerknüllt, Café des Anges in blauer Tinte aufgedruckt, die in die Fasern ausgelaufen ist. Seine andere Hand ruht auf der Gurt-Schnalle, die Finger gekrümmt, als hätte er sie gerade lösen wollen, als passierte, was passierte.

Ich berühre ihn nicht. Noch nicht.

Der Wagen ist ein silberner Peugeot 208, halb auf dem Bordstein geparkt, draußen an der Rue des Catalans. Kein Strafzettel. Kein zerbrochenes Glas. Nur der Tote, die Serviette und der Geruch von Kupfer und nasser Wolle. Der Schlüssel steckt noch im Zündschloss. Ich drehe ihn. Der Motor hustet, stirbt dann ab. Die Nadel der Tankanzeige zittert knapp über leer.

Ich öffne das Handschuhfach. Fahrzeugschein, Versicherung, ein Päckchen Kaugummi, ein Handy. Und, hinter der Bedienungsanleitung eingeklemmt, eine Brieftasche. Die lasse ich vorerst liegen.

Das Handy klingelt.

Keine Anrufer-ID. Nur ein Vibrieren, das den Kunststoff gegen die Papiere des Fahrzeugscheins klappern lässt. Ich lasse es klingeln. Dreißig Sekunden später beginnt es wieder.


Das Café ist zwei Straßen weiter.

Ich bestelle einen Espresso. Der Barista sieht mich nicht an. Zu sehr ist er damit beschäftigt, dem Regen zuzusehen, wie er an der Scheibe hinabläuft und die Straße in einen Schmierstreifen aus Scheinwerfern und Neon verwandelt. Ich breite die Serviette auf dem Tresen aus. Das Blut ist zu einem dunklen Hof an den Rändern getrocknet, aber die Mitte ist noch feucht. Die blaue Tinte ist verschmiert, doch ich kann die Adresse erkennen: 12 Rue du Lacydon, 20 Uhr.

Ich trinke den Espresso. Er schmeckt nach verbranntem Zucker und Reue.

Das Handy klingelt wieder. Ich gehe ran.

„Sie sind zu spät.“

Eine Männerstimme. Nicht wütend. Nicht einmal ungeduldig. Nur eine Feststellung.

„Er kommt nicht“, sage ich.

Stille. Dann: „Wer ist da?“

„Der Kurier.“

Eine weitere Pause. „Wo ist er?“

„Im Wagen.“

„Lebt er?“

Ich antworte nicht. Die Leitung wird tot.


Die 12 Rue du Lacydon ist ein Lagerhaus.

Nicht die Art mit rostigem Wellblech und Graffiti. Dieses hier hat frische Farbe, Überwachungskameras und ein Zahlenschloss neben der Tür. Der Regen hat aufgehört, aber der Asphalt ist noch glatt und wirft das Licht der Straßenlampen in langen, flimmernden Streifen zurück. Ich gehe zweimal vorbei. Niemand folgt mir. Niemand beobachtet mich aus den Fenstern.

Das Handy klingelt wieder. Dieselbe Nummer. Ich gehe ran.

„Sie sind früh“, sagt die Stimme.

„Ich bin neugierig.“

„Worauf?“

„Was drin ist.“

Ein Lachen. Kein fröhliches. „Das wollen Sie nicht wissen.“

„Doch. Will ich.“

Eine Pause. Dann ein Piepton in meinem Ohr. Eine SMS: 4729. Das Tastenfeld neben der Tür leuchtet grün auf. Das Schloss klickt.

Ich lege auf. Drücke die Tür auf.


Drinnen ist das Lagerhaus leer.

Nicht nur menschenleer. Leer von allem. Keine Kisten, keine Paletten, keine Gabelstapler. Nur ein Betonboden, Leuchtstoffröhren und ein einzelner Metallschreibtisch in der Mitte des Raums. Auf dem Schreibtisch: ein Ledger. Ein Schlüssel. Und eine Pistole.

Das Ledger ist ledergebunden, so eines, wie man es vor hundert Jahren in einer Bank gesehen hätte. Der Schlüssel ist klein, aus Messing, ein Schlossfachschlüssel. Die Pistole ist eine Glock 17, geladen.

Ich hebe den Schlüssel auf. Er ist warm.

Das Handy klingelt.

„Nehmen Sie das Ledger“, sagt die Stimme. „Lassen Sie den Schlüssel liegen.“

„Was steht im Ledger?“

„Namen. Daten. Beträge.“

„Und der Schlüssel?“

„Versicherung.“

Ich schlage das Ledger auf. Auf der ersten Seite steht eine Liste von Namen, alle in derselben sauberen Handschrift. Einige erkenne ich – Politiker, Geschäftsleute, ein Richter. Andere nicht. Neben jedem Namen ein Datum und eine Summe. Die Beträge gehen alle in die Millionen.

Der letzte Eintrag trägt das heutige Datum. Der Name ist leer. Der Betrag: 500.000 Euro.

„Mit wem sollte er sich treffen?“

„Ist das wichtig?“

„Für mich schon.“

„Dann sind Sie dümmer, als Sie aussehen.“

Ich lege auf. Die Pistole liegt noch auf dem Schreibtisch. Ich nehme sie auf. Schwerer, als ich erwartet hatte.


Der Tote heißt Laurent Vasseur.

Ich gehe zurück zum Handschuhfach. Diesmal nehme ich die Brieftasche mit. Führerschein, Kreditkarten, ein Foto von einer Frau und einem Kind. Das Kind ist vielleicht fünf. Die Frau lächelt. Laurent nicht.

Das Handy klingelt wieder. Ich gehe nicht ran.

Stattdessen fahre ich zu der Adresse auf dem Führerschein. Ein kleines Haus in La Pomme, so ein Viertel, in dem die Straßen zu eng sind und die Gebäude sich aneinanderlehnen, als teilten sie Geheimnisse. Das Licht brennt. Ich parke gegenüber. Beobachte das Haus. Warte.

Eine Stunde später kommt die Frau vom Foto heraus. Sie trägt einen Regenmantel und hat einen Schirm dabei. Sie geht zur Ecke, schaut auf die Uhr, geht dann wieder hinein. Fünf Minuten später kommt sie erneut heraus, diesmal mit dem Kind. Sie steigen in einen kleinen Renault. Fahren los.

Ich folge ihnen.


Sie fahren in ein Krankenhaus.

Nicht das große in der Innenstadt. Ein kleineres, so eins mit abblätternder Farbe und flackerndem Licht. Die Frau parkt auf dem Parkplatz. Nimmt die Hand des Kindes. Geht hinein.

Ich warte zehn Minuten. Dann gehe ich ihnen nach.

Das Kind liegt in einem Zimmer im dritten Stock. Es hängt an Maschinen. Schläuche in der Nase, Kabel auf der Brust. Die Frau sitzt neben dem Bett und hält seine Hand. Sie sieht nicht auf, als ich hereinkomme.

„Er hat Leukämie“, sagt sie. „Die Behandlung ist teuer.“

Ich sage nichts.

Ich ziehe eine Kopie des Ledgers aus meiner Jacke – Seiten, die ich vor dem Verlassen des Lagerhauses herausgerissen habe. Reiche sie ihr.

„Was ist das?“

„Versicherung.“

Sie blättert durch die Seiten. Ihre Hände zittern. „Sie werden uns umbringen.“

„Nicht, wenn sie nicht wissen, wo Sie sind.“

Sie sieht mich an. Wirklich an. „Wer sind Sie?“

„Der Kurier.“

Sie nickt. Als würde das alles erklären. Vielleicht tut es das.


Das Handy klingelt ein letztes Mal.

Ich bin wieder im Lagerhaus. Der Schlüssel steckt in meiner Tasche. Die Pistole liegt in meiner Hand. Das originale Ledger liegt noch auf dem Schreibtisch.

„Sie haben etwas genommen, das Ihnen nicht gehört“, sagt die Stimme.

„Ich habe etwas genommen, das mir gehört.“

„Sie verstehen nicht, womit Sie es zu tun haben.“

„Ich verstehe genug.“

Stille. Dann: „Sie haben bis Mitternacht.“

Die Leitung wird tot.

Ich stecke die Pistole ein. Gehe aus dem Lagerhaus. Der Regen hat wieder eingesetzt. Jetzt prasselt er härter, so einer, der durch alles hindurchgeht.

Ich steige in den Peugeot. Fahre.

Die Tankanzeige steht auf leer. Der Motor stottert. Ich schaffe es bis zum Parkplatz des Krankenhauses, bevor er ausgeht.

Ich lasse den Schlüssel auf dem Armaturenbrett. Das Ledger auf dem Beifahrersitz. Die Pistole im Handschuhfach.

Ich gehe weg.

Das Handy klingelt wieder. Ich gehe nicht ran.

Irgendwo tickt eine Uhr. Irgendwo warten Leute. Irgendwo wird eine Schuld fällig.

Aber nicht bei mir. Nicht heute Nacht.

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