Der Motor des Peugeot klackt wie eine Bombe.
Ich hocke da, die Finger taub. Regen tropft vom Radkasten auf mein Handgelenk. Der braune Umschlag ist dort festgeklebt, warm vom Block, gestempelt mit einem Wappen, das ich nicht kenne – ein silberner Ibis auf rotem Grund. Nicht lokal. Wahrscheinlich nicht echt. So etwas druckt man auf Briefpapier, wenn man aussehen will wie ein Ort, der nicht existiert.
Ich löse ihn ab. Das Klebeband hinterlässt einen klebrigen Film auf meinem Daumen. Keine Adresse, kein Name. Nur das Wappen und die Wärme.
Die Übergabe sollte in einem Schließfach am Bahnhof Part-Dieu stattfinden. Das stand in der Nachricht: Schließfach 17, 23:00. Kein Umschlag, kein Geld. Standard. Ich habe das hundertmal gemacht. Aber das Schließfach war leer, der Schlüssel in meiner Tasche auf einmal nutzlos. Dann die zweite Nachricht: Planänderung. Peugeot 308, Ebene -2, P4. Unter dem Rad.
Ich frage nicht warum. Ich werde nicht dafür bezahlt, warum zu fragen.
Das Hotel liegt in der Rue de la République, zwischen einem Sexshop und einer Kebabbude, die es schon seit den Neunzigern gibt. Die Lobby riecht nach Bleiche und alten Zigaretten. Die Frau am Empfang sieht nicht auf, als ich reinkomme. Sie schaut eine Spielshow auf einem winzigen Fernseher, die Finger tippen im Takt des eingespielten Gelächters auf die Theke.
Ich schiebe den Umschlag über den Tresen. Sie wirft einen Blick auf das Wappen, dann auf mich. Ihre Augen haben die Farbe von nassem Asphalt.
„Zimmer 412“, sagt sie. „Der Aufzug ist kaputt.“
Das Treppenhaus ist schmal, der Teppich mit Dingen befleckt, die ich lieber nicht identifizieren will. Der Umschlag fühlt sich schwerer in meiner Hand an. Ich klopfe an 412. Keine Antwort. Ich klopfe noch einmal. Die Tür geht einen Spalt weit auf, nicht richtig verriegelt.
Drinnen ist das Zimmer dunkel. Die Luft ist dick, süß. Kupfer und etwas Blumiges – billiger Lufterfrischer, der es überdecken will. Ich drücke die Tür mit dem Fuß weiter auf.
Der Mann liegt auf dem Bett, voll angezogen, ein Arm hängt über die Kante. Seine Haut hat die falsche Farbe, im gelben Licht der Nachttischlampe graulich. Seine Augen sind offen. Sie blinzeln nicht.
Ich berühre ihn nicht. Muss ich auch nicht. Der Geruch erledigt das für mich.
Der Umschlag ist immer noch in meiner Hand. Ich sehe ihn an. Dann den Toten. Dann wieder den Umschlag.
Scheiße.
Ich nehme die Treppen jeweils zwei auf einmal. Die Frau am Empfang schaut immer noch Fernsehen. Ich knalle den Umschlag vor ihr auf den Tresen.
„Er ist tot“, sage ich.
Sie sieht nicht hoch. „Zimmer 412?“
„Ja.“
„Hm. Dann habe ich wohl das Auschecken verpasst.“
„Er ist tot.“
Sie seufzt und schaltet den Ton aus. „Sind Sie Polizist?“
„Nein.“
„Dann ist es nicht Ihr Problem.“
Ich will sie schlagen. Tue es nicht. Ich gehe raus.
Der Regen hat aufgehört, aber die Straßen sind noch rutschig. Mein Handy vibriert in der Tasche. Unbekannte Nummer.
Du hast ihn geliefert. Gut. Jetzt vergiss die Zimmernummer.
Ich lösche die Nachricht. Meine Hände zittern. Nicht vor Angst. Vor Kälte. Vor der Dummheit.
Ich hätte den Umschlag dort lassen sollen, wo ich ihn gefunden habe.
Meine Wohnung ist ein Studio über einer Wäscherei in der Rue des Archers. Das Treppenhaus riecht nach Waschmittel und Schimmel. Ich gehe langsam hoch, lausche. Der Schlüssel dreht im Schloss. Die Tür schwingt auf.
Die Frau im grünen Wollmantel sitzt auf meinem Sofa.
Sie hält einen Schlüssel in der Hand. Meinen Schlüssel. Den, den ich mit Klebeband unter dem Briefkasten befestigt habe.
„Du bist spät“, sagt sie.
Ich frage nicht, wie sie hereingekommen ist. Ich frage nicht, wer sie ist. Ich frage: „Was wollen Sie?“
Sie lächelt. Es erreicht ihre Augen nicht. „Den Umschlag.“
„Ich habe ihn nicht.“
„Aber du hast ihn berührt.“
Ich setze mich auf die Bettkante. Die Federn knarren. „Er ist im Hotel. Beim toten Typen.“
Sie legt den Kopf leicht schief. „Das ist unglücklich.“
„Für ihn, ja.“
Sie steht auf, streicht ihren Mantel glatt. „Du wirst ihn zurückholen.“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil ich sonst“, sagt sie, „der Polizei erzähle, dass du der Letzte warst, der ihn lebend gesehen hat.“
Ich lache. Es klingt hohl. „Sie werden fragen, warum ich es nicht gemeldet habe.“
„Und du wirst sagen, du bist in Panik geraten. Dass du bloß ein Kurier bist. Dass du nichts wusstest.“
„Sie werden mir nicht glauben.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht nicht. Aber sie werden ermitteln. Und Ermittlungen sind unerquicklich. Teuer. Zeitaufwendig.“
Ich sehe sie an. Richtig an. Sie ist nicht jung, nicht alt. Ihr Mantel ist teuer, aber ihre Schuhe sind abgetragen. Sie ist keine Polizistin. Keine Anwältin. Irgendetwas dazwischen. Eine Fixerin, vielleicht. Oder eine Putzfrau.
„Wer sind Sie?“
„Jemand, der nicht will, dass dieser Umschlag in Polizeigewahrsam kommt“, sagt sie. „Und du wirst dafür sorgen, dass er es nicht tut.“
Das Hotel ist jetzt stiller. Die Nachtschicht hat begonnen, diese Art von Stille, die vor Erschöpfung summt. Die Frau am Empfang ist neu – ein Kind, Anfang zwanzig, kaut Kaugummi, als wäre das eine berufliche Pflicht.
Ich frage nicht nach dem Schlüssel. Ich brauche keinen. Ich gehe am Tresen vorbei, nehme die Treppe. Der Teppich klebt an meinen Schuhen.
Zimmer 412 ist noch immer unverschlossen. Der Tote ist noch immer tot. Der Umschlag liegt auf dem Nachttisch, neben einer halbleeren Whiskyflasche und einer Speisekarte vom Zimmerservice.
Ich hebe ihn auf. Er ist leichter, als ich ihn in Erinnerung habe. Ich öffne ihn nicht.
Die Frau im grünen Mantel wartet in meiner Wohnung, als ich zurückkomme. Sie hat Tee gemacht. Zwei Tassen auf dem Tisch, Dampf kringelt sich in die Luft.
„Du hast dir Zeit gelassen“, sagt sie.
Ich werfe den Umschlag auf das Sofa. „Hier. Zufrieden?“
Sie berührt ihn nicht. „Mach ihn auf.“
„Nein.“
„Ich habe nicht gefragt.“
Ich setze mich. Der Tee ist zu süß. Ich trinke ihn trotzdem. „Was ist drin?“
„Etwas, das dir nicht gehört.“
„Warum nimmt man es dann nicht einfach dem toten Kerl ab?“
Sie lächelt. „Weil er schon tot war, als ich davon erfahren habe.“
„Praktisch.“
„Für dich vielleicht.“
Ich hebe den Umschlag auf. Die Lasche ist nicht versiegelt. Nur eingesteckt. Ich schiebe den Finger darunter, ziehe ein einzelnes Blatt heraus. Einen Ausdruck. Einen Namen. Eine Adresse. Ein Datum.
Und eine Zahl. Eine sehr große Zahl.
Ich sehe sie an. „Was ist das?“
„Ein Problem“, sagt sie. „Eines, das jetzt dir gehört.“
Die Adresse liegt in Villeurbanne, in einem Lagerhaus nahe dem alten Textilviertel. So ein Ort, halb verlassen, halb zu Ateliers und illegalen Raves umfunktioniert. Die Zahl auf dem Papier entspricht einer Einheit im zweiten Stock.
Der Name auf dem Ausdruck gehört dem toten Mann. Das Datum ist morgen.
Ich gehe nicht hinein. Ich beobachte von gegenüber, aus dem Eingang einer geschlossenen Bäckerei. Der Regen hat wieder eingesetzt, fein und kalt. Mein Mantel ist noch feucht vom früheren.
Ein schwarzer Van hält. Zwei Männer steigen aus. Sie tragen keine Uniformen, bewegen sich aber, als täten sie es. Einer hinkt. Der andere hat ein Tattoo am Hals – eine Spinne, oder vielleicht ein Stern. Im Dunkeln ist das schwer zu erkennen.
Sie gehen hinein. Die Tür schließt nicht ganz.
Ich warte. Fünf Minuten. Zehn. Der Regen wird stärker.
Dann beginnt das Schreien.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur die Stimme eines Mannes, scharf abgeschnitten. Dann Stille.
Die beiden Männer kommen wieder heraus. Einer trägt eine Reisetasche. Der andere wischt sich die Hände an einem Lappen ab. Sie steigen in den Van. Fahren weg.
Ich folge ihnen nicht.
Der Umschlag steckt noch in meiner Tasche. Ich ziehe ihn heraus, sehe das Wappen an. Der Ibis starrt zurück, ungerührt.
Die Frau im grünen Mantel wartet, als ich zurückkomme. Sie sitzt im Dunkeln, das einzige Licht kommt von der Straßenlaterne draußen.
„Du bist nicht hineingegangen“, sagt sie.
„Nein.“
„Klug.“
„Was war im Lagerhaus?“
Sie antwortet nicht. Stattdessen nimmt sie den Umschlag, zieht das Papier heraus. Sie faltet es sorgfältig und steckt es in ihre Tasche.
„Du bist fertig“, sagt sie.
„So einfach?“
„So einfach.“
Ich möchte ihr glauben. Ich glaube es nicht.
Am nächsten Morgen prüfe ich die Nachrichten. Keine Leichen in Villeurbanne gefunden. Keine Meldungen über Schüsse, kein Polizeiband. Nichts.
Ich mache Kaffee. Der Umschlag ist weg. Die Frau hat ihn mitgenommen. Ich weiß nicht, warum ich etwas anderes erwartet habe.
Mein Handy vibriert. Unbekannte Nummer.
Du hast das gut gemacht.
Ich lösche die Nachricht. Ich antworte nicht.
Die Frau im grünen Mantel ist weg. Der Schlüssel zu meiner Wohnung liegt auf dem Tisch, neben einem Umschlag. Dieser ist weiß, ohne Aufdruck. Darin steckt ein Stapel Geld – Euro, gebraucht, nicht fortlaufend. Genug, um meine Hände wieder zittern zu lassen.
Ich zähle es. Zweimal. Dann lege ich es in einen Schuhkarton unter dem Bett.
Eine Woche lang berühre ich es nicht.
Am achten Tag kaufe ich ein Zugticket nach Marseille. Einfach so. Ich sage niemandem Bescheid. Ich packe nicht viel. Nur das Geld, Wechselkleidung und den Schlüssel zu meiner Wohnung, den ich auf dem Weg nach draußen in den Briefkasten lege.
Der Zug fährt um 14:23 ab. Ich steige ein. Ich schaue nicht zurück.
Der Umschlag ist warm, als ich ihn finde. Unter dem Sitz vor mir festgeklebt, genau wie der letzte. Das Wappen ist diesmal anders – ein schwarzer Schwan auf blauem Grund. Das Papier darin ist leer.
Ich öffne ihn nicht. Ich liefere ihn nicht ab.
Ich steige an der nächsten Haltestelle aus.
Der Regen beginnt wieder, bevor ich den Bahnsteig erreiche.