Die Palette ruckt. Ein nasses Klatschen, als etwas herausgleitet.
Joachim erstarrt. Seine Handschuhe sind schmierig von Fischinnereien, der Geruch von Diesel und Salzlake hängt schwer in der Luft vor Morgengrauen. Die Docks von La Joliette sind nie still—Krane stöhnen, Gabelstapler piepsen, hin und wieder ein Ruf auf Arabisch oder Wolof—aber dieses Geräusch ist falsch. Zu weich. Zu persönlich.
Er geht in die Hocke. Zwischen den Brettern der Palette glitzert etwas. Keine Fischschuppe. Keine Münze.
Ein Pass.
Blauer Umschlag, goldene Prägung. Die Ränder sind feucht, die Laminierung löst sich ab wie sonnenverbrannte Haut. Joachim hebelt ihn heraus. Das Foto darin ist verschwommen—Salz vielleicht, oder ein zu fest aufgedrückter Daumen. Der Name darunter lautet Djamel Kader, doch das Gesicht ist ein Fleck, ein Gespenst.
Er sollte ihn abgeben. Das Fundbüro der Hafenbehörde ist zwei Blocks entfernt. Man wird ihn registrieren, abheften, vergessen.
Stattdessen steckt Joachim ihn ein.
Das Fährhorn dröhnt um 05:47. Joachim steht am Kai und sieht zu, wie die Corsica Linea ablegt, ihr weißer Rumpf von Roststreifen durchzogen. Er zündet eine Gauloise an, der Rauch ist bitter in seiner Kehle. Der Pass brennt gegen sein Schenkelbein.
Er sagt sich, es sei nichts. Ein Stück Pech, wie einen Ehering in einer Muschel zu finden. Aber das Foto lässt ihn nicht los—die Art, wie der Daumenabdruck das Gesicht verschmiert, als hätte jemand versucht, es auszulöschen.
Um 06:12 vibriert sein Handy. Eine SMS von seiner Schwester aus Aubagne: Maman hat wieder zu hohen Blutdruck. Der Arzt sagt: kein Salz.
Joachim löscht sie. Er antwortet nicht.
Die Frau wartet um 09:15 vor der Hafenbehörde.
Joachim sieht sie von der anderen Straßenseite aus. Ein beigefarbener Regenmantel, obwohl die Sonne schon scharf genug ist, um die Graffitis von den Wänden zu bleichen. Sie hält eine Plastiktüte mit Kirschen in der Hand, die Stiele ragen heraus wie winzige braune Finger. Das Haar ist zu einem strengen Knoten zurückgebunden, von der Sorte, die sich nicht bewegt, es sei denn, man will es.
Er verlangsamt seinen Schritt. Der Pass steckt in seiner Jackentasche, halb zusammengefaltet wie ein Geheimnis.
Die Frau lächelt. Nicht ihn an. Sondern den Raum knapp über seiner Schulter.
„Du bist nicht Djamel“, sagt sie.
Joachim bleibt stehen. Die Kirschen glänzen in der Tüte. Eine davon ist aufgeplatzt, Saft läuft über das Plastik.
„Nein“, sagt er.
„Aber du warst heute Morgen an den Docks.“
Eine Feststellung. Keine Frage.
Joachim schaut auf die Kirschen. Auf den Saft. Auf die Art, wie die Finger der Frau nicht zittern.
„Ich arbeite hier“, sagt er.
Die Frau seufzt. Sie greift in die Tüte und nimmt eine Kirsche heraus. Sie lässt sie in den Mund gleiten. Der Stein klickt gegen ihre Zähne.
„Der Pass lag unter einer Palette in La Joliette“, sagt sie. „Nass. Als hätte jemand ihn in Eile fallen lassen.“
Joachims Magen zieht sich zusammen. Jetzt riecht er die Kirschen—süß, überreif. Die Überwachungskamera über der Tür der Hafenbehörde summt, ihr rotes Licht blinkt.
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, sagt er.
Die Frau nickt. Sie spuckt den Stein in ihre Handfläche. Er ist sauber, von ihrer Zunge poliert.
„Djamel ist seit drei Wochen verschwunden“, sagt sie. „Keine Anrufe. Keine Nachrichten. Nur eine SMS an seinen Chef, dass er krank sei.“
Joachim bewegt sich nicht. Die Fähre fährt in zwei Stunden.
„Ich kenne ihn nicht“, sagt er noch einmal.
Die Frau tritt näher. Die Kirschen schaukeln in der Tüte.
„Seine Schwester hat ihn als vermisst gemeldet“, sagt sie. „Die Polizei hat gelacht. Meinte, er sei wohl mit irgendeiner Frau durchgebrannt.“
Joachims Finger streifen den Pass in seiner Tasche.
„Ich bin nicht die Polizei“, sagt die Frau. „Ich bin nur die, die geschickt wird, wenn die Polizei es nicht will.“
Eine Pause. Das Knallen eines zurückschlagenden Motorrollers zwei Straßen weiter.
„Sie haben etwas von ihm“, sagt sie.
Joachim atmet aus. Der Rauch seiner Zigarette kringelt sich zwischen ihnen.
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, sagt er.
Die Frau lächelt. Es erreicht ihre Augen nicht.
„Die Fähre legt um 11:30 ab“, sagt sie. „Sie sollten an Bord sein.“
Joachims Wohnung liegt im dritten Stock. Kein Aufzug. Das Treppenhaus riecht nach gebratenen Zwiebeln und Bleichmittel.
Er schließt die Tür auf. Die Frau folgt ihm.
Drinnen ist die Luft abgestanden. Eine halb leere Flasche Pastis auf der Anrichte. Ein Stapel unbezahlter Rechnungen, beschwert von einem abgesplitterten Becher. Der Pass steckt noch immer in seiner Tasche.
Die Frau stellt die Kirschen auf den Tisch. Sie setzt sich nicht.
„Sie sind kein Polizist“, sagt Joachim.
„Nein“, sagt sie.
„Sie sind nicht seine Frau.“
„Nein.“
„Was wollen Sie dann?“
Die Frau hebt die Pastisflasche auf. Dreht sie in den Händen. Das Etikett löst sich.
„Djamel schuldete Geld“, sagt sie. „Eine Menge. Leuten, die ungern warten.“
Joachims Kehle ist trocken. Er greift nach der Flasche. Die Frau reicht sie ihm. Ihre Finger berühren sich nicht.
„Wie viel?“ fragt er.
„Genug, dass sie mich geschickt haben, ihn zu finden“, sagt sie. „Genug, dass sie, wenn ich ihnen sage, er ist weg, anfangen, nach dem zu suchen, was er zurückgelassen hat.“
Joachim nimmt einen Schluck. Der Anis brennt.
„Ich kenne ihn nicht“, sagt er.
Die Frau beobachtet ihn. Ihre Augen haben die Farbe von nassem Asphalt.
„Der Pass sagt etwas anderes“, sagt sie.
Joachim stellt die Flasche ab. Der Pass steckt noch immer in seiner Tasche. Er zieht ihn heraus. Reicht ihn ihr.
Die Frau klappt ihn auf. Das Foto ist immer noch verschwommen. Der Daumenabdruck immer noch da.
Sie sieht ihn an.
„Sie hätten ihn wegwerfen können“, sagt sie.
Joachim zuckt mit den Schultern.
„Ich habe darüber nachgedacht“, sagt er.
Die Frau schließt den Pass. Schiebt ihn in ihren Mantel.
„Sie sollten gehen“, sagt sie.
Joachim rührt sich nicht.
„Was passiert mit Djamel?“ fragt er.
Die Frau nimmt eine Kirsche auf. Rollt sie zwischen den Fingern.
„Nichts Gutes“, sagt sie.
Der Fährterminal ist voll. Touristen mit Rucksäcken, alte Männer mit Zigaretten, eine Gruppe Jugendlicher, die zu laut lacht.
Joachim kauft um 11:12 ein Ticket. Einfach nach Algier. Auf dem Ticket steht Joachim Moreau.
Er sieht nicht nach dem Pass in seiner Tasche. Stattdessen beobachtet er die Sicherheitskamera über dem Ticketschalter. Ihr rotes Licht blinkt, ruhig und unbeirrbar.
Die Frau ist nicht am Terminal. Sonst auch niemand.
Um 11:20 geht er an Bord. Das Deck ist heiß, das Metall brennt unter seinen Handflächen. Er findet einen Platz am Geländer. Das Wasser darunter ist dunkel, aufgewühlt.
Die Fähre legt um 11:30 ab.
Joachim zündet sich eine Zigarette an. Der Rauch mischt sich mit der salzigen Luft.
Er kennt Djamel Kader nicht. Er kennt die Frau im beigefarbenen Regenmantel nicht. Er weiß nicht, warum der Pass nass war, oder warum das Foto verschwommen ist, oder warum der Daumenabdruck aussieht, als sei er in Panik darauf gedrückt worden.
Er weiß, dass die Fähre um 11:30 ablegt.
Er weiß, dass er an Bord ist.
Die Stimme der Frau in seinem Kopf: Sie sollten an Bord sein.
Joachim atmet aus. Der Rauch kringelt sich in den Wind.
Irgendwo in der Stadt trifft ein Kirschstein auf den Asphalt.