Das Schloss klickt. Nicht das geschmeidige Drehen eines gut geölten Zylinders – das ist das Geräusch von Messing, das an Messing reibt, vom Schlüssel, der gegen die Stifte ankämpft, als hätte er eine Rechnung offen. Merde. Ich ziehe ihn heraus, die Zähne in einem Winkel von fünfundvierzig Grad verbogen. Der Aschenbecher ist voll Salz. Kein Zigarettenasche. Salz. Grob, weiß, das Zeug, das in Fünfzig-Kilo-Säcken vom Hafen kommt. Es ist um den gebrochenen Schlüssel herum verkrustet, als läge es schon länger dort, aber die Schreibtischplatte ist unter meiner Hand noch feucht.
Ich öffne keine Jachthäfen im Morgengrauen. Normalerweise nicht. Aber der Anruf kam um 4:17 Uhr, von einer Nummer, die ich nicht kannte, eine Stimme, die keine richtige Stimme war – eher ein Mann, der durch einen nassen Socken sprach. "Schlüsseldienst. Jetzt. Büro am Vieux-Port. Schlüssel steckt in der Tür." Dann war die Leitung tot. Kein Name, keine Erklärung, kein Bitte. Nur diese Art von Bitte, die einen Nacken jucken lässt.
Das Kassenbuch ist auf das gestrige Datum aufgeschlagen. Die Seite wurde sauber herausgerissen, im Rücken halten nur noch ein paar zerrupfte Fäden. Der letzte Eintrag vor der Lücke lautet "23:45 – Schrank 17, Duplikat ausgestellt an M. Voss (ID: FR-782-914)." Die Tinte ist verschmiert, als hätte jemand versucht, sie mit dem Daumen wegzuwischen. Oder mit dem Ärmel. Oder mit der Zunge.
Ich stecke den gebrochenen Schlüssel ein. Das Salz lasse ich liegen. Manche Botschaften sind nicht für mich.
Der Laden liegt in der Rue Caisserie, eingekeilt zwischen einer Halal-Metzgerei und einem Schaufenster, das nur Handyhüllen in Heiligenform verkauft. Die Glocke über der Tür bimmelt um 11:42 Uhr. Ich weiß, dass er es ist, bevor ich aufsehe. Die Art, wie er dasteht – die Füße zu breit gepflanzt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als fürchteten sie, sonst davonzulaufen – schreit Hafenaufsicht. Oder Bulle. Oder jemand, der daran gewöhnt ist, belogen zu werden, und es hasst.
"Sie sind der Schlüsseldienst", sagt er. Keine Frage. Sein Französisch ist zu präzise, dieser Akzent, der von Jahren stammt, in denen man Formulare in dreifacher Ausfertigung ausfüllt. Die Ärmelenden sind dunkel vom Rand her, der Stoff steif von Salzwasser. Der Plastikbeutel in seiner Hand tropft auf meine Fliesen. Ploc. Ploc.
"Kommt drauf an, wer fragt."
Er lächelt nicht. "Inspektor Duvall. Hafenbehörde." Er stellt den Beutel auf die Theke. Er sackt zusammen wie eine defekte Lunge. Darin verschiebt sich etwas Schweres. Ein Schuh. Schwarzes Leder, an der Spitze abgewetzt. Ein Herrenschuh. Von der Sorte, die mehr kostet als meine Miete.
"Erkennen Sie das?"
Ich fasse ihn nicht an. "Sollte ich?"
Duvalls Blick zuckt zum Kassenbuch, das noch immer auf dem Tisch aufgeschlagen liegt. "Schrank 17 wurde letzte Nacht geöffnet. Der Schlüssel kam gebrochen zurück. Das Duplikat fehlt."
"Leute brechen ständig Schlüssel."
"Nicht so." Er tippt gegen den Beutel. Der Schuh darin rollt. "Nicht, wenn der Schrank unter Wasser stand."
Ich lasse das stehen. Der Ventilator an der Wand summt und wirbelt Luft auf, die nach WD-40 und altem Kaffee riecht. Draußen knattert ein Motorroller. Duvall zuckt nicht.
"Sie haben ein Duplikat an einen M. Voss ausgestellt", sagt er. "Ich muss wissen, wer das ist."
"Ich frage nicht nach Lebensgeschichten. Nur nach Ausweisen."
"Der Ausweis war gefälscht."
"Dann weiß ich nicht, was ich Ihnen sagen soll."
Er beugt sich vor. Der Beutel tropft wieder. Ploc. "Der Mann, der in diesem Schrank war, ist tot. Der Mann, der ihn dort eingeschlossen hat, ist noch draußen. Und Sie, monsieur, sind der Einzige mit einem Schlüssel, der passt."
Ich bewege mich nicht. Aber meine Finger streifen das Duplikat in meiner Tasche. Warm. Glatt. So ein Schlüssel, der nicht mir gehört und sich doch so anfühlt.
Duvall geht um 12:14 Uhr. Er nimmt den Beutel mit. Das Kassenbuch nimmt er nicht. Nach dem Salz fragt er nicht. Aber bevor er geht, bleibt er an der Tür stehen. "Noch etwas", sagt er. "Der Name – Duvall. Ist nicht meiner. Nur etwas, das ich mir für den Tag geliehen habe."
Ich reagiere nicht. Aber mein Nacken beginnt wieder zu jucken.
Ich schließe hinter ihm ab. Drehe das Schild auf Fermé.
Der Duplikatschlüssel brennt in meiner Tasche.
Das Büro am Hafen ist still. Zu still. Diese Art von Stille, bei der man auf Dinge lauscht, die nicht da sind – das Summen des Kühlschranks, das Brummen der Neonröhre, das Geräusch von jemandem, der auf der anderen Seite der Tür atmet.
Ich mache das Licht nicht an.
Das Kassenbuch liegt noch immer offen. Ich ziehe mit dem Finger die Spalte entlang. Schrank 17. "Duplikat ausgestellt an M. Voss." Darunter, in kleinerer Schrift: "Kunde wünschte einen zusätzlichen Schlüssel für einen ‚Partner‘. Kein Ausweis vorgelegt. Bar bezahlt. 200 €."
Der Partner. Der, der nicht in den Unterlagen stehen wollte.
Ich ziehe das Duplikat heraus. Neu. Keine Kratzer. Kein Salz. Nur ein Schlüssel, der in ein Schloss passt, das unter Wasser stand.
Das Telefon klingelt. Einmal. Zweimal. Ich lasse es in die Mailbox laufen. Die Ansage klickt an. Eine Stimme, rau wie Schmirgelpapier:
"Sie haben etwas, das Ihnen nicht gehört. Bringen Sie es ins Lagerhaus in der Rue du Chantier. Allein. In einer Stunde. Oder der nächste Beutel, den ich abgebe, wird keinen Schuh enthalten."
Die Leitung bricht ab.
Ich spiele es noch einmal ab. Die Stimme ist nicht Duvalls. Zu tief. Zu ruhig. Diese Ruhe kommt von jemandem, der genau weiß, wie viel Ärger er am Hals hat, und dem es scheißegal ist.
Das Lagerhaus in der Rue du Chantier ist die Sorte Ort, an dessen Tür kein Name steht. Nur eine Nummer – 17 – in abgeblättertem Rot aufgemalt. Das Rolltor steht halb offen, das Metall stöhnt, als hätte man es schon zu oft eingetreten. Innen riecht die Luft nach Diesel und nassem Karton.
Ein Mann lehnt an einem Gabelstapler. Sein Gesicht ist wie eine geschlossene Faust – scharfe Kanten, keine Nachgiebigkeit. In seiner Hand ein Messer. Kein großes. Nur ein kleines Klappmesser, so eines, das man an der Tankstelle kauft. Er klappt es auf. Zu. Auf. Zu.
"Sie sind spät", sagt er.
"Verkehr."
Er knurrt. "Der Schlüssel."
Ich ziehe das Duplikat heraus. Halte es hoch. Das Licht der hohen Fenster glitzert auf dem Messing. Dann lasse ich es mir ein wenig durch die Finger gleiten. Nur ein bisschen. Als wäre ich nervös. Er greift danach. Ich ziehe es zurück, schiebe mit der anderen Hand einen zweiten Schlüssel aus dem Ärmel und werfe ihm den Köder zu. Den, den ich letzte Nacht abgefeilt habe. Den, der in kein Schloss passt.
Er fängt ihn. Schaut nicht einmal hin. Steckt ihn einfach ein und nickt Richtung Tür. "War mir ein Vergnügen."
Ich glaube ihm nicht.
Der Weg zurück zum Laden dauert zwanzig Minuten. Ich eile nicht. Ich sehe mich nicht um. Ich gehe einfach, und ich denke an Salz.
Salz im Aschenbecher. Salz auf Duvalls Manschetten. Salz im Wasser, das Schrank 17 gefüllt hat.
Der Hafen liegt nicht weit vom Meer. Aber die Schränke stehen nicht am Wasser. Sie sind im zweiten Stock. Oberhalb der Flutlinie.
Außer jemand wollte, dass sie volllaufen.
Der Laden ist noch verschlossen, als ich zurückkomme. Das Schild steht noch auf Fermé. Ich lasse mich hinein. Das Kassenbuch liegt da, wo ich es gelassen habe. Die herausgerissene Seite fehlt noch immer.
Ich setze mich an den Tisch. Hole ein frisches Blatt Papier hervor. Schreibe auf, was ich weiß:
- Ein Polizist – oder jemand, der einmal einer war – endet tot in einem Schrank.
- Ein Mann mit geliehenem Namen taucht mit einem nassen Schuh und einer Geschichte auf, die nicht trägt.
- Ein Mann mit einem Messer will den Schlüssel zu dem Schrank, der sie beide umgebracht hat.
Ich tippe mit dem Stift auf das Papier. Dann füge ich eine vierte Zeile hinzu:
- Das Salz war kein Zufall.
Das Telefon klingelt. Ich gehe nicht ran. Der Anrufbeantworter nimmt ab. Eine Stimme, glatt wie Öl:
"Monsieur Duvall. Oder wie auch immer Sie heißen. Sie hätten den Schlüssel nehmen sollen, solange Sie die Gelegenheit hatten. Jetzt müssen wir das auf die harte Tour regeln. Prüfen Sie das Kassenbuch noch einmal. Seite 47."
Ich lege auf. Dann ziehe ich den Duplikatschlüssel heraus. Den echten. Den, der in meiner Tasche noch warm ist.
Draußen steht die Sonne hoch. Der Vieux-Port glitzert, als bestünde er aus zerbrochenem Glas. Irgendwo tönt ein Schiffshorn. Irgendwo anders quietscht eine Schranktür auf.
Ich stecke den Schlüssel ins Kassenbuch. Schließe das Buch. Schließe es ab.
Dann gehe ich zum Hafen. Allein.