Der Umschlag ist dort feucht, wo das Glas gestanden hat. Nicht Kondenswasser—etwas Älteres, als würde der Tisch selbst schwitzen. Ich löse ihn mit zwei Fingern ab und lasse das Klebeband auf der Unterseite zusammengerollt zurück wie die Beine eines toten Insekts.
Innen: ein Schlüssel, eine Quittung, ein Name.
Der Schlüssel ist aus Messing, ohne Kennzeichnung. Die Quittung stammt vom Hôtel des Îles in Bastia, vom gestrigen Datum. Der Name ist meiner, aber nicht der, den ich heute benutze. Lucien Vasseur. Acht Jahre, seit mich so jemand genannt hat. Acht Jahre, seit ich Korsika mit einer Reisetasche und dem Versprechen verlassen habe, nie zurückzukommen.
Ich falte die Quittung zu einem Quadrat und tippe sie gegen meinen Daumennagel. Das Café summt um mich herum—Espressomaschinen, das Klirren von Löffeln, ein Radio, das Marseille la nuit so leise spielt, dass man den Text nicht versteht. Niemand schaut herüber. Niemand schaut je herüber.
Die Fähre legt um 21:45 ab. Das lässt mir sechs Stunden.
Ich gehe zum Vieux Port, die Hände in den Taschen. Der Schlüssel bohrt sich in meine Handfläche. Der Name liegt mir im Mund wie ein Stein.
Lucien Vasseur. Zuletzt gesehen in Ajaccio, stehend über einem Mann, der nicht mehr atmete. Nicht meine Schuld, nicht wirklich. Aber die Gendarmen kümmern sich nicht um Zusammenhänge. Sie kümmern sich um Leichen.
Auf der Quittung steht Chambre 12. Kein Zettel. Keine Erklärung. Nur der Schlüssel, das Zimmer, der Name.
Ich bleibe an einem Tabac stehen, kaufe eine Schachtel Gauloises, die ich nicht will. Der Kassierer fragt nicht, warum ich schwitze. Er hat schon Schlimmeres gesehen.
Die Polizeiwache an der Canebière ist ein Block aus gelbem Licht. Innen riecht die Luft nach abgestandenem Kaffee und Reue. Ich könnte hineingehen. Den Umschlag auf den Schreibtisch legen. Sagen: Ich glaube, das ist für mich.
Aber das letzte Mal, als ich der Polizei vertraut habe, saß ich drei Tage in einer Zelle, während sie beschlossen, dass ich den Papierkram nicht wert war. Und der Mann auf dem Boden? Der lag noch da, als sie mich gehen ließen.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Der Rauch schmeckt nach Asche und alten Entscheidungen.
Der Fährterminal besteht nur aus Glas und Echo. Ich zeige der Frau am Schalter meinen Ausweis—Mathieu Lefèvre, sauber, unauffällig. Sie sieht nicht auf. Der Schlüssel brennt in meiner Tasche.
Chambre 12. Vielleicht ist es eine Botschaft. Vielleicht eine Falle. Vielleicht auch nichts.
Ich kaufe ein Ticket. Einfache Fahrt.
Das Schiff legt um 21:47 ab. Ich stehe an der Reling und sehe zu, wie Marseille zu einem Lichtfleck schrumpft. Das Meer ist schwarz, endlos. Irgendwo voraus wartet Korsika.
Ich denke an den Mann in Ajaccio. Sein Name war Pascal. Er hatte eine Frau, ein Kind. Eine Angewohnheit, zu viel zu reden.
Der Schlüssel ist kalt in meiner Hand.
Bastia im Morgengrauen. Das Hôtel des Îles ist ein schiefes Gebäude nahe dem Hafen, von der Sorte, in der die Laken nach Bleichmittel und Vergangenheit riechen. Der Nachtportier fragt nicht nach dem Ausweis. Er drückt mir nur den Schlüssel zu Chambre 12 in die Hand und geht zurück zu seiner Zeitung.
Das Zimmer ist klein, dunkel. Ein Bett, ein Stuhl, ein Fenster mit Blick auf die Gasse. Die Wände sind dünn. Ich höre das Paar nebenan auf Korsisch streiten.
Ich setze mich aufs Bett. Der Schlüssel passt in das Schloss der Schreibtischschublade.
Innen: eine Pistole, ein Pass und ein Foto.
Die Pistole ist eine .38, geladen. Der Pass ist französisch, auf den Namen Lucien Vasseur. Auf dem Foto ist Pascal zu sehen, lächelnd, mit dem Arm um eine Frau, die ich nicht kenne. Sie hält ein Baby im Arm—Pascals Kind, jetzt sieben Jahre älter.
Ich nehme die Pistole hoch. Sie ist schwerer, als ich sie in Erinnerung habe.
Das Klopfen kommt um 07:12. Kein Polizeiklopfen. Zu leise. Zu sicher.
Ich schiebe die Pistole in den Hosenbund und bedecke sie mit dem Hemd. Der Pass wandert in meine Tasche. Das Foto lasse ich auf dem Bett liegen.
Die Tür öffnet sich, bevor ich sie erreiche.
Ein Mann steht dort. Groß, dunkler Anzug, keine Krawatte. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor, aber ich kann es nicht einordnen. Er lächelt. Es erreicht seine Augen nicht.
"Lucien", sagt er. "Oder sollte ich Mathieu sagen?"
Ich antworte nicht. Die Pistole drückt gegen meine Wirbelsäule.
"Du hast dir Zeit gelassen", sagt er. "Wir haben schon angefangen zu glauben, dass du nicht kommst."
"Wer ist wir?"
Er tritt beiseite. Hinter ihm, im Flur, steht Pascals Frau. Sie hält nicht die Hand des Kindes. Stattdessen sitzt der Junge auf dem Boden des Gangs, spielt mit einem Spielzeugauto und bekommt nichts mit. Sie hält ein Messer.
"Du erinnerst dich an meinen Mann", sagt sie. Ihre Stimme ist flach. "Du hast ihn in einem Lagerhaus zurückgelassen. Die Polizei sagte, es sei ein Unfall gewesen."
Ich schlucke. Die Pistole ist ein Eisklumpen an meiner Haut.
"War es auch", sage ich.
Sie blinzelt nicht. "Warum bist du dann hier?"
Der Mann im Anzug räuspert sich. "Weil wir einen Auftrag für dich haben, Lucien. Einen letzten. Danach sind wir quitt."
Ich sehe das Kind an. Er spielt immer noch mit dem Auto, summt leise vor sich hin. Zu jung, um zu verstehen.
"Was für ein Auftrag?"
Der Mann lächelt. "Einer, der genug bezahlt, um zu verschwinden."
Ich denke an das Fährticket in meiner Tasche. Einfache Fahrt. Keine Rückkehr.
"Und wenn ich Nein sage?"
Pascals Frau tritt vor, so nah, dass ich ihr Parfum riechen kann—etwas Blumiges, Teures. Das Messer blitzt im fahlen Licht.
"Dann gehst du nicht aus diesem Zimmer", sagt sie.
Der Mann im Anzug seufzt. "Familie", sagt er. "Du verstehst das."
Tu ich. Genau das ist das Problem.
Der Auftrag ist einfach. Einen Lieferwagen nach Ajaccio fahren. Ein Paket abholen. Es zu einem Lagerhaus nahe dem Hafen bringen. Keine Fragen. Keine Zwischenstopps.
Der Lieferwagen wartet in der Gasse. Die Schlüssel stecken im Zündschloss. Das Paket liegt hinten, in Plastik gewickelt, so groß wie ein kleiner Koffer. Pascals Frau drückt mir ein Wegwerfhandy in die Hand.
"Ruf an, wenn es erledigt ist", sagt sie. "Dann bekommst du den Jungen."
Ich sehe den Jungen an. Er sitzt schon auf dem Rücksitz des Lieferwagens und spielt mit dem Spielzeugauto. Sie benutzen ihn als Pfand. Klug.
Ich fahre los. Der Junge summt eine Melodie, die ich nicht kenne. Das Paket bewegt sich nicht. Gibt keinen Laut von sich.
Das Lagerhaus ist leer. Die Lichter flackern. Ich trage das Paket hinein und lege es auf den Tisch. Das Wegwerfhandy klingelt.
"Mach es auf", sagt der Mann im Anzug.
Ich schneide die Plastikfolie mit meinen Schlüsseln auf. Innen: Geldbündel. Euro-Scheine, mit weißen Papierbändern zusammengehalten. Mehr Geld, als ich je gesehen habe.
"Nimm, was du willst", sagt er. "Und dann geh. Der Junge wartet im Café beim Hafen. Lass uns nicht kommen und nach dir suchen müssen."
Ich nehme einen Stapel. Falte ihn in meine Tasche.
"Das ist alles?"
"Das ist alles", sagt er. "Jetzt sind wir quitt. Aber Lucien?"
"Ja?"
"Komm nicht zurück."
Die Verbindung bricht ab.
Das Café ist ein schäbiger Laden mit klebrigen Tischen. Der Junge sitzt in der Ecke und trinkt eine Cola. Er schaut hoch, als ich hereinkomme, aber er lächelt nicht.
"Bist du fertig?" fragt er.
"Ja", sage ich. "Ich bin fertig."
Er nickt, als wäre das die Antwort, die er erwartet hat. Dann schiebt er einen Zettel über den Tisch. Es ist ein Fährticket nach Genua, auf seinen Namen. Pascal Vasseur.
"Meine Mutter sollte dir das geben", sagt er. "Sie meinte, du wüsstest, was zu tun ist."
Ich sehe das Ticket an. Dann ihn. "Du kommst nicht mit mir?"
Er schüttelt den Kopf. "Ich bleibe bei meinem Onkel. Dem im Anzug."
Ich frage nicht warum. Ich weiß es schon.
Das Schiff legt bei Dämmerung in Genua an. Ich gebe dem Jungen den Geldstapel. Er nimmt ihn und steckt ihn ungeöffnet in seinen Rucksack.
"Wie heißt du?" frage ich.
"Pascal", sagt er.
Ich korrigiere ihn nicht.
Er steigt von der Fähre und geht auf die Lichter der Stadt zu. Ich sehe ihm nach, bis er außer Sicht ist. Dann zünde ich mir eine Zigarette an und gehe in die andere Richtung.
Der Schlüssel zu Chambre 12 steckt immer noch in meiner Tasche. Ich werfe ihn ins Hafenbecken. Er sinkt lautlos.
Irgendwo klingelt ein Telefon. Ich gehe nicht dran.
Das Geld reicht, um neu anzufangen. Wieder einmal.
Ich denke an Pascal. An den Jungen. An das Messer in Pascals Fraus Hand.
Ich denke an die Fähre, den Schlüssel, den Namen, den ich zurückgelassen habe.
Dann gehe ich in den Bahnhof und kaufe ein Ticket nach Berlin.
Die Vergangenheit ist ein Land, das ich nicht mehr besuche.