Der Spind im Laderaum

Dunkles Taxi-Innenraum mit einer Brieftasche, einem Kinderfoto und einem Schlüssel auf dem Rücksitz.
Eine im Regen gefundene Spur.

Das Leder klebt an meinen Fingern. Nicht wie Leim – wegen der Hitze. Als läge es auf einem Heizkörper. Oder auf einem Schoß. Ich löse die Brieftasche aus dem Futter des Regenmantels, die Nähte noch frisch, der Faden weiß gegen den schwarzen Stoff. Auf der Rückbank des Taxis riecht es nach Anis und altem Schweiß. Der Blick des Fahrers flackert zum Rückspiegel, dann wieder weg. Er fragt nicht. Ich biete nichts an.


Die Brieftasche ist dünn. Keine Karten. Nur:

  • Ein Foto: Junge, vielleicht zehn, aufgesprungene Lippe, die Augen zu weit offen. Weint nicht. Schlimmer. Als hätte er schon beschlossen, dass es niemand tun wird.
  • Eine Marina-Quittung: Quai des Belges, 03:17, Slip 12. Der Zeitstempel liegt zwei Stunden in der Zukunft.
  • Ein Schlüssel, in Papier gewickelt. Von der Art, die in nichts Standardmäßiges passt. Zu klein für eine Tür. Zu groß für einen Spind.
  • Eine Spindmarke: Gare Saint-Charles, Spind 47.

Ich drehe das Foto um. Bleistiftkritzelei: Mardi, 23h. Dienstag. Das ist heute Nacht. Oder gestern. Nach Mitternacht verschwimmen die Stunden.


Der Fahrer setzt mich am Vieux Port ab. Er lügt wegen des Mantels. Ich weiß es, wie ich weiß, wenn ein Klient etwas zurückhält – an der Art, wie seine Hände fester ans Lenkrad greifen, an der Art, wie er mir nicht in die Augen sieht, wenn er sagt: „Noch nie gesehen.“ Aber der Mantel war warm. Und die Brieftasche war wärmer.

Ich gehe zu Fuß. Der Kai ist leer bis auf einen Typen in einer Windjacke, der an einem Laternenmast lehnt, als warte er auf einen Bus, der so spät nicht mehr fährt. Tut er nicht. Ich biege in Le Bar de la Marine ein, bestelle einen Pastis, beobachte die Tür. Die Windjacke folgt. Bleibt draußen stehen, tut, als prüfe er sein Handy. Der Bildschirm ist dunkel.


Der Barkeeper schiebt mir eine Serviette hin. „Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.“ Habe ich nicht. Geister hinterlassen keine warmen Brieftaschen. Geister engagieren keine Verfolger. Ich nippe am Pastis. Er schmeckt nach Lakritz und schlechten Entscheidungen.

Ich ziehe die Marina-Quittung hervor. Slip 12. Den Ort kenne ich. Nicht die schicken Yachten – die Liegeplätze sind in Gold nummeriert. Slip 12 ist dort, wo die Arbeitsschiffe anlegen. Fischtrawler, Schmugglerkähne, die Sorte Boot, die keine Fragen stellt, wenn man bar bezahlt.


Draußen steht die Windjacke immer noch. Ich gehe durch den Hinterausgang, schneide durch die Gasse hinter Chez Fonfon. In der Luft riecht es nach gebratenem Knoblauch und Diesel. Mein Handy vibriert. Unbekannte Nummer. Text: „Du hast etwas, das dir nicht gehört.“ Na toll. Ich antworte: „Willst du es? Hol es dir.“

Die Antwort kommt sofort: „Slip 12. In einer Stunde.“


Ich gehe zur Marina. Die Nacht ist still. Zu still. Keine Betrunkenen, keine Fischer, die ihre Boote vorbereiten. Nur das Schlagen des Wassers gegen die Rümpfe und das Summen der Stadt in meinem Rücken. Slip 12 liegt ganz am Ende. Dort ist ein Trawler festgemacht, La Sirène, mit abblätternder Farbe, Netze gestapelt wie vergessene Spinnweben. Kein Licht. Keine Bewegung.

Ich steige an Bord. Das Holz knarzt. Zu laut.

Eine Stimme aus der Kajüte: „Du bist früh.“

Ein Mann tritt heraus. Mitte fünfzig, Dreitagebart in Salz-und-Pfeffer, Hände rau, als hätte er sein Leben mit Netzen verbracht. Er hält ein Messer in der Hand. Keine Waffe – ein Filetiermesser, wie man damit Fische ausnimmt. Die Klinge ist sauber. Zu sauber.

Ich halte die Brieftasche hoch. „Ihre?“

Er sieht nicht hin. „Der Junge auf dem Foto. Das ist mein Neffe.“

„Und der Schlüssel?“

„Versicherung.“ Er tippt mit dem Messer gegen seinen Oberschenkel. „Du bist heute Nacht nicht der erste Kurier.“


Ich frage nicht, was mit dem ersten passiert ist. Die Art, wie er das Messer hält, sagt mir genug. „Wofür ist der Schlüssel?“

„Für einen Spind. Gare Saint-Charles. Die Nummer steht auf dem Ticket.“ Er nickt zur Brieftasche. „Sie sollten mich dafür bezahlen. Stattdessen haben sie den Jungen genommen.“

„Wer ist sie?“

„Männer, die keine losen Enden mögen.“ Er kommt näher. Die Klinge blitzt. „Du bist jetzt ein loses Ende.“


Ich bewege mich, bevor er es tut. Nicht schnell – nur zuerst. Mein Fuß verfängt sich in einer Seilrolle. Sie spannt sich, reißt ihm die Beine weg. Er schlägt hart aufs Deck. Das Messer rutscht über das Holz. Ich trete es ins Wasser. Er stöhnt, rollt sich auf die Seite. „Du verstehst nicht—“

„Ich verstehe genug.“ Ich gehe in die Hocke, hebe die Brieftasche auf. „Du willst den Schlüssel? Hol ihn dir selbst.“

Seine Augen schießen an mir vorbei. „Zu spät.“

Ich drehe mich um. Die Windjacke steht auf dem Dock, die Waffe in der Hand. Kein Profi – sein Stand ist völlig falsch, als hielte er ein Werkzeug, das er noch nie benutzt hat. Aber die Waffe ist echt. Und sie zielt auf mich.


„Lass die Brieftasche fallen,“ sagt die Windjacke. „Und den Schlüssel.“

Ich tue es nicht. „Du gehörst nicht zu ihnen.“

„Was?“

„Zu den Männern, die den Jungen geholt haben. Du bist zu schlampig.“ Ich deute auf seine Waffe. „Du zitterst.“

Er schluckt. „Ich – ich will nur den Schlüssel.“

„Warum?“

„Weil sie ihn töten, wenn ich ihn nicht zurückbringe.“


Der Fischer lacht. Ein nasses, rasselndes Geräusch. „Du bist der Kurier? Der erste Kurier?“ Er drückt sich hoch, wischt Blut von seiner Lippe. „Sie schicken ein Kind, um Männerarbeit zu machen.“

Die Windjacke wird kreidebleich. „Halt die Klappe.“

Ich werfe die Brieftasche zwischen uns auf das Deck. „Nimm sie. Aber der Schlüssel bleibt bei mir.“

„Warum?“ Die Stimme der Windjacke bricht.

„Weil ich keinem von euch traue.“ Ich weiche zurück in Richtung der Kajüte. „Und weil der Junge auf dem Foto etwas Besseres verdient als das hier.“


Der Fischer springt los. Die Windjacke feuert. Der Schuss geht vorbei, zersplittert den Mast. Ich bin schon in Bewegung, hechte in die Kajüte. Die Tür ist dünn. Ich reiße sie zu, schiebe den Riegel vor. Nicht genug. Ich greife nach einer rostigen Harpune an der Wand, verkeile sie durch den Griff. Draußen Rufe. Noch ein Schuss. Holz splittert.

Ich finde die Luke zum Laderaum. Die Leiter ist schmierig von Fischinnereien. Ich klettere hinab, ziehe die Luke hinter mir zu. Dunkel. Es riecht nach Salz und Verfall. Ich ziehe mein Handy heraus, schalte die Taschenlampe an. Kisten. Netze. Ein Stapel Ölfässer. Und in der Ecke ein Spind – Spind 47, am Rumpf verschraubt. Die Versicherung des Fischers. Er muss ihn hierher geschafft haben, als er merkte, dass sie hinter ihm her waren.


Der Schlüssel passt. Im Spind ist bis auf einen manila Umschlag nichts. Ich reiße ihn auf. Drin:

  • Ein Pass. Lucas Moreau. Der Junge auf dem Foto.
  • Eine Fahrkarte. Marseille nach Barcelona. Abfahrt: 05:42.
  • Ein Bündel Geld. Euro. Genug, um zu verschwinden.

Und ein Zettel, in derselben Bleistiftschrift wie das Foto:

„Sie werden ihn töten, wenn sie ihn finden. Aber sie werden nicht nach ihm suchen, wenn sie glauben, dass er schon tot ist.“


Der Laderaum bebt. Sie sind an Bord. Ich höre Schritte über mir, das Knarren der Kajütentür. Ich stopfe den Umschlag in meine Jacke, stecke den Schlüssel ein. Die Ölfässer sind mit DIESEL beschriftet. Ich stemme eines auf. Die Dämpfe brennen in den Augen. Ich kippe es um. Treibstoff schwappt durch den Laderaum, tränkt die Kisten, die Netze. Meine Schuhe.

Ich ziehe mein Feuerzeug heraus. Kein Zippo – eines von diesen billigen Plastikdingern von der Tankstelle. Ich schnippe es an. Die Flamme fängt. Ich werfe es auf die Dieselspur.


Das Feuer breitet sich schnell aus. Kein Inferno – nur genug. Rauch füllt den Laderaum. Ich huste, ziehe das Hemd vor Mund und Nase, klettere die Leiter hinauf. Die Luke ist heiß. Ich stoße sie auf. Die Kajüte brennt bereits. Windjacke und der Fischer sind weg. Wahrscheinlich gesprungen, als sie die Flammen sahen.

Ich stolpere aufs Deck. Das Feuer frisst sich bereits den Mast hoch. Die Marina wird wach – Rufe, Alarme, in der Ferne Sirenen. Ich springe auf den Steg, renne. La Sirène ächzt hinter mir, dann stürzt sie in sich zusammen, ein Scheiterhaufen aus Holz und Diesel.


Ich schaffe es zum Bahnhof, bevor der erste Löschwagen eintrifft. Meine Lungen brennen. Meine Kleidung stinkt nach Rauch. Ich ziehe die Fahrkarte hervor. 05:42. Ich sehe auf die Uhr. 04:17.

Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Der Umschlag ist schwer in meiner Tasche. Das Passfoto des Jungen lächelt mich an. Aufgesprungene Lippe, die Augen zu weit offen. Aber lebendig. Vorerst.


Der Bahnhof ist still. Zu früh für Pendler, zu spät für Betrunkene. Ich kaufe einen Kaffee aus einem Automaten. Er schmeckt wie Batteriesäure. Ich setze mich auf eine Bank, beobachte die Anzeigetafel. Barcelona, Gleis 5, 05:42. Pünktlich.

Eine Frau setzt sich neben mich. Mitte dreißig, dunkles Haar, eine Narbe über der Augenbraue. Sie hält eine Zeitung in der Hand. In der Schlagzeile geht es um einen Brand an der Marina. „Sie sehen aus, als wären Sie durch die Hölle gegangen,“ sagt sie.

„Ich fühle mich noch schlimmer.“

Sie nickt zum Umschlag. „Ist das für mich?“

„Kommt drauf an. Sie sind Lucas’ Tante?“

Sie zuckt nicht zusammen. „Die Schwester seiner Mutter. Sie haben das Foto gesehen.“

Ich ziehe den Pass hervor, zeige ihr das Bild. Sie berührt die aufgesprungene Lippe, nur für einen Augenblick. „Das haben sie ihm angetan.“ Keine Frage.

„Ja.“

„Und der Schlüssel?“

„Weg. Mit dem Boot verbrannt.“

Sie atmet aus. „Gut.“ Dann hält sie die Hand hin. „Ich bin Claire.“

Ich gebe ihr den Umschlag. „Bedanken Sie sich nicht bei mir.“

„Das werde ich nicht tun.“ Sie steckt ihn in ihre Tasche. „Aber ich kaufe Ihnen einen Kaffee, der nicht nach Batteriesäure schmeckt.“

„Abgemacht.“


Der Zug fährt ein. Sie steigt ein, ohne sich umzudrehen. Ich sehe ihm nach, bis er weg ist. Der Bahnsteig ist wieder leer. Mein Handy vibriert. Unbekannte Nummer. Text: „Du hast das falsche Boot verbrannt.“

Ich lösche die Nachricht. Gehe weg.

Die Stadt erwacht. Die Bäckereien machen auf. Der Geruch von frischem Brot schneidet durch den Rauch in meinen Klamotten. Ich kaufe ein Croissant. Es ist warm. Zu warm.

Ich esse es trotzdem.

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