Der Spind um drei

Ein Mann steht in einer dunklen Parkgarage und hält einen manilafarbenen Umschlag neben einem Peugeot.
Drei Uhr morgens in der Garage, und der Umschlag wartet schon.

Das Geschirrtuch ist an den Knöcheln rosa.

Fabien sieht nicht auf seine Hand. Er sieht auf den Umschlag. Manila, A4, mit einem Streifen Paketklebeband versiegelt, der an einer Ecke bereits abblättert. Keine Adresse. Keine Briefmarke. Nur ein schmieriger Daumenabdruck dort, wo jemand zu fest gedrückt hat.

Die Parkgarage riecht nach Diesel und Meersalz. Das Natriumlicht darüber flackert—tick, tick—wie ein Metronom, das etwas herunterzählt. Er hatte den Umschlag auf dem Beifahrersitz seines Peugeot gefunden, unter den Scheibenwischer geschoben. Jemand war in seinem Wagen gewesen. Jemand, der wusste, dass er hier sein würde, genau an diesem Ort, genau zu dieser Zeit.

Drei Uhr morgens. Die Stunde der schlechten Entscheidungen.

Fabien streckt die Finger. Der Schmerz pocht dumpf, wie Zahnschmerzen in den Knochen. Nach dem letzten Job hatte er die Hand in das Tuch gewickelt—irgendein Idiot an den Docks hatte eine Palette marokkanischer Fliesen darauf fallen lassen. Die Blutung war gestoppt, die Schwellung nicht. Jetzt ist das Tuch steif von getrocknetem Blut, das Rosa an den Rändern ins Bräunliche verblassend.

Er sollte den Umschlag liegen lassen. Weggehen. Nach Hause fahren. Schlafen.

Aber die Bar unten ist schon offen. Le Dernier Verre. Die Art von Ort, in dem Männer im Morgengrauen Pastis trinken und so tun, als würden sie nicht auf etwas warten. Die Art von Ort, in dem die Person, die den Umschlag hinterlassen hat, vermutlich gerade sitzt, an einem Bier nippt und die Tür im Blick behält.

Fabien hebt den Umschlag auf. Er ist leicht. Zu leicht für Geld. Zu schwer für eine Notiz.

Unten auf der Rampe knurrt ein Motor. Scheinwerfer streifen über die Betonpfeiler. Er duckt sich hinter seinen Peugeot, das Herz hämmert. Das Auto fährt vorbei—irgendein Jungspund in einem BMW, der Bass dröhnt, die Fenster offen. Die Musik verklingt. Das Natriumlicht flackert erneut.

Er atmet aus.


Der Umschlag ist noch in seiner Hand, als er die Bar erreicht.

Le Dernier Verre besteht aus dunklem Holz und Nikotinflecken. Die Luft riecht nach Anis und altem Schweiß. Ein Jukebox in der Ecke spielt etwas Langsames und Französisches—wahrscheinlich Gainsbourg, oder vielleicht Barbara. Die Bardame, eine Frau mit einem Gesicht wie eine geschlossene Faust, wischt mit einem Lappen ein Glas, das bessere Tage gesehen hat.

Fabien gleitet auf einen Hocker. „Pastis.“

Sie schenkt ein, ohne ihn anzusehen. Die Flüssigkeit wird milchig, als sie Wasser dazugibt. Er nimmt einen Schluck. Der Lakritzgeschmack brennt ihm die Kehle hinunter.

„Du bist spät.“

Die Stimme kommt aus der Ecke. Ein Mann in einer Lederjacke, das Gesicht halb im Schatten. Zwischen den Fingern hält er eine Zigarette, unangezündet. So ein Mann, der nicht raucht, die Zigarette aber trotzdem hält, wie ein Requisit.

Fabien dreht sich nicht um. „Ich wusste nicht, dass ich eine Sperrstunde habe.“

„Der Umschlag.“

„Welcher Umschlag?“

Der Mann stößt die Luft durch die Nase aus. Kein Lachen. Nicht ganz. „Du bist Zollmakler, Fabien. Du weißt, wie das läuft. Jemand gibt dir etwas. Du stellst keine Fragen. Du gibst es weiter.“

„Ich arbeite nicht umsonst.“

„Hat niemand behauptet.“ Der Mann schnippt mit der Zigarette. Sie dreht sich in der Luft, landet mit einem leisen kling in einem Aschenbecher. „Aber der Mann, an den du es liefern solltest? Der ist tot.“

Fabien krallt die Finger um das Glas. „Ist nicht mein Problem.“

„Ist es jetzt schon.“ Der Mann beugt sich vor. Seine Jacke knarrt. „Das Problem mit toten Männern ist: Sie zahlen nicht. Und die, die zahlen? Die mögen keine losen Enden.“

Eine Pause. Die Jukebox klickt und wechselt das Lied. Diesmal Édith Piaf. Irgendetwas über Reue.

Fabien nimmt noch einen Schluck. Der Pastis schmeckt nach Gift. „Wie viel?“

„Genug.“

„Nicht gut genug.“

Der Mann seufzt. Er greift in seine Jacke. Fabien spannt sich an—doch er zieht nur ein Telefon hervor. Er tippt auf den Bildschirm und schiebt es über den Tresen. Ein Foto. Ein Körper. Mit dem Gesicht nach unten in einer Gasse, ein Arm verdreht hinter dem Rücken. Blut hat sich unter seinem Kopf gesammelt wie ein schwarzer Heiligenschein.

„Das ist dein Typ“, sagt der Mann. „Vasseur hieß er. Arbeitete nachts im Hafen. Heute Morgen gefunden.“

Fabien sieht nicht auf das Foto. Er sieht auf die Hände des Mannes. Saubere Nägel. Keine Ringe. Eine Uhr, die mehr kostet als Fabians Wagen. „Sie sind kein Polizist.“

„Nein.“

„Sie sind auch kein Dockarbeiter.“

Der Mann lächelt. Es erreicht seine Augen nicht. „Ich bin der Mann, der dafür sorgt, dass die Dinge dort ankommen, wo sie hingehören.“

„Und wo ist das?“

„Irgendwo sicher.“ Der Mann tippt gegen den Umschlag. „Mach ihn auf.“

Fabien zögert. Dann schiebt er einen Finger unter die Lasche. Das Klebeband löst sich mit einem leisen riß. Innen: ein einzelner Schlüssel. Messing, altmodisch. Kein Etikett. Keine Nummer. Nur ein Schlüssel.

„Wofür ist der?“

„Für einen Spind. Am Hafen. Spind 17.“

„Und was ist drin?“

Der Mann zuckt die Achseln. „Etwas, das du liefern wirst. Für mich.“

Fabien dreht den Schlüssel zwischen den Fingern. Er ist kalt. Zu kalt. Als hätte er in einem Gefrierfach gelegen. „Und wenn ich Nein sage?“

Der Mann antwortet nicht. Er sieht nur die Bardame an. Sie greift unter die Theke, kommt mit einer Schrotflinte wieder hoch. Nicht auf jemanden gerichtet. Nur auf dem Tresen abgelegt, als wäre es eine Serviette.

„Jesus“, murmelt Fabien.

„Niemand schießt auf jemanden“, sagt der Mann. „Noch nicht. Aber du hast eine Wahl, Fabien. Du kannst mit diesem Schlüssel hier rausgehen. Oder du gehst mit einem Loch im Knie raus. So oder so—du nimmst ihn mit.“

Fabien schluckt. Der Pastis brennt sich den ganzen Weg hinunter. „Sie sind wirklich ein Charmeur, wissen Sie das?“

Der Mann zuckt mit den Schultern. „Mir wurde schon Schlimmeres gesagt.“


Draußen flackert das Natriumlicht noch immer.

Fabians Hand pocht. Das Geschirrtuch ist wieder feucht, frisches Blut sickert hindurch. Er bewegt die Finger. Der Schmerz ist jetzt scharf, wie Nadeln. Er sollte ins Krankenhaus fahren. Er sollte den Schlüssel verbrennen. Er sollte auf ein Schiff steigen und nach Algerien segeln und nie wieder zurückkommen.

Stattdessen steigt er in sein Auto.

Der Schlüssel wandert in die Tasche. Der Umschlag kommt ins Handschuhfach. Er startet den Motor. Der Peugeot hustet, stottert, dann erwacht er zum Leben. Fabien fährt aus der Garage, die Reifen quietschen auf dem Beton.

Der Hafen ist ein Labyrinth aus Kränen und Containern, alles erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Er kennt den Ort wie seine Westentasche—jedes Tor, jede Wachrotation, jede tote Ecke, durch die ein Mann unbemerkt schlüpfen kann. Er parkt nahe dem Verwaltungsgebäude, stellt den Motor ab. Der Schlüssel liegt schwer in seiner Tasche.

Er steigt aus. Die Luft riecht nach Salz und Rost. In der Ferne heult ein Schiffshorn. Er geht los.

Die Spinde befinden sich in einem fensterlosen Raum nahe den Verladedocks. Alt, unbenutzt. Die Art von Ort, in dem Dinge versteckt und vergessen werden. Der Schlüssel passt in das erste Schloss, das er ausprobiert. Spind 17. Er dreht ihn. Die Tür schwingt auf.

Innen: eine Sporttasche. Schwarz, Nylon, mit Reißverschluss. Er zieht ihn auf.

Geld. Bündelweise. Meistens Euro. Ein paar Dollar. Einige Pässe—französische, italienische, marokkanische. Und ganz unten ein einzelnes Blatt Papier. Ein Name. Eine Adresse. Eine Uhrzeit.

Khalid Benali. Rue des Catalans. 10 Uhr.

Fabien starrt auf die Tasche. Seine Hand blutet wieder. Das Geschirrtuch ist durchweicht. Er sollte gehen. Er sollte das Geld nehmen und verschwinden. Aber der Name auf dem Papier—er kennt ihn. Ein Schmuggler. Ein Mittelsmann. Ein Mann, der Dinge bewegt, die nicht bewegt werden sollen.

Und Vasseur, der tote Mann, hat für ihn gearbeitet.

Fabien schließt die Tasche. Er hängt sie sich über die Schulter. Das Gewicht ist beruhigend. Solide. Er schließt den Spind ab, steckt den Schlüssel ein. Später kommt er zurück. Nimmt, was er braucht. Verbrennt den Rest.

Er tritt aus dem Raum. Der Flur ist leer. Der Hafen ist still. Zu still.

Dann hört er es.

Schritte.

Nicht die langsamen, lässigen Schritte eines Wachmanns auf Streife. Diese sind schnell. Zielstrebig. Jemand, der weiß, wohin er geht.

Fabien duckt sich hinter einen Stapel Paletten. Die Schritte kommen näher. Ein Schatten zieht an der Tür vorbei. Ein Mann in einer Lederjacke. Derselbe Mann aus der Bar. Er hält ein Telefon ans Ohr und spricht leise. „Ja. Er ist hier. Spind 17.“

Fabians Magen sackt ab.

Der Mann legt auf. Steckt das Telefon ein. Er geht nicht in den Spindraum. Stattdessen lehnt er sich an die Wand, die Arme verschränkt, und wartet.

Fabien rührt sich nicht. Atmet nicht. Das Geschirrtuch tropft Blut auf den Beton. Langsam, stetig. Plink, plink, plink.

Dann noch ein Paar Schritte. Schwerer. Langsamer. Ein Mann im Anzug, teuer, maßgeschneidert. In einer Hand trägt er einen Aktenkoffer. Die andere steckt in der Hosentasche. Wahrscheinlich hält sie eine Waffe.

Der Mann in der Lederjacke nickt. „Er hat die Tasche.“

Der Mann im Anzug lächelt nicht. „Gut. Gehen wir.“

Sie gehen am Spindraum vorbei, den Flur hinunter, in Richtung Verladedocks. Fabien hört das Klink des sich öffnenden Aktenkoffers. Das Rascheln von Geld, das gezählt wird. Dann das Geräusch eines startenden Autos.

Er zählt bis zehn. Dann rennt er.


Die Reifen des Peugeot kreischen, als er aus dem Hafen schießt. Die Sporttasche liegt auf dem Beifahrersitz. Der Schlüssel steckt im Zündschloss. Das Geschirrtuch liegt auf dem Boden, vergessen.

Er weiß nicht, wohin er fährt. Er weiß nur, dass er nicht bleiben kann.

Das Burner-Handy in der Tasche klingelt. Er ignoriert es. Es klingelt erneut. Er hebt ab. „Was?“

Eine Stimme, glatt, amüsiert. „Sie sind nicht besonders gut darin, oder?“

„Wer ist da?“

„Khalid Benali. Sie haben etwas von mir.“

Fabians Griff um das Lenkrad wird fester. „Ich habe nichts.“

„Die Tasche, Fabien. Das Geld. Die Pässe. Die Informationen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Ein Seufzen. „Ich mache es einfach. Sie bringen mir die Tasche. Ich lasse Sie leben. Sie behalten die Tasche. Ich töte Sie. Langsam.“

Fabien schluckt. Die Straße vor ihm ist dunkel. Die Laternen flackern. „Wo?“

„Rue des Catalans. Zehn Uhr. Seien Sie nicht zu spät.“

Die Leitung ist tot.

Fabien wirft das Telefon auf den Sitz. Die Sporttasche starrt ihn an, anklagend. Er sollte sie aus dem Wagen werfen. Er sollte die Polizei rufen. Er sollte alles andere tun als das, was er gleich tun wird.

Aber das Geld ist da. Die Pässe. Die Chance zu verschwinden.

Und Fabien war noch nie gut darin, wegzugehen.

Er blickt in den Rückspiegel. Niemand folgt ihm. Noch nicht.

Er biegt auf die Küstenstraße ein. Das Meer ist schwarz, endlos. Hinter ihm verblassen die Natriumlichter des Hafens.

Irgendwo voraus wartet ein Mann. Ein Mann, der Menschen seinen Lebensunterhalt lang tötet.

Fabien bewegt die Finger. Der Schmerz ist weg. Alles, was er fühlt, ist die Kälte.

Er fährt.

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