Das Croissant ist noch warm.
Ich weiß das, weil mir der Karton die Finger verbrennt, als ich ihn hochhebe. Nicht diese übliche Wärme aus der Bäckerei – das hier ist ofenfrisch, eine Hitze, die durch Wachspapier sickert und einen Hauch Butter auf der Haut zurücklässt. Der Lieferschein ist auf den Deckel geklebt: Rue du Marché aux Poulets, 3. Stock, keine Klingel. Kein Name. Kein Trinkgeld.
Ich frage nicht. Das ist die Regel.
Das Handschuhfach des Peugeot steht schon offen, als ich zum Wagen zurückkomme. Nicht aufgebrochen – nur da, wie ein schlaffer Mund. Drinnen vibriert ein Telefon gegen das Kunstleder. Auf dem Display steht UNBEKANNT, aber der Klingelton ist Bella Ciao, was entweder Ironie ist oder ein Witz, den ich nicht verstehe. Ich lasse es klingeln. Der Karton landet auf dem Beifahrersitz. Der Pass rutscht heraus, als ich ihn mit dem Daumen anstoße.
Thierry Moreau.
Das Foto ist schlecht – vom Blitz ausgewaschen, die Augen halb geschlossen, als stünde er kurz vorm Niesen. Aber ich kenne dieses Gesicht. Ich habe es vor zwei Tagen auf einer Bahre in Saint-Pierre gesehen, im kalten Neonlicht der Leichenhalle, das seine Haut in die Farbe von altem Joghurt tauchte. Das Treppenhaus an der Rue de Flandre war schmal gewesen, so eins, in dem man sich seitlich drehen muss, um an jemandem vorbeizukommen. Er hatte auf dem Rücken gelegen, einen Arm unter sich verdreht, den anderen ausgestreckt, als wolle er nach dem Geländer greifen. Kein Blut. Nur ein dünner Speichelfaden aus seinem Mundwinkel, zu einer Kruste getrocknet.
Das Telefon hört auf zu klingeln. Ich klappe den Pass zu. Die Ecken sind feucht, das Laminat löst sich schon an den Rändern. Als hätte er geschwitzt.
Die Bäckerei ist ein Loch in der Wand in der Rue des Bouchers, so ein Laden, der nach 18 Uhr altes Brot zum halben Preis verkauft. Die Bäckerin ist eine Frau mit Unterarmen wie Schinkenknochen und einer Zigarette, die ihr dauerhaft an der Unterlippe klebt. Sie schaut nicht auf, als ich eintrete, sondern schiebt nur mit einem Klirren ein Blech mit Pain au chocolat in die Auslage.
„Du bist derjenige, der die Schachtel abgeholt hat?“ Ihre Stimme ist Kies und Gitanes.
„Ja.“
„Hast du reingeschaut?“
„Nein.“
Sie stößt den Rauch durch die Nase aus. „Gut. Dann bist du wenigstens kein Idiot.“
Ich warte. Hinter ihr summt der Ofen, die Hitze drückt mir ins Gesicht wie eine Hand.
„Du lieferst in einer Stunde nochmal an dieselbe Adresse“, sagt sie. „Andere Schachtel. Gleiche Anweisungen.“
„Was ist drin?“
„Geht dich scheißdreck an.“ Sie drückt die Zigarette auf der Theke aus und hinterlässt einen schwarzen Schmierfleck auf dem Resopal. „Aber wenn du klug bist, vergisst du, dass die erste Schachtel je existiert hat.“
Der Peugeot steht eine halbe Häuserzeile weiter unten, eingekeilt zwischen einem DHL-Transporter und einem Roller mit kaputtem Rücklicht. Das Telefon klingelt wieder, als ich die Tür öffne. Bella Ciao, wie vorher. Ich gehe diesmal ran.
„Du bist zu spät.“ Die Stimme ist männlich, ohne Akzent. Nicht französisch, nicht holländisch, nichts, was ich einordnen kann. „Die Grenze wartet nicht auf Kuriere.“
„Wer ist da?“
„Der Mann, der weiß, wo du bist.“ Eine Pause. „Und wo die Schachtel ist.“
Ich sehe mich um. Die Straße ist leer bis auf einen Betrunkenen, der an einem geschlossenen Dönerladen pinkelt. Keine Kameras. Keine Gesichter in den Fenstern.
„Du beobachtest mich?“
„Ich beobachte den Pass.“ Noch eine Pause. „Thierry Moreau. Gestorben in einem Treppenhaus an der Rue de Flandre. Kein nächster Angehöriger. Keine Obduktion. Praktisch, nicht wahr?“
Meine Finger schließen sich fester um das Telefon. „Was willst du?“
„Dasselbe, was ich wollte, als ich das erste Mal angerufen habe. Die Schachtel. Pünktlich geliefert. An die richtige Adresse.“
„Und wenn nicht?“
„Dann sage ich der Polizei, wo sie den Peugeot finden kann. Und die Leiche im Kofferraum.“
Die Verbindung bricht ab.
Der Kofferraum ist leer, als ich ihn öffne. Nur ein Reserverad, ein Wagenheber und der saure Geruch von altem Fast Food. Keine Leiche. Kein Blut. Aber der Teppich ist in einer Ecke hochgezogen, der Kleber noch klebrig. Jemand war kürzlich hier.
Ich werfe ihn zu. Das Telefon klingelt wieder.
„Du denkst ans Weglaufen“, sagt die Stimme. „Tu’s nicht.“
„Woher—“
„Weil ich weiß, was du trägst. Und ich weiß, was mit Leuten passiert, die versuchen, es zu behalten.“
Ich frage nicht. Ich weiß es bereits.
Die zweite Schachtel ist schwerer. Diesmal kein Croissant – nur ein Laib Sauerteigbrot, dessen Kruste mit einem Muster eingeritzt ist, das ich nicht erkenne. Die Lieferadresse ist dieselbe, aber die Anweisungen haben sich geändert: Vor die Tür legen. Nicht klingeln.
Ich parke drei Straßen weiter und gehe den Rest zu Fuß. Das Haus ist ein Altbau, mit abblätternder Farbe und einer Klingel, die seit den Neunzigern nicht mehr funktioniert. Das Treppenpodest im dritten Stock riecht nach Kohl und Bleichmittel. Kein Name an der Tür. Keine Klingel.
Ich stelle die Schachtel ab. Das Brot verrutscht darin, die Kruste bricht wie trockene Knochen.
Bevor ich mich abwenden kann, klingelt das Telefon.
„Braver Junge“, sagt die Stimme. „Jetzt geh nach Hause.“
„Was ist in dem Brot?“
„Nichts, worüber du dir Sorgen machen musst.“
„Und der Pass?“
Ein trockenes Lachen, wie Papier. „Der Pass ist schon da, wo er sein muss. Bis Mitternacht ist Thierry Moreaus Geist in Deutschland. Am Morgen in der Schweiz. Und wenn irgendjemand bemerkt, dass er vermisst wird, ist er längst jemand anderes.“
„Er ist tot.“
„Menschen sterben jeden Tag.“ Ein Knistern in der Leitung. „Aber Pässe? Gute Pässe sind schwerer zu bekommen. Und Tote brauchen keine.“
Ich gehe nicht nach Hause.
Stattdessen fahre ich zur Rue de Flandre. Das Treppenhaus ist noch da, das Geländer dort verbogen, wo Thierry Moreau es wohl auf dem Weg nach unten gepackt hat. Das Polizeiband ist weg, aber der Geruch hängt noch in der Luft – billiges Parfum und etwas Metallisches, wie eine Münze, die im Regen gelegen hat.
Ich setze mich auf die Stufen und warte.
Das Telefon klingelt um 23:47.
„Du bist nicht da, wo du sein sollst“, sagt die Stimme.
„Nein.“
„Das ist ein Fehler.“
„Vielleicht.“ Ich schaue zum Absatz hinauf. „Aber ich will wissen, warum ein toter Mann einen warmen Pass braucht.“
Stille. Dann: „Du wirst für diesen Scheiß nicht genug bezahlt.“
„Ich werde gar nicht bezahlt.“
Ein Seufzen. „Gut. Du willst die Wahrheit? Thierry Moreau war ein Kurier. Nicht für Drogen. Nicht für Geld. Menschen. Er brachte sie über Grenzen, einen nach dem anderen, hinten in Transportern und in Kofferräumen. Aber er wurde gierig. Fing an abzuzweigen. Fotos zu machen. Erpressung.“
„Also habt ihr ihn umgebracht.“
„Nein. Sie haben ihn umgebracht. Die Leute, für die er gearbeitet hat. Aber der Pass? Der war meiner. Und ich will ihn zurück.“
„Warum nimmst du ihn dann nicht einfach?“
„Weil ich nicht weiß, wo er ist.“ Eine kurze Pause. „Aber du weißt es.“
Ich stehe auf. Das Treppenhaus kippt für einen Moment, die Wände rücken näher. „Du lügst.“
„Tu ich das?“ Die Stimme bleibt ruhig. „Dann sag mir, Kurier – woher wusste ich gerade eben, dass du in diesem Treppenhaus bist? Woher wusste ich, dass du Thierry Moreaus Gesicht wiedererkannt hast?“
Das Telefon piept. Eine Nachricht kommt rein. Ein Foto. Ich sitze auf den Stufen, das Nummernschild des Peugeot im Hintergrund deutlich zu sehen.
„Du hast bis Mitternacht Zeit“, sagt die Stimme. „Danach bekommt die Polizei einen anonymen Hinweis. Auf ein gestohlenes Auto. Und die Leiche im Kofferraum.“
Ich sehe zum Kofferraum. „Da ist keine Leiche.“
„Bist du dir da sicher?“ Eine Pause. „Schau nochmal nach.“
Die Bäckerei ist geschlossen, als ich zurückkomme. Die Rollläden sind unten, das Licht ist aus. Aber die Seitentür steht offen, der Griff ist warm.
Drinnen ist der Ofen noch an, die Hitze drückt gegen meine Haut wie eine Warnung. Die Bäckerin liegt auf dem Boden, ihre Schürze durchtränkt mit etwas Dunklem. Ihre Augen sind offen und starren zur Decke. Die Zigarette steckt noch in ihrem Mund, bis zum Filter heruntergebrannt.
Das Telefon klingelt.
„Du bist früh“, sagt die Stimme. „Ich bin beeindruckt.“
„Du hast sie umgebracht.“
„Sie war ein Risiko. Genau wie du.“
Ich gehe in die Hocke. Die Hände der Bäckerin sind zu Fäusten geballt, die Nägel abgebrochen. Sie hat sich gewehrt.
„Wo ist der Pass?“
„Im Ofen.“ Eine Pause. „Wo sonst?“
Ich öffne die Ofentür. Die Hitze schlägt mir ins Gesicht, der Geruch von verbranntem Haar und geschmolzenem Plastik. Innen liegt auf einem Metallblech der verkohlte Rest eines Passes, die Ränder eingerollt wie tote Blätter. Das Foto ist verschwunden, aber der Name ist noch lesbar, die Buchstaben aufgebläht und schwarz.
Thierry Moreau.
Das Telefon klingelt wieder.
„Nun zufrieden?“ fragt die Stimme.
Ich antworte nicht. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, auf die linke Hand der Bäckerin zu schauen. In ihren Fingern steckt etwas Kleines aus Plastik. Eine SIM-Karte. So eine, die man in einem Telefon findet.
So eine, die entfernt worden ist.
Ich ziehe das Telefon aus dem Handschuhfach. Die Rückseite ist schon ab. Keine SIM drin. Er hat sie herausgenommen. Aber er hat eine Sache vergessen – der GPS-Chip sitzt nicht nur in der SIM. Er sitzt im Telefon selbst.
Der Peugeot steht vor einem Lagerhaus in der Nähe des Kanals, so einem mit zerbrochenen Fenstern und einem verrosteten Kran. Das Telefon hat seit meiner Abfahrt aus der Bäckerei ohne Unterlass geklingelt, aber ich bin nicht drangegangen. Lass ihn sich fragen.
Die GPS-App auf meinem Wegwerfhandy pingt. Der rote Punkt bewegt sich. Nicht weit. Genau hier.
Ich rufe die Nummer zurück.
Er geht beim ersten Klingeln ran.
„Hat ja lange genug gedauert.“
„Du bist nicht so schlau, wie du glaubst“, sage ich.
Ein Lachen. „Und du bist nicht so dumm, wie du aussiehst.“
„Du hast die Bäckerin umgebracht. Den Pass verbrannt. Aber eine Sache hast du vergessen.“
„Ach ja?“
„Das Telefon im Handschuhfach.“ Ich sehe zum Lagerhaus. Die Tür steht einen Spalt offen, ein schmaler Lichtstreifen fällt auf den Asphalt. „Es hat GPS. Und du hast es angelassen.“
Stille. Dann: „Du bluffst.“
„Tue ich das?“ Ich gehe näher. „Denn ich stehe gerade vor deinem kleinen Versteck. Und ich habe die Polizei auf Kurzwahl.“
Ein Herzschlag lang nichts. Dann bricht die Verbindung ab.
Das Lagerhaus ist leer, als ich hineingehe. Keine Kisten. Keine Leute. Nur ein Klappstuhl, ein Laptop und eine halbleere Flasche Jupiler. Der Laptop läuft noch, der Bildschirm zeigt eine Karte von Brüssel. Ein roter Punkt pulsiert am Kanal, genau dort, wo ich stehe.
Das Telefon klingelt. Bella Ciao wieder.
Ich gehe ran.
„Du gewinnst“, sagt die Stimme. „Fürs Erste.“
„Wo bist du?“
„Irgendwo, wo du mich nie finden wirst.“ Eine Pause. „Aber du solltest wissen: Thierry Moreau war nicht der Einzige. Es gibt noch andere. Dutzende. Hunderte. Und sie alle brauchen Pässe.“
„Und?“
„Also ist das hier nicht vorbei.“ Ein Knistern in der Leitung. „Es fängt gerade erst an.“
Der Anruf endet. Ich sehe auf den Laptop. Die Karte ist noch da, der rote Punkt blinkt. Dann bewegt er sich – erst langsam, dann schneller, nordwärts Richtung Grenze.
Ich schlage den Laptop mit dem Stuhl kaputt. Der Bildschirm springt, die Karte zerfällt zu Rauschen.
Draußen springt der Peugeot beim ersten Versuch an. Das Handschuhfach steht noch offen, das Telefon ist jetzt still. Ich werfe es in den Kanal. Das Wasser verschluckt es lautlos.
Die Bäckereischachtel liegt auf dem Beifahrersitz, das Sauerteigbrot ist inzwischen altbacken. Ich breche ein Stück ab und esse es während der Fahrt. Es schmeckt nach Asche.
Um Mitternacht bin ich auf der E40, die Grenze ein fernes Leuchten am Horizont. Der Pass ist weg. Die Bäckerin ist tot. Und Thierry Moreau?
Der sitzt immer noch in diesem Treppenhaus.