Der neunzehnte Stock des Sterling Research Tower roch nach Ozon und ionisierter Haut. Elias schob den pneumatischen Wartungswagen vor sich her, dessen Gummiräder alle 4,2 Sekunden gegen die Bodenfliesen vibrierten. Die Notbeleuchtung stand auf Notrot, ein niederfrequenter Puls, der die grauen Geräteschränke zu Silhouetten geronnenen Bluts machte.
Er blieb am Hauptfilterstapel stehen. Der Ansaugschacht war verstopft. Eine dicke, seidige Staubschicht haftete am Drahtgeflecht, durch seine Nitrilhandschuhe hindurch warm bei der Berührung. Es fühlte sich an wie Filz. Oder Haare. Er schabte eine Probe auf einen Objektträger, wobei die Partikel mit statischer Elektrizität an seinen Fingern kleben blieben. Es war eiweißreicher Staub – abgestorbene Haut, Fasern, aerosolisiertes Lipid. Es stammte nicht aus dem Gebäude.
Er zog den Schraubenschlüssel vom Gürtel, löste das Ansauggehäuse und zog daran. Die schwere Platte glitt zur Seite und gab nicht den erwarteten Lüftungsschacht frei, sondern eine nahtlose Polymerwand. Sie war erst vor Kurzem eingesetzt worden, im selben klinischen Weiß wie der umliegende Korridor, doch die Fuge lag um drei Millimeter daneben.
Er klopfte gegen die Wand. Sie klang hohl.
Elias zog seinen Ausweis über den Leser in der Zierleiste. Die Maschine piepste zweimal, ein höfliches, synthetisches Trillern, und die Wand zog sich mit einem pneumatischen Zischen in die Decke zurück, das kaum über das Summen der Klimaanlage hinwegflüsterte.
Innen war die Luft anders. Sie hatte nicht den metallischen Geschmack der zentralen Versorgung. Sie war feucht und roch nach abgestandenem Stärkezeug und recyceltem Schweiß. Der Raum war zwölf Fuß mal zwölf Fuß groß, unterteilt durch eine gläserne Beobachtungswand. In der Mitte war ein Kinderbett am Linoleumfußboden festgeschraubt. Es war kindergroß, die Gitterstäbe mit Kohlefaser verstärkt. Darüber hing ein Mobile, reglos, die Plastiksterne mit einer dicken Schicht ungestörter Körnung überzogen.
In die Wand eingelassene Monitore pulsierten mit schwachem blauem Licht. Vitalwerte: 98 bpm. SpO2: 96 Prozent. Die Anzeigen waren aktiv.
Elias trat auf das Kinderbett zu. Die Decke war zu einem Hügel aufgeworfen und ließ einen Schlafenden vermuten, doch als er die Hand ausstreckte, zögerte er. Er wandte sich dem Terminal an der Wand zu, um die Zutrittsprotokolle zu prüfen; er musste wissen, ob vor seiner Ankunft eine Reinigungsschicht diesen Stock freigegeben hatte.
Eintragsprotokoll: Wartungszugang - 04:12 - Ausweis-Nr. #77-492-E
Elias sah auf seine Plastikausweiskarte. #77-492-E.
Er hatte die Kellerkantine erst um 06:00 verlassen. Er prüfte den Zeitstempel erneut. Die Uhr an der Wand war mit dem Hauptserver des Gebäudes synchronisiert. Es war 06:14.
Er zog die Hand zurück, wobei der Nitrilhandschuh an der Kante der Konsole hängen blieb. Unter dem Glas war das Kind da – klein, mit fahler Haut, die Augen offen und an die Decke geheftet. Es atmete nicht. Seine Brust blieb vollkommen still; das Auf und Ab wurde durch das Summen des in die Matratze integrierten lebenserhaltenden Kreislaufs simuliert.
Er sah auf seinen Ausweis. Die Plastikoberfläche war warm, als wäre sie lange in einer geschlossenen Hand gehalten worden.
Das System ist ein geschlossener Kreislauf, Elias. Wenn ich mich recht entsinne, verträgt es keine Redundanz.
Er erinnerte sich nicht daran, das gesagt zu haben. Er sah zur Wand, auf die nahtlose Fuge, und bemerkte den Schatten eines Schmierflecks auf dem Touchpanel – die unverwechselbare Form seines eigenen Daumenabdrucks, perfekt über dem Befehl „Unlock“ liegend.
Die Deckenlichter flackerten und wechselten von blutorange zu einem harten, diagnostischen Weiß. Eine mechanische Stimme hallte durch die Lüftungsschächte, jeder Rhythmus darin getilgt.
Hohe Sauerstoffsättigung in Sperrzone 19 festgestellt. Atmosphärische Verhältnisse werden ausgeglichen.
Elias hörte die schweren pneumatischen Dichtungen der Trepphaustüren zufallen. Er war eingeschlossen. Das Gebäude war darauf ausgelegt, Anomalien einzudämmen; es tat dies, indem es dem Raum so lange Sauerstoff entzog, bis die Brandgefahr – oder die biologische Anomalie – erstickte und aufgab.
Er prüfte den Umgebungsdrucksensor an seinem Handgelenk. 1,01 bar. Die Zahlen begannen zu sinken. 0,99. 0,98.
Er packte das Kinderbett. Es war schwer, am Boden durch elektromagnetische Schlösser verankert, die nicht auf seinen Ausweis reagierten. Er schob seine Brechstange unter die Grundplatte. Das Metall stöhnte.
Er sah zum Terminal. Er konnte das lokale Eindämmungsprotokoll übersteuern, aber nur, indem er die Löschung des internen Raumeintrags protokollierte. Wenn er das Log löschte, würde das System die Säuberung einstellen und den Raum als architektonischen Fehler behandeln, der in der nächsten Schicht behoben werden sollte.
Wenn er ging, blieb das Kind hinter der weißen Wand zurück.
Wenn er blieb, um die Bodenverankerung zu brechen, würde ihm die Luft ausgehen.
Er blickte auf den Vitalmonitor. Der Puls hatte sich verlangsamt. 92 bpm. 88 bpm.
Elias geriet nicht in Panik. Panik war ein Luxus der Außenwelt. Im Turm selbst diktierte die Physik das Ergebnis. Er schwang die Brechstange; die Wucht des Schlags vibrierte durch seine Arme. Die Bodenverkleidung sprang auf.
Der Sensor an seinem Handgelenk flackerte. 0,92 bar.
Er begriff, dass das Kind nicht zur Decke sah. Es sah ihn an. Seine Pupillen waren geweitet, auf sein Gesicht fixiert, mit einer Intensität, die sich wie eine Berechnung anfühlte. Es weinte nicht. Es musste nicht.
Er zog den Ausweis aus der Weste und rammte ihn in den manuellen Entriegelungsport am Fuß des Kinderbetts. Er knackte. Er hatte ihn nicht zerbrechen wollen, doch das Schloss löste sich. Das Bett zuckte und gab seine Verbindung zum Boden frei.
Elias schob seinen Wagen zur Seite, der schwere Stahlrahmen krachte gegen die Korridorwand. Er hob das Kinderbett an. Es war leichter, als er erwartet hatte; das Kind fiel im Rahmen kaum ins Gewicht.
Er ging auf die Aufzüge zu, aber die Etagenanzeigen waren dunkel. Er nahm die Treppe. Die Tür war eine dicke, verstärkte Platte aus lackiertem Stahl. Er prüfte den Griff. Verschlossen.
Er sah auf sein Handgelenk. 0,85 bar. Die Luft wurde dünner, der Alarm der Sauerstoffarmut begann in seinen Ohren zu summen.
Er wandte sich wieder dem Raum zu. Die falsche Wand begann bereits, sich zu schließen; die hydraulischen Aktuatoren quietschten, als sie die schwere Platte auf den Rahmen zudrückten.
Er konnte durch die Öffnung springen und das Kind zurücklassen, den Zyklus zurücksetzen, oder er konnte hier stehen bleiben und warten, bis der Rest des Sauerstoffs den Raum vollends oxydierte.
Er holte Luft. Sie war dünn, metallisch und schmeckte nach dem Kupfer, das aus seinem eigenen Zahnfleisch sickerte.
Er sah hinunter. Die Hand des Kindes hob sich, die Finger schlossen sich um seinen Daumen. Der Griff war präzise.
Elias setzte sich auf das Linoleum, das Kinderbett auf seinen Knien. Er legte die Handfläche auf die Wandsteuerung. Er rief das Konfigurationsmenü auf.
Eintrag löschen? J/N
Er beobachtete, wie der Druck wieder fiel. 0,80 bar.
Er tippte 'J'.
Die Wand hielt in ihrer Bewegung inne. Die roten Notlichter klickten zurück auf ein sanft pulsierendes Orange. Das Lüftungssystem seufzte hörbar, als der Sauerstoffstrom wieder einsetzte, und ein frischer Schwall eisiger, steriler Luft strömte aus den Deckenöffnungen.
Er saß lange dort. Das Gebäude war wieder still. Der Raum war leer, das Terminal zeigte nur noch ein gewöhnliches Wartungsprotokoll für den neunzehnten Stock, sauber und unauffällig.
Elias ging zum Aufzug, trug das Kinderbett hinunter in den Keller und stellte es in das hintere Fach seines Wartungsschranks. Er wickelte eine gelbe Warnfolie darum.
Er kehrte in den neunzehnten Stock zurück. Er setzte die Abdeckung des Ansaugschachts wieder ein und zog die Schrauben fest.
Als er den Keller erreichte, öffnete er den Schrank. Das Kinderbett war leer. Die Decken waren ordentlich zu einem Quadrat gefaltet.
Er ging zu dem Spiegel über dem Ausgussbecken. Sein Gesicht war das seinige, doch seine Augen hatten einen anderen Braunton. Er zog den Ausweis aus der Tasche. Er war ersetzt worden. Es war eine neue Karte, makellos und ohne Kratzer. Er strich sie über die Schranktür.
Zugang gewährt.
Der Feuchtigkeitsindex im Keller lag exakt bei 42 Prozent.