Der dritte Siegel

Ein Kurator steht neben einer Glasvitrine mit drei Bronzesiegeln in einer Museumsgalerie.
Ein stiller Raum, eine subtile Unstimmigkeit und drei bronzene Siegel.

Um sieben Uhr vierzig an einem nassen Donnerstagmorgen schloss Arai Fumika den Raum für ostasiatische Kunsthandwerke auf und sah sofort, dass einer der Bronzesiegel zu folgsam geworden war.

Die drei standen in einer Reihe unter dem Vitrinenglas, jedes auf seinem schwarzen Sockel, jedes von der Größe einer geballten Pflaume, jedes auf der quadratischen Basis mit einem Irrgarten archaischer Zeichen versehen, die kein Besucher ohne Hilfe lesen konnte. Das linke Siegel neigte sich, wie immer, ein wenig nach vorn. Das rechte stand leicht schief, weil das Filzpolster darunter an einer Ecke dünn geworden war. Das mittlere stand aufrecht, vom Licht poliert, in einer Genauigkeit, die den anderen fehlte. Es sah aus wie ein Kind mit geliehenen Manieren.

Fumika stellte ihre Tasche ab und sah noch einmal hin.

Regen klopfte leise und beharrlich gegen die hohen Fenster. Das Museum roch vor der Öffnung streng nach Wachs, feuchter Wolle und altem Papier. Irgendwo hinter den Lackwänden quietschte der Wagen einer Reinigungskraft. Sie zog den Schlüssel für die Vitrine hervor, öffnete das Messingschloss und berührte die Siegel nicht. Sie beugte sich vor, bis ihr Pony beinahe das Glasregal streifte.

Die Patina des mittleren Siegels stimmte nicht. Nicht dramatisch; wer immer das getan hatte, hatte genug gewusst, um vorsichtig zu sein. Aber das Grün in den Vertiefungen lag auf dem Bronze wie Schminke. Und am inneren Rand des Knaufs gab es einen winzigen Grat, dort, wo eine Gussnaht abgeschliffen und nicht ganz zum Verschwinden gebracht worden war.

Also eine Fälschung. Nahezu perfekt, gewiss ausreichend für Spender und Kuratoriumsmitglieder und Männer, die gern »bemerkenswert« sagten, ohne etwas zu sehen. Aber nicht ausreichend für die Person, die vor drei Jahren die Tablettetiketten geschrieben und zwei Katalogeinträge von Hand korrigiert hatte, weil der frühere Kurator Siegelschrift mit Ornament verwechselt hatte.

Sie richtete sich auf und sah auf das Nachtprotokoll, das neben der Vitrine am Ständer befestigt war.

Die Seite für gestern war in Ordnung: 18.30 Uhr, Galerie von Senda geschlossen; 21.10 Uhr, Rundgang durch Mori; 6.50 Uhr, Außentüren durch Ogawa kontrolliert. Kein ungewöhnlicher Eintrag. Unter der Klammer lag das transparente Acetatblatt, das sie über dem Vitrinenplan für Markierungen und Notizen aufbewahrten. Darauf war mit blauem Fettstift die mittlere Tafel eingekreist und print? geschrieben worden.

Tatsächlich war ein Fingerabdruck an der Innenseite des vorderen Glases. Ein einzelner feuchter Abdruck, der bereits zu einem verschwommenen Wirbel trocknete, tief und leicht links vom mittleren Siegel.

Innen.

Fumika schloss die Vitrine, nicht ganz, und ging sofort in den Konservierungsraum.

Der alte Konservator Kitajima stand über einem Tablett mit Elfenbein-Netsuke, beide Hände auf die Tischkante gestützt, als könne der Tisch sich sonst von ihm entfernen. Er hatte den Regenmantel ausgezogen, den Schal aber noch nicht. Sein weißes, störrisches Haar stand ihm feucht wie Federn über den Ohren ab.

»Kitajima-san«, sagte sie. »Bitte kommen Sie sofort in den Raum für ostasiatische Kunsthandwerke.«

Er blickte auf. Er hatte den milden, gereizten Ausdruck eines Mannes, der seit vierzig Jahren von der Welt unterbrochen wurde und sich noch immer über ihre Beharrlichkeit wundert. Dann sah er ihr Gesicht und wurde aufmerksam.

Sie gingen zusammen zurück. Fumika öffnete die Vitrine und trat zur Seite.

Er beugte sich nicht sofort hinein. Das ließ sie ihn mehr als alles andere genau beobachten. Kitajima liebte Gegenstände mit jener eigentumsähnlichen Zärtlichkeit, die man sonst nur für gebrechliche, schwierige Verwandte aufbringt. Über beschädigtem Lack stand er gewöhnlich mit dem versunkenen Blick eines Mannes, der ferne Musik hört. Jetzt blieb er für einen Schlag, zwei, aufrecht. Dann setzte er seine Brille auf.

»Das mittlere«, sagte er.

»Ja.«

Er prüfte es, ohne es zu berühren. Das Blut wich so schnell aus seinem Gesicht, dass die Haut unter den Augen gelb wurde.

»Wer hat die Vitrine nach dem Schließen geöffnet?« fragte er.

»Genau das werde ich herausfinden.«

Er nahm die Brille ab und polierte sie mit seinem Taschentuch, obwohl sie nicht feucht war. »Nein. Sie werden es schnell herausfinden. Takeda ist um zwölf Uhr da.«

Der Spender.

Professor Takeda Shun'ei, pensionierter Epigraphiker, Sammler, Wohltäter und Besitzer — bis vor drei Jahren — jenes Satzes aus drei Siegeln im Han-Stil für Gelehrte, der dem Museum unter so eigenwilligen Bedingungen vermacht worden war, dass das Kuratorium darüber sprach wie über das Wetter oder Magenbeschwerden. Die Siegel sollten zusammenbleiben, zusammen ausgestellt werden und im Katalog durch ihre Herkunft aus der Takeda-Familiensammlung ausgewiesen sein. Takeda besuchte sie gern. Genauer gesagt: Er ließ sich gern dabei sehen, wie er sie besuchte.

»Erkennen Sie es?« fragte Fumika.

Kitajima faltete das Taschentuch einmal, dann noch einmal. »Was erkennen?«

»Die Fälschung. Sie sehen aus, als ob Sie es täten.«

Sein Mund wurde schmal. Er war kein guter Lügner. Das hinderte ihn nicht.

»Ich sehe aus, als wäre ich einundachtzig und hätte vor dem Frühstück in meiner Galerie einen falschen Gegenstand gefunden.«

»Die Konservierung ist nicht Ihre Galerie.«

Er lächelte beinahe. Es verschwand sofort. »Bitte seien Sie nicht klug, Arai-san. Nicht heute Morgen.«

Da war es: nicht die Angst vor dem Diebstahl selbst, sondern die Angst vor seiner Benennung.

Sie schloss die Vitrine ganz. »Wer hatte Schlüssel?«

»Ich. Sie. Senda für die ersten Rundgänge. Die Sicherheit hat den Generalschlüssel im versiegelten Schrank unten im Büro.«

»Und letzte Nacht?«

»Ich habe den Raum für ostasiatische Kunsthandwerke selbst um 18.15 Uhr abgeschlossen.«

»Waren die Siegel da in Ordnung?«

Er zögerte. Nur einen Atemzug lang. Fairness, sagte sie sich aus alter Gewohnheit; wenn jemand zögert, merke dir, wo. »Ich habe sie nicht einzeln überprüft. Aber mir fiel nichts Ungewöhnliches auf.«

Das war nicht dieselbe Antwort.

»Wer wusste, dass Takeda um zwölf Uhr kommt?«

»Die halbe Museumsmannschaft. Er telefoniert vor jedem Besuch, als verkünde er eine Sonnenfinsternis.«

Fumika nickte. »Bitte bleiben Sie erreichbar. Und sagen Sie vorerst niemandem etwas.«

»Sie sagen das, als würde ich allen alles erzählen.«

»Sie erzählen niemandem irgendetwas«, sagte sie. »Das verursacht administrative Schwierigkeiten.«

Diesmal lächelte er doch, widerwillig. Es veränderte sein Gesicht für einen Augenblick und ließ es dann älter zurück als zuvor.

Sie ging zuerst ins Sicherheitsbüro, wo Mori, breitschultrig und vom Diensteingang noch feucht, gerade Tee in einem Kessel aufsetzte, der sich vor Wut beinahe selbst gekocht hatte. Er begrüßte sie, goss ihr aus Höflichkeit eine Tasse ein und reichte sie in einer Temperatur, die sich fürs Metallarbeiten eignete. Sie nahm sie an, weil Ablehnung Menschen nur verzögert.

»Siegel des Generalschlüssels intakt?« fragte sie.

Er zeigte ihr den Schrank. Das Wachssiegel über dem Schloss war nicht gebrochen.

»Irgendwelche Vorfälle über Nacht?«

»Leck in Gang C. Sonst nichts.« Er sah sie über den Dampf hinweg an. »Sie haben dieses Gesicht.«

»Welches Gesicht?«

»Das Gesicht, das für mich Papierkram bedeutet.«

»Wahrscheinlich. Wer war um 21.10 Uhr auf Rundgang?«

»Ich. Ich habe das Protokoll unterschrieben.«

»War nach Schließung noch jemand im Raum für ostasiatische Kunsthandwerke?«

»Niemand Befugtes. Die Ehrenamtlichen aus der Vermittlung gingen um sechs. Die Kuratoren verschwanden allmählich. Wie üblich verschwindet niemand mit Erlaubnis.« Er überlegte. »Im internen Postfach für das Archiv lag noch ein Umschlag, spät abgegeben. Regen darauf. Ich habe ihn weggenommen, bevor er durchweichte.«

»Wer hat ihn gebracht?«

»Ein Kurier aus der Stadt. Junger Mann mit blauer Kappe.«

»Wo ist er jetzt?«

»Im Archiv, nehme ich an. Es sei denn, das Archiv glaubt inzwischen überhaupt nicht mehr an Papier.«

Sie trug den Tee weg, verbrannte sich die Finger, stellte die Tasse auf ein Fensterbrett und vergaß sie.

Im Archiv lag im Postfach Werbematerial, zwei Rechnungen und ein cremefarbener Umschlag, gesprenkelt von getrocknetem Regen. Er trug keine Briefmarke, nur die Museumsadresse und ihre Abteilung in einer sorgfältigen Hand, die sie nicht kannte. Innen steckten ein gefalteter Zettel und eine Straßenbahnfahrkarte.

Auf dem Zettel stand nur:

Wenn das dritte Siegel vor zwölf Uhr bewegt wird, sehen Sie in der Katalogisierung der Asamori-Reliefversteigerung vom letzten Monat unter Los 118 nach. Fragen Sie, wer bar bezahlt hat.

Keine Unterschrift.

Die Fahrkarte war für den gestrigen Abend, entwertet um 18.42 Uhr auf der Berglinie von Minato-Kreuzung nach Museum West.

Fumika setzte sich langsam hin. Der Archivraum war schmal und übervoll, die Regale mit den Hauptbüchern reichten bis zur Decke, die Dokumentenkästen waren in drei Handschriftgenerationen beschriftet. In den Fensterecken beschlug das Glas. Ein Luftentfeuchter summte mit der melancholischen Pflichttreue eines zweitklassigen Mönchs.

Jemand wusste, dass vor zwölf Uhr ein Austausch versucht werden würde. Oder rechnete damit. Die Formulierung war genau: Wenn das dritte Siegel bewegt wird. Nicht gestohlen, nicht verändert. Bewegt. Als glaube der Schreiber, der Gegenstand selbst werde kurz durch menschliche Hände gehen.

Sie holte aus dem Spendenregal den Katalog der Asamori-Reliefversteigerung. Die Benefizauktion hatte im vergangenen Monat nach dem Erdrutsch im nördlichen Bezirk stattgefunden. Die meisten Lose waren Bücher, Keramiken, alte Restaurantgutscheine, die von lokalen Betrieben beigesteuert worden waren, weil sie Freigebigkeit lieber mochten als Steuern. Los 118 stand auf Seite zweiunddreißig.

Drei Bronzesiegel für Gelehrte, Familienbesitz des Spenders, Kopien nach Han-Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert.

Spender: zurückgehalten.

Schätzung: gering.

Das beigefügte Foto war schlecht, von oben aufgenommen, doch genug war zu erkennen. Drei Siegel, in der Form fast identisch.

Fumika sah in Gedanken zurück zur Galerie und erkannte augenblicklich, was Kitajima beunruhigt hatte. Die Takeda-Siegel waren nicht einzigartig. Oder vielmehr, sie waren nur in einer besonderen Hinsicht einzigartig, die nur ein aufmerksamer Besitzer bemerken würde: Beim echten Satz hatte das linke Siegel unter dem Knauf eine kleine Delle, dort, wo es einst fallen gelassen worden war. Auf dem Auktionsfoto befand sich diese Delle auf dem mittleren Siegel.

Also zwei Sätze, oder ein Satz, der falsch beschrieben und vor Jahren verlegt worden war. Beide Möglichkeiten waren giftig.

Sie prüfte das Ergebnisblatt, das hinten im Katalog steckte. Los 118 war für einen Betrag verkauft worden, der für Kopien absurd hoch und für einen Familienskandal ziemlich niedrig war. Käufer: privat. Zahlung in bar eingegangen.

Kein Name.

Aber ein Bleistiftstrich am Rand verriet die Initialen des Sachbearbeiters: N. H.

Nishimura Hana aus der Förderabteilung führte Spenderakten wie Staatsgeheimnisse und hinterließ Lippenstiftspuren auf Teetassen, als unterzeichne sie Verträge. Fumika fand sie im Fundraising-Büro, wo sie auf der Fensterbank Chrysanthemen nach Höhe ordnete, eine Operation, der sie mit der Konzentration einer Militäringenieurin nachging.

»Hana-san«, sagte Fumika, »wer hat bei der Asamori-Auktion Los 118 bar bezahlt?«

Hana drehte sich nicht sofort um. »Guten Morgen auch dem Archiv.«

»Guten Morgen. Wer?«

»Man möchte sich gern um seiner selbst willen begehrt fühlen.«

Fumika wartete.

Hana drehte sich halb, nahm ihren Gesichtsausdruck auf und legte eine gelbe Chrysantheme nieder. »So schlimm?«

»Vielleicht.«

Hana senkte die Stimme. »Ich kann bei Benefizveranstaltungen ohne Grund keine Käuferidentitäten preisgeben.«

»Es gibt einen Grund.«

»Administrative Gründe, moralische Gründe oder polizeiliche Gründe?«

»Wählen Sie den, bei dem ich Ihnen am wenigsten lästig bin.«

Hana, die das Lästige beruflich schätzte, verschränkte die Arme. »Der Bietervertreter nannte keinen Namen. Ein Herr aus Takedas Büro hat am nächsten Morgen bar beglichen und darum gebeten, die Abholung zu verzögern. Ich erinnere mich, weil niemand Vernünftiges für schwere Bronzeobjekte mit Scheinen bezahlt.«

»Welcher Herr?«

»Sein vorvoriger Sekretär. Nicht die strenge Frau, der weiche. Sugimoto. Er hat im Winter gekündigt.«

»Abgeholt von wem?«

»Nicht sicher. Warten Sie.«

Sie öffnete eine Schublade, zog ein Duplikat des Kassenbuchs hervor und leckte sich den Daumen, bevor Fumika sie noch aufhalten konnte. »Hier. Zwei Tage später freigegeben an ›K. Kitajima‹ gegen Vorlage einer Vollmacht.«

Fumika sah auf.

Hanas Augenbrauen hoben sich. »Soll ich anfangen, es zu genießen?«

»Nein«, sagte Fumika. »Noch nicht.«

Kitajima war wieder in der Konservierung und reinigte seine Brille erneut. Entweder hatte er das in der letzten Stunde zwölfmal getan oder gar nicht.

Sie legte den Katalog auf der Bank neben ihm auf und dann die Kopie des Belegs.

»Sie haben Los 118 abgeholt.«

Er sah auf die Papiere, und der Kampf, nicht sofort zu antworten, war an der Linie seines Kiefers zu erkennen. »Ja.«

»Für Takeda?«

»Nein.«

»Für wen dann?«

Er setzte sich behutsam. »Für mich.«

Der Regen klang lauter, obwohl der Raum um ihn herum vielleicht auch einfach still geworden war.

»Sie haben drei Bronzesiegel bei der Hilfsauktion gekauft«, sagte sie. »Warum?«

»Weil ich sie auf dem Katalogfoto wiedererkannte. Oder glaubte, sie wiederzuerkennen.«

»Als was?«

»Als zweiten Satz, den Takedas Vater in Auftrag gegeben hatte. Vor Jahrzehnten. Ersatzstücke.«

Das, dachte sie, war genau jene Art familiärer Eitelkeit, die in der Gelehrsamkeit am besten gedieh.

Kitajima sprach weiter, Satz für Satz herausgelöst, als arbeite man mit feinen Werkzeugen. »Ich kannte den älteren Takeda ein wenig. Er glaubte, die Familiensiegel müssten makellos bleiben. Eines wurde im Krieg beschädigt. Er ließ bei einem Gießer in Ueno Kopien anfertigen. Sehr gute Kopien, für die damalige Zeit. Er hat es öffentlich nie zugegeben. Später, nach seinem Tod, veröffentlichte der Sohn — Professor Takeda — einen Aufsatz über den Satz als unversehrte, vererbbare Objekte. Unversehrt«, sagte er mit plötzlicher Bitterkeit. »Objekte werden immer berührt. Darum werden sie Geschichte.«

»Und Sie haben die Kopien gekauft, weil —«

»Weil der Auktionskatalog sie als Kopien aus dem 19. Jahrhundert bezeichnete, was falsch war, aber nah genug, um außer mir niemanden zu reizen. Ich wollte sie in Ruhe vergleichen und, falls nötig, Takeda dazu bringen, den Katalogeintrag zu berichtigen, bevor er die Originale hierher gab.«

»Vor drei Jahren?«

»Nein. Letzten Monat. Erst dann sah ich den Auktionseintrag.«

»Und haben Sie sie verglichen?«

Er sah weg. Jetzt lag Röte unter der früheren Blässe. Scham brachte Farbe besser zurück als Gesundheit.

»Ja.«

»Was haben Sie festgestellt?«

Er schwieg.

Da verstand sie nicht die ganze Form, aber genug, um zu sehen, wo der Boden abfiel. »Sie haben festgestellt, dass das ausgestellte bereits eine Kopie war.«

Er nickte einmal.

»Welches?«

»Das mittlere.«

Genau das, das nun durch eine neuere Fälschung ersetzt worden war.

Also lag der Austausch an diesem Morgen auf einem älteren Austausch. Jemand hatte nicht das Original aus dem Familiensatz entfernt, sondern die ältere Ersatzkopie, die seit Jahren an ihrer Stelle gestanden hatte. Es sei denn, er wusste, wo das Original jetzt war. Es sei denn, Kitajima wusste es.

»Warum haben Sie nichts gesagt?« fragte sie.

Er sah schließlich älter als einundachtzig aus, nicht an Jahren, sondern an Schichtung. »Weil Takeda den Satz inzwischen öffentlich gespendet hatte. Weil er, wenn ich es aufgedeckt hätte, jede Kenntnis abgestritten und meiner Abteilung Schlamperei vorgeworfen hätte, oder weil die Erinnerung seines Vaters durch Ausschüsse und Akten gezogen worden wäre, oder beides. Weil Museen«, sagte er fast sanft, »aus Objekten, Geld und der Eitelkeit leben, die sich an beides heftet. Nimmst du eines davon weg, bekommen die anderen beiden Zähne.«

»Wo ist das originale mittlere Siegel?«

Er schloss die Augen.

Das war Antwort genug.

»Bei Ihnen«, sagte sie.

»In meiner Verwahrung. Sicher.«

»Ihre Verwahrung ist keine von der Ordnung anerkannte Kategorie.«

»Die Ordnung war nicht eingeladen.«

Sie hätte beinahe Hana sagen hören, sie habe ihre eigentliche Berufung in der Diplomatie verfehlt. »Wusste es jemand?«

Eine Pause. »Eine Person ahnte es.«

»Wer?«

»Mizuki.«

Mizuki Aya, stellvertretende Kuratorin, zweiunddreißig Jahre alt, ausgezeichnet mit Schulgruppen, schlecht mit Hierarchien, und ausgestattet mit jener Ruhe, die gewöhnlich entweder Unschuld oder einen Plan verbarg. Sie und Kitajima hatten im vergangenen Jahr ein Muster aus Nähe und Streit gepflegt, das niemand hatte einordnen können. Er korrigierte ihre Etiketten mit rotem Bleistift; sie brachte ihm eingelegte Pflaumen aus dem Laden ihrer Mutter und ignorierte ihn tagelang, wenn sie verärgert war. Das Museum hatte beschlossen, dies sei Mentoring, weil Institutionen Substantive bevorzugten.

»Warum sollte sie es ahnen?«

»Weil sie merkt, wohin ich sehe.« Er sagte es ohne Selbstbewusstsein, was das Zwischen ihnen nicht unscharfer, sondern präziser machte. »Und weil sie das alte Packpapier in meinem Spind gefunden und eine Frage zu viel gestellt hat.«

»Hatte sie einen Schlüssel zur Vitrine?«

»Nein.«

»Haben Sie ihr gesagt, wo Sie das Original aufbewahren?«

»Nein.«

Diesmal glaubte sie ihm.


Die Straßenbahnfahrkarte lag auf ihrem Schreibtisch, während der Morgen enger wurde.

18.42 Uhr von Minato-Kreuzung nach Museum West. Jemand war nach Dienstschluss den Hügel heraufgekommen und wollte, dass sie es wusste. Die Fahrkarte war von gestern, nicht alt genug, um zufällig zu sein. An der Minato-Kreuzung begannen die Ladenpassagen, und dort hatte Takeda auch sein Büro über einem Papiergroßhändler. Sugimoto, der frühere Sekretär, könnte dort eingestiegen sein. Aber auch halb die Stadt.

Fumika sah noch einmal auf den regengefleckten Umschlag. Das Papier war Museumsbestand, von irgendwo aus dem Haus entnommen. Die Adresse war mit sorgfältiger, neutraler Schrift geschrieben, einer Hand, die nicht erkannt werden wollte und es doch nicht ganz schaffte. Sie ging nach unten, um sie mit den internen Formularen zu vergleichen.

Um

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