Um zwei Uhr morgens trat Hirose Naoko mit einer Kerze in der einen Hand auf den Flur im Obergeschoss und sah, dass die Zeit sich schlecht angeordnet hatte.
Im Korridor des Gästehauses standen sechs Uhren. Der Wirt, Senda Takuji, sammelte sie in jener hoffnungsvollen Art von Männern, die ihr eigenes Hobby nicht verstanden. Eine Reisenuhr aus Messing hing an einem Nagel am Griff. Zwei billige Wanduhren, beide mit gemalten Rosen, gingen nie ordentlich, selbst wenn man sie ermunterte. Eine schwarze Kaminuhr stand auf einem schmalen Brett, das sie nicht zu tragen brauchte. Es gab eine Bahnhofsuhr mit gesprungener Scheibe und einen Walnuss-Vienna-Regulator, der für das Haus zugleich zu gut und für den Treppenabsatz zu groß war. Am äußersten Ende, vor dem Eckzimmer im obersten Stock, stand eine gedrungene Weckeruhr auf einem kleinen Gestell, weil, wie Senda einmal erklärt hatte, der Gast in diesem Zimmer das Ticken hören wollte.
Alle sechs waren stehen geblieben.
Alle sechs zeigten siebzehn Minuten nach eins.
Naoko blieb reglos stehen. Sie war dreiundsechzig, schmal in den Schultern und bewegte sich mit der Vorsicht eines Menschen, der vierzig Jahre lang Federn in Händen gehalten hatte, klein genug, um in der Haut zu verschwinden. Die Flamme der Kerze bog sich im Luftzug des Treppenhauses. Nichts sonst bewegte sich.
Dann hörte sie unten in der Küche die Uhr ticken, mit störrischer Energie.
Das trieb sie eher hinunter als die sechs angehaltenen Uhren.
Das Haus war eine umgebaute Villa nahe dem Meer, alt genug, um sich zu mehreren Ansichten über ebene Böden entschlossen zu haben. Im Sommer nahmen sie Studenten, Vogelbeobachter und sentimentale Paare auf. Im Oktober nahm es jeden, der den letzten Zug verpasst hatte und entdeckt hatte, dass die billigeren Gasthäuser am Hafen nach Diesel und Verzweiflung rochen. Das Schild draußen nannte es Aonagi House. Innen hatte die Tapete sich höflich gebräunt.
Naoko erreichte die Küche. Die Uhr an der Wand über dem Anrichtebord lief rückwärts. Nicht schnell; nicht theatralisch. Sie tickte mit der ruhigen, kleinen Arroganz einer Maschine, die ihrem eigenen Schaden gehorchte. Der Minutenzeiger kroch von sechzehn auf fünfzehn.
Darunter hatte sich auf dem Tisch eine Teetasse zu einem Bernsteinring ausgebreitet. Die Tasse lag auf der Seite. Ein Teelöffel ruhte in der Lache wie ein Mann, der mitten über einen Fluss aufgegeben hatte.
Naoko setzte die Kerze ab, nahm die Uhr vorsichtig von ihrem Haken und lauschte. Das Hemmwerk verfing sich rückwärts. Nicht unmöglich, nur falsch. Jemand hatte sie unsachgemäß behandelt, oder fallen lassen, oder die Zeiger gewaltsam verdreht und dabei etwas gelöst. Ihre Finger rochen schwach nach Messing und Tee.
Hinter ihr, in der Tür, sagte jemand: „Frau Hirose?“
Es war Kanda Mie aus Zimmer drei, in einen grünen Cardigan über dem Nachthemd gewickelt und mit der strengen Würde einer frisch Erschrockenen. Sie unterrichtete Gesang an einer Mädchenschule in Yokohama und hatte das gleich am ersten Morgen beim Frühstück allen erzählt.
„Sie sind auch wach“, sagte Mie. „Ich dachte, ich hätte etwas gehört. Ist Herr Senda auf?“
„Nein.“
„Was ist passiert?“
Naoko sah auf die umgestürzte Tasse. „Das“, sagte sie, „will ich herausfinden.“
Oben knarrte ein Bodenbrett.
Beide Frauen blickten auf.
Es folgten rasche Schritte, dann eine Pause, dann noch ein Schritt, als habe jemand zu spät bemerkt, dass Rennen eine Aussage ist.
Senda Takuji kam im Hemd hinunter, der Gürtel offen, die Haare nur auf einer Seite vom Kissen gezeichnet. Er war ein breitschultriger Mann in den Fünfzigern, im Umgang sanft, in den Zwischenräumen ausweichend. Er blinzelte in die Küche und sagte nach einer nützlichen Verzögerung: „Was soll das alles?“
Naoko hob die Uhr in einer Hand.
„Kaputt?“ sagte er.
„Und sechs oben stehen geblieben bei 1:17.“
Das brachte für einen Moment zu viel Ausdruck in sein Gesicht, bevor er darüber Besorgnis legte. „Sechs?“
„Die Uhren im Flur.“
Kanda Mie stieß ein leises, unglückliches Aufatmen aus, froh, dafür einen Grund zu haben. „Ist das wichtig?“
„Es hängt davon ab“, sagte Naoko, „ob man Ursache mag.“
Eine weitere Tür oben öffnete sich. Dann noch eine. Stimmen riefen den Gang entlang, fragten, was los sei, und eine Stimme antwortete nicht.
Der vermisste Gast war im Eckzimmer ganz oben, vor dem die gedrungene Weckeruhr stand. Sein Name war Nakahara Jun, zweiunddreißig, laut Gästebuch Übersetzer, laut allen, die ihn kennengelernt hatten, still, und laut dem Zimmer selbst abwesend.
Die Tür war von innen verschlossen.
Senda rüttelte am Knauf, rief Nakaharas Namen zweimal, dann dreimal, und warf Naoko einen Blick zu, als habe sie verschlossene Türen absichtlich arrangiert. Der Schlüssel steckte nicht von außen. Von drinnen kam keine Antwort.
Die Fenster auf dieser Seite des Hauses blickten auf einen schmalen Kiesstreifen und dann auf den Steig hinunter zum Strand. Drei Stockwerke, wenn man sich nicht romantisch über Dachböden täuschte.
„Vielleicht schläft er“, sagte einer der anderen Gäste, ein Universitätsassistent namens Fujishiro, der runde Brillengläser trug und im Schlafanzug unter dem Cardigan erschien und bei jedem Substantiv verlegen wirkte, das er benutzte.
Senda stieß mit der Schulter gegen die Tür. Sie hielt.
„Tretet zurück“, sagte Naoko.
Das lag nicht daran, dass sie vorhatte, sie einzutreten. Sondern daran, dass sie niederknien wollte.
Das Schlüsselloch war altmodisch und recht gesprächig. Sie hielt die Kerze tief und betrachtete die Kratzer um die Platte, den Spalt unter der Tür, die feine Linie, wo alte Farbe Rahmen und Fassung immer wieder versiegelt hatte. Hinter ihr atmete jemand hörbar vor Spannung. Es half nicht.
„Da ist ein Schlüssel drin“, sagte sie.
„Wie können Sie das wissen?“ fragte Mie.
„Ich kann es vom Luftzug her nicht beweisen“, sagte Naoko. „Aber das Schloss gibt einen anderen Widerstand, wenn etwas im Zylinder steckt, und durch das Schlüsselloch fällt kein Licht. Wir können es auch gleich richtig fragen.“
Senda sagte: „Dann können wir nicht—“
„Doch“, sagte Naoko. „Bringt mir eine Zeitung. Und etwas Dünnes. Eine Haarnadel genügt.“
Kanda Mie brachte sofort drei Haarnadeln hervor, aus irgendeinem Bereich ihres Haars, der den Eindruck erweckte, sie habe dort den Abend über eine geheime Architektur verborgen. Die Zeitung kam vom Treppenabsatz.
Naoko schob das gefaltete Blatt unter die Tür, bis es jenseits der inneren Schwelle lag, dann führte sie die Nadel ins Schlüsselloch. Der Mechanismus war einfach. Der darin steckende Schlüssel widerstand, dann bewegte er sich. Ein winziger metallischer Protest. Etwas fiel auf Papier.
Sie zog die Zeitung wieder hervor. Der Schlüssel lag darauf, unversehrt und harmlos.
Einer der Gäste stieß ein befriedigendes Geräusch aus. Senda nahm den Schlüssel, zögerte einen halben Atemzug und öffnete die Tür.
Das Zimmer enthielt keinen Mann.
Es enthielt ein Bett, das benutzt, aber nicht sonderlich gestört worden war, ein Waschbecken, einen offenen Schrank, eine Reisedecke über dem Stuhl, einen regenfeuchten Wollmantel am Bettpfosten, einen abgebrochenen Brillenbügel auf dem Boden nahe dem Heizkörper und ein von innen verriegeltes Fenster.
Das Meer war unten zu hören, wenn auch nicht zu sehen. Die Vorhänge atmeten durch einen Spalt im Rahmen ein und aus.
„Mein Gott“, sagte Fujishiro leise, als habe seine Bildung ihn nicht auf das Verschwinden vorbereitet.
Naoko trat ein. Die anderen blieben an der Tür, denn selbst Unsinn gewinnt Autorität, wenn man ihn als verschlossenen Raum einführt.
Als Erstes zog es ihren Blick zu dem Mantel. Er war von den Schultern bis Mitte Ärmel feucht, am Saum aber nicht. Also kein Regen, es sei denn, sein Träger hatte in sehr gezieltem Wetter gestanden. Vielleicht Meernebel oder Gischt. Das Zimmer selbst war nicht feucht genug, um das zu erklären.
Sie berührte den Stoff. Noch kühl.
Auf dem Boden neben dem Heizkörper lag der abgebrochene Bügel einer Brille. Braunes Schildpatt, gewöhnlich. Der Bruch war frisch, am Abriss hell. Ein Mensch konnte einen Brillenbügel bei einem Sturz verlieren, beim Drauftreten oder beim einhändigen Abnehmen der Brille in Erregung. Die Möglichkeiten waren zahlreich und damit unerquicklich, was zu Beginn nicht ungewöhnlich war.
Etwas Blaues hatte sich im Gitter des Heizkörpers verfangen. Ein Faden, Wolle oder ein Wollgemisch, etwas über einen Zentimeter lang.
Hinter ihr sagte Senda: „Vielleicht ist er durch einen anderen Weg hinaus.“
Naoko wandte sich um. „Durch welchen?“
Er breitete die Hände aus. „Das Fenster? Ein Seil?“
„Es gibt kein Seil.“
„Gab es eines?“ fragte Mie und war eifrig genug, zum Verderben beizutragen.
„Nein“, sagte Naoko. „Gab es nicht.“
Sie ging zum Fenster und untersuchte den Verschluss. Staub lag unberührt an der unteren Kante, außer dort, wo der Vorhang ihn streifte. Auf der inneren Fensterbank gab es weder Abrieb noch Sandkörner noch einen Schimmer von salznassem Schuhwerk. Hätte ein Mann sich hier hinausgeklettert, dann in einer Position zwei Zentimeter über dem Holz schwebend.
Sie sah zurück zur Tür. Der Schlüssel lag nun in Sendas Handfläche. Ein verschlossener Raum war nur eine Tatsache. Das Zierwerk machte man sich danach.
„Hat jemand Herrn Nakahara seit dem Abendessen gesehen?“ fragte sie.
Es gab die übliche kleine Verwirrung des Erinnerns. Abendessen um halb acht. Nakahara hatte wenig gegessen. Er hatte mit der Bewohnerin aus Zimmer fünf gesprochen — Fräulein Okabe, eine Holzschnittkünstlerin aus Tokio mit kurzgeschnittenem Haar und praktischer Stimme. Nach dem Essen hatten sie im Salon gesessen. Dann war sie mit einer Zeitschrift zu Bett gegangen. Er war beim Feuer geblieben und hatte gelesen. Senda hatte um halb elf Gläser abgeräumt und ihn noch dort gesehen. Irgendwann nach elf war Nakahara wohl nach oben gegangen. Danach hatte niemand mehr etwas an ihm bemerkt, weil Menschen es selten tun, bis ihre Abwesenheit sie zu Zeugen macht.
Naoko fragte Fräulein Okabe: „Worüber hat er mit Ihnen gesprochen?“
Okabe lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, im gestrigen Hemd und in einer weiten Herrenhose, die zu ihrer Gleichgültigkeit passte. „Über den Leuchtturmpfad. Er fragte, ob er nachts sicher sei. Ich sagte ihm: nur, wenn er sich das Genick brechen wolle.“
„Hat er gesagt, warum er es wissen wollte?“
„Nein.“ Sie warf einen Blick in das leere Zimmer. „Er wirkte gedrückt. Nicht dramatisch. Nur beschäftigt.“
Beschäftigt war ein gutes Wort. Es ließ Trauer, Schulden, Liebe und Verdauungsstörungen gleichermaßen Platz.
Naoko sagte: „Trug er eine Brille?“
„Ja“, sagten drei Menschen zugleich.
Senda fügte hinzu: „Lesebrille. Schmaler Mann. Grauer Mantel.“
„Der Mantel ist hier“, sagte Naoko.
„Und feucht“, sagte Okabe, die als Erste bemerkte, was die anderen übersehen hatten.
Naoko schenkte ihr einen kurzen Blick. „Ja.“
Senda ging zum Waschbecken und hob, aus keinem für Naoko erkennbaren Grund, die Seifenschale an, stellte sie wieder ab. „Sollten wir nicht die Polizei rufen?“ fragte er.
„Zu gegebener Zeit“, sagte Naoko. „Zuvor sollten wir vermeiden, erfinderisch zu werden.“
Er lachte kurz, ohne Freude daran.
Um halb drei hatte sich das Haus in eine Art organisierte Wachheit gefügt. Niemand kehrte ins Bett zurück. Tee wurde gekocht und kam, ohne dass Naoko etwas dafür konnte, genau in der falschen Temperatur an: heiß genug, um zu bestrafen, und nicht heiß genug, um die Strafe zu rechtfertigen. Sie trank ihn trotzdem.
Sie versammelten sich im Wohnzimmer unten, während Senda den Jungen vom Dienstmädchen zum Polizeiposten im Dorf schickte. Das Meer klang nah, obwohl die Flut draußen war. Auf dem Kaminsims funktionierte die Uhr noch, weil Senda vergessen hatte, sie in den Flur zu stellen und sie in Solidarität zu den anderen stoßen zu lassen.
Naoko saß mit ihrer Tasse und verlangte von jedem eine schlichte Darstellung.
Außer Senda und der Küchenmagd, die im Anbau schlief und nichts gehört hatte, waren sieben Menschen im Haus. Kanda Mie war um halb elf ins Bett gegangen und gegen eins aufgewacht, wie sie meinte, weil jemand in Straßenschuhen den Gang entlangging. Fujishiro, der Assistent, hatte bis fast ein Uhr Briefe geschrieben und gehört, wie die Flur-Uhr einmal schlug, dann nicht mehr. Fräulein Okabe hatte nach Mitternacht wach gelegen und unten eine Tasse zerbrechen oder fallen hören. Ein Handelsreisender in Zimmer zwei bot außer Verärgerung darüber, überhaupt einbezogen zu sein, nichts. Ein älteres Ehepaar aus Chiba lieferte übereinstimmende Ungenauigkeiten.
Naoko hörte auf die Form, nicht auf die Sicherheit.
Einmal verließ Senda den Raum, um mehr Kohle für das Kohlenbecken zu holen. Er war nur eine Minute fort. Als er zurückkam, erhob sich Naoko fast sofort und sagte: „Ich möchte die Treppe noch einmal sehen.“
Sie hatte keinen unmittelbaren Grund. Sie wollte ihn lediglich unterbrechen.
Auf dem ersten Treppenabsatz blieb sie stehen.
Neben dem Schirmständer, wo vorher nichts gewesen war, stand ein Hausschuh.
Roter Filz, an der Ferse abgetragen.
Naoko sah ihn an und rief dann nach unten: „Fräulein Kanda, haben Sie einen Hausschuh verlegt?“
Mie kam verwirrt herauf und sagte: „Nein. Meine sind grün.“
Der Schuh gehörte weder ihr noch irgendwem unter den Gästen. Senda hinter ihnen auf der Treppe sagte zu schnell: „Der muss schon die ganze Zeit unter dem Tisch gelegen haben.“
Naoko erwiderte seinen Blick.
Er sah zuerst weg, was nützlich war.
„Herr Senda“, sagte sie mild, „wenn Sie fortfahren, Gegenstände in die Nacht einzuführen, machen Sie sie nur länger.“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“
„Ich glaube, doch. Bitte hören Sie auf.“
Mie starrte mit unverhohlener Freude von einem zum anderen. Der Handelsreisende murmelte, das sei absurd. Das war es, minderte aber seine Bedeutung nicht.
Naoko beugte sich und hob den Hausschuh auf. An seiner Sohle hing ein halbmondförmiger Hauch feiner grauer Asche.
Nicht aus dem Flur. Vielleicht vom Küchenherd, oder von der Hinterstufe, wo die Asche ausgeschüttet wurde. Sie drehte ihn um und reichte ihn dann Senda. „Legen Sie ihn wieder dorthin, wo Sie ihn gefunden haben“, sagte sie.
„Ich habe ihn hier gefunden.“
„Dann lernt Ihr Haus gerade Tricks.“
Er errötete. Die anderen sahen ihn mit der plötzlichen Aufmerksamkeit von Leuten an, denen ein Schurke gefehlt hatte und die erleichtert waren, vorläufig einen angeboten zu bekommen.
Unter der Treppe, während Fujishiro nach nichts Bestimmtem und damit nach etwas suchte, rief er plötzlich. Dort stand ein Koffer, hinter einem Eimer und einer zusammengerollten Matte geschoben.
Es war Nakaharas Koffer. Das Etikett nannte seinen Namen und eine Adresse in Tokio. Das Leder war gut, aber alt. Die Schnallen waren geschlossen. Als Senda ihn herauszog, glitt im Inneren etwas Schweres von einer Seite zur anderen und schlug mit einem kompakten, dichten Laut an.
Niemand mochte dieses Geräusch.
Mie flüsterte: „Doch nicht etwa—“
„Nein“, sagte Naoko. „Ein menschlicher Körper würde anders antworten.“
Das beruhigte niemanden, außer vielleicht dem betreffenden Körper, falls er noch existierte.
Sie kniete sich neben den Koffer. Im Staub darunter klaffte eine saubere Lücke, wo er kürzlich bewegt worden war. Der Griff war trocken. An einer Ecke befand sich ein schwacher dunkler Schmierfleck, kein Blut, kein Schlamm; vielleicht Tee oder Rußwasser. Sie roch daran. Salz.
„Haben Sie das hierher gestellt?“ fragte sie Senda.
„Natürlich nicht.“
„Haben Sie gesehen, wer es getan hat?“
„Nein.“
„Dann trug also jemand nach Mitternacht einen schweren Koffer durch Ihren Flur, und Sie merkten nichts.“
„Ich habe geschlafen.“
„Ja“, sagte Naoko. „Bequemerweise.“
Senda versteifte sich. „Wenn Sie mich beschuldigen—“
„Ich beobachte Sie. Das ist weniger dramatisch.“
Sie öffnete den Koffer.
Darin lagen Kleidung, ordentlich gefaltet, in Papier eingeschlagene Bücher, ein Rasieretui, eine Blechdose mit Medikamenten und ganz unten, unter zwei Pullovern, eine bronzene Schiffsuhr, so groß wie ein Essteller.
Sie hatte sich aus ihrer Halterung gelöst und war beim Tragen verrutscht. Das erklärte das Gewicht und das schlagende Gleiten. Es erklärte auch noch etwas anderes.
Naoko hob sie vorsichtig an. Die Zierfassung war eingedrückt. An einer Kante haftete eine Spur weißen Putzes, und an der Aufzugsspindel war ein frischer Schrammen.
Senda stieß einen Laut durch die Nase hervor, nicht ganz ein Seufzer.
„Nakahara hat das mitgebracht?“ fragte Okabe.
„Offenbar.“
„Ein Diebstahl?“
„Möglich. Oder ein Streit um Eigentum. Oder ein unglückliches Geschenk.“
Naoko sah Senda wieder an. „Wussten Sie, dass er das hatte?“
„Nein.“
Er antwortete wieder zu schnell. Es begann ein Muster zu werden, was bereits eine der großzügigeren Gaben eines Lügners war.
Um zehn nach drei, bevor der Dorfgendarm eintraf, ging Naoko allein zurück in das Zimmer oben.
Es gab nur wenige Tatsachen, denen sie traute. Die Flur-Uhren waren alle bei 1:17 stehen geblieben. Eine Küchenuhr war beschädigt und rückwärts gestellt worden. Eine Teetasse war unten umgestürzt. Nakaharas Mantel war an Schultern und Ärmeln feucht, nicht aber an der unteren Hälfte. Sein Brillenbügel war nahe dem Heizkörper gebrochen. Sein Koffer war unter der Treppe verborgen worden. Senda hatte mindestens einen Gegenstand bewegt, um den Verdacht zu verschieben. Also fürchtete Senda, was einfache Beobachtung hervorbringen würde.
Aber Furcht vor Skandal und Furcht vor Mord waren nicht dasselbe.
Sie stand am Bett und betrachtete den Mantel noch einmal. Dann sah sie den Heizkörper an. Er war alt, mit einem schmalen Spalt zwischen ihm und der Wand. Ein blauer Wollfaden hatte sich an einer rauen Stelle verfangen.
Blau.
Nicht von Nakaharas grauem Mantel.
Sie suchte das Zimmer langsamer ab. Auf der Bettdecke nahe dem Kissen lag ein Korn weißen Schutts. Auf dem Regal des Waschbeckens ein weiteres. Sie rieb eines zwischen Finger und Daumen. Putz, vielleicht. Nahe der Fußleiste, neben dem Schrank, eine dunklere Schuppe: Farbe, alte cremefarbene Farbe.
Das Zimmer teilte sich eine Wand mit dem engen Dienstgang hinter dem Haus. Hinten am Gebäude gab es außerdem einen unbenutzten Wäscheschrank, der von diesem Gang aus zugänglich war. Naoko erinnerte sich daran, weil sie am ersten Tag in der Suche nach dem Bad die falsche Tür geöffnet und sich plötzlich Stapeln von Decken und einer ergebenen Spinne gegenübergefunden hatte.
Sie trat an den Schrank und zog ihn